Kritik an Impfstrategie der Bundesregierung reißt nicht ab

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Fläschen mit Biontech-Impfstoff

Die Kritik an der Corona-Impfstrategie der Bundesregierung reißt nicht ab. "Deutschland darf im Vergleich zu anderen Ländern bei der Bereitstellung des Impfstoffs nicht hinterherhinken", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Auch weitere Politiker von Opposition und SPD äußerten sich am Wochenende unzufrieden mit dem Vorgehen bei der Impfstoffbeschaffung, was zu Missstimmung in der CDU führte. Der Virologe Christian Drosten hält die Kritik für nicht nachvollziehbar.

"Wir könnten deutlich mehr Menschen impfen, wenn mehr Impfstoff zur Verfügung stehen würde, um insbesondere ältere Menschen mit einem hohen Risiko möglichst schnell vor dem Coronavirus zu schützen und damit das Gesundheitssystem zu entlasten", sagte Schwesig.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der "Rheinischen Post", offenbar habe die Regierung zu sehr auf spätere und vielleicht preiswertere Impfstoffe gehofft. SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese äußerte sich im Portal "t-online.de" "entsetzt" über Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und forderte, dieser müsse "die offensichtlichen Probleme unverzüglich in den Griff bekommen".

FDP-Bundesvize Wolfgang Kubicki sprach bei "Focus Online" von einem "Katastrophen-Impfstart". Auch Grünen-Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche sagte der "Welt", es wäre aus heutiger Sicht besser gewesen, "mehr und verschiedene Impfstoffe" auf Risiko zu bestellen.

Spahn wies die Vorwürfe zurück. "Wir haben ausreichend Impfstoff für Deutschland und die EU bestellt", sagte er der "Rheinischen Post" (Montagsausgabe). Das Problem sei die geringe Produktionskapazität zu Beginn bei weltweit extrem hoher Nachfrage. "Es war bekannt, dass es zu Beginn knapp werden würde und wir priorisieren müssen", sagte Spahn.

Der Gesundheitsminister sieht bei der Schnelligkeit der Impfungen auch die Bundesländer in der Pflicht. Das Vorgehen sei unterschiedlich, teils durch Anschreiben oder telefonische Terminvergabe. "Dass es keine bundeseinheitliche, sondern diese unterschiedliche Herangehensweise gibt, war eine sehr bewusste Entscheidung der Länder", sagte Spahn. Nun müsse diese Entscheidung "gemeinsam bestmöglich umgesetzt werden"

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak bezeichnete Kritik aus den Reihen der SPD als "plumpe Manöver". "Wir sollten uns einfach alle auf Problemlösungen konzentrieren", schrieb Ziemiak auf Twitter.

Der CDU-Vorsitzkandidat Armin Laschet twitterte, dass in zehn Monaten ein Impfstoff erforscht, entwickelt, erprobt, genehmigt, ausgeliefert und eingesetzt werde, sei "eine sensationelle wissenschaftliche Leistung". "Trotzdem wie stets: nachträgliche Besserwisserei und parteipolitisches Klein-klein."

Der ebenfalls für den CDU-Vorsitz kandidierende Norbert Röttgen sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vom Sonntag, er finde es richtig, "dass die deutsche Politik einem Impf-Nationalismus eine klare Absage erteilt hat". Der Impfstoff wird in Europa zentral von der EU-Kommission beschafft.

Der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, sagte zur Kritik am Vorgehen bei der Impfstoffbeschaffung, es sei "jetzt praktisch unmöglich, das im Nachhinein zu bewerten". Die EU habe den Impfstoff mit Monaten Vorlauf bestellen müssen und zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gewusst, "ob der betreffende Impfstoff auch funktionieren würde", sagte er der "Berliner Morgenpost" vom Sonntag.

Die Neurologin Frauke Zipp, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, hatte zuvor der Bundesregierung in Sachen Impfstoff "grobes Versagen" vorgeworfen. "Warum hat man im Sommer nicht viel mehr Impfstoff auf Risiko bestellt?", fragte Zipp in der "Welt" vom Samstag. Mit genügend Impfstoff könnten 60 Prozent der Bevölkerung in zwei bis drei Monaten immunisiert werden, sagte sie.

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