Krisengespräche meistern: Wie ihr lernen könnt, Kritik zu üben und anzunehmen

Isabell Prophet
·Lesedauer: 6 Min.

Kritik kann Menschen wachsen lassen oder ihnen den Mut nehmen. Kritik kann vernichtend sein, wenn in ihr nicht mehr geschätzt wird, was die andere Person Gutes leistet. Und viel zu oft heißt es, ob die Kritik gut ankommt, hänge an Empfängerin oder Empfänger. Kritikfähigkeit heißt das Zauberwort und gerade jungen Menschen wird gern vorgeworfen, sie fehle ihnen. Dass diese Kritikfähigkeit fehlt, wird dann an „falschen“ Reaktionen auf Kritik festgemacht: Die Person verteidigt sich, sucht Gründe oder zeigt Emotionen.

Dass gerade junge Menschen so reagieren, liegt in meinen Augen an zwei Faktoren: Erstens haben sie zwangsläufig weniger Erfahrung mit Kritik. Zweitens fehlt ihnen deshalb die Fähigkeit, notwendige Elemente des Feedbacks von unnötigen und oft unfairen Elementen zu unterscheiden. So vermischen sich die Bestandteile der Kritik zu etwas, das eine Verteidigungshaltung auslöst.

Schuld daran ist die Tatsache, dass viele Menschen längst nicht so gut darin sind, andere zu kritisieren, wie sie selbst vielleicht denken. Kritikfähigkeit ist nicht nur eine Frage des würdevollen Empfanges. Sie ist auch eine Frage des angemessenen Vortrags. Dazu gehört natürlich, Wichtiges zu benennen, auch wenn es hart sein mag. Zu guter Kritik gehört aber auch, sich bestimmte Elemente zu verkneifen.

Wie ihr sinnvoll kritisiert

Kluges Kritisieren will also gelernt sein. Es braucht eine Strategie, so wie jede zielgerichtete Kommunikation. Sechs Elemente können helfen, ein Feedback-Gespräch gut vorzubereiten und durchzustehen.

1. Gute Kritik braucht ein positives Ziel

Wer kritisiert, der sagt, was schlecht gelaufen ist. Sinnvoll ist das aber nur, wenn auch darüber gesprochen wird, was besser gewesen wäre. Kritik ist dann gut, wenn der oder die Empfangende von Anfang an weiß, wie die teilgescheiterte Aktion besser ausgegangen wäre.

2. Gute Kritik braucht Struktur

Spannungsbögen sind in der Kommunikation oft nicht zielführend. Sie lenken ab, weil eine innere Anspannung entsteht: Wer kritisiert wird, wartet sorgenvoll auf das große Finale. Wer seinem Gegenüber zu lange vorenthält, was er oder sie sich gewünscht hätt, schwächt damit die Wirkung der Botschaft. Der klassische Ratschlag, ein Kritik-Sandwich zu schmieren, mag ein guter Anfang sein. Geübtere Kritiker orientieren sich aber lieber an ihrem tatsächlichen Ziel als an staubigen Führungstipps. Und das wird in der Regel komplexer sein.

3. Nutzwert-Nutzwert-Nutzwert

Was soll die andere Person aus der Kritik mitnehmen? Diese Frage sollte vor jedem Feedback-Gespräch das zentrale Element der Vorbereitung sein. Nach schlecht vorgetragener Kritik könnte nur die Unzufriedenheit hängen bleiben. Wertvoller wäre ein klarer Handlungsauftrag. Der muss präzise formuliert sein und im Gespräch den größten Raum einnehmen. Königsdisziplin: den Auftrag am Ende des Gesprächs noch einmal benennen und dabei eine optimistische Stimmung erzeugen.

4. Verzichtet auf Stilmittel

Wer etwas besonders tief eingravieren muss, benutzt scharfe Waffen dafür. Leider gilt das auch in der Kritik: persönliche Enttäuschung, generalisierte Zweifel am Gegenüber, autoritäres Gebaren. Und da das noch immer normal ist, sollten wir uns auch nicht wundern, wenn Menschen emotional reagieren. Niemand lässt sich gern runtermachen. Der Glaube daran, dass sich jemand eine Lektion so richtig gut merkt, wenn sie scharf vorgetragen wird, feuert an anderer Stelle direkt zurück: Sie schwächt die Beziehung. Und das nimmt der Kritik einen Teil ihrer Relevanz.

5. Akzeptiert Emotionen

Niemand macht gern etwas falsch. Auch sachlich-freundlich vorgebrachte Kritik kann deshalb Selbstzweifel oder Emotionen auslösen. Und das ist in Ordnung. Der schnellste Weg zurück zur Sachebene führt über Anerkennung und Verständnis: „Es ehrt dich, dass du mein Feedback ernst nimmst.“

6. Nachfassen statt nachtreten

Nach dem Gespräch noch einmal Kontakt aufnehmen dient der Beziehung. Kritikerinnen und Kritiker können mit einer freundlichen E-Mail die Tür für Rückfragen öffnen. Nicht so gut: Für Verständnis danken, wenn dieses nicht besonders betont wurde. Beziehungen sind dann am stabilsten, wenn die Kommunikation Fakten berücksichtigt, nicht Wunschvorstellungen.

Kritik ist dann gut, wenn das Gegenüber mit ihr weiterarbeiten kann und die Beziehung nicht belastet wird – sondern im Idealfall bestärkt. Dafür braucht es kein wachsweiches Kuschelgespräch. Meistens reicht es, auf der Sachebene zu bleiben und gleichzeitig den Emotionen des Gegenübers offen zu begegnen. Wer anderen durch seine Kritik etwas beibringen möchte, erteilt immer zwei Lektionen: die, um die es eigentlich geht. Und eine Lektion im Kritisieren.

Wie ihr Kritik gut annehmt

Kritisiert werden ist nicht schön. Verdient oder unverdient, aus respektabler Quelle oder ungefragt von der Seitenlinie – Kritik stört den Betriebsablauf und fordert oft eine Reaktion. Die gute Nachricht: Jede und jeder kann selbst steuern, wie er oder sie mit der Kritik umgeht. Und damit auch den Kritikern einen Rahmen für ihre Kritik geben.

1. Rechtfertigt euch nicht die ganze Zeit

„Entschuldigungen werden nicht gedruckt“, das ist eine der ersten Lehren, die ich als junge Journalistin gehört habe. Und es stimmt. Wenn etwas nicht klappt, dann ist das eben so. Gerade wohlmeinende Kritiker haben keine Tirade von Entschuldigungen verdient. Sie wollten euch nur weiterbringen. Wenn das Bedürfnis einer Rechtfertigung allzu stark wird: Fasst euch kurz damit.

2. Trennt die Sachebene von den Emotionen

Ja, manche Menschen kritisieren emotional und erwarten dann sachlichen Gehorsam. So wird das Feedbackgespräch zur Manipulationsfalle. Damit umzugehen ist schwierig. Die klügste Strategie ist es, hier zunächst um die Klarstellung der Sachebene zu bitten: „Was genau ist schief gelaufen?“

Eine Entschuldigung dafür, den anderen enttäuscht zu haben, kann angebracht sein, muss sie aber nicht. Wer emotional kritisiert wird, wird darauf vielleicht selbst emotional reagieren – und in eine Verteidigungshaltung gehen. Manchmal reicht es, das Gespräch auf die Sachebene zu heben und zunächst dortzubleiben. Für die Gefühlslage ist auch später noch Zeit, wenn alle Gemüter gekühlt sind.

3. Eigene Emotionen sind natürlich erlaubt – brauchen aber innere Moderation

Innerlich die Augen verdrehen ist erlaubt, sollte aber nicht die Konzentration trüben. Gleichzeitig ist es vollkommen normal – und sehr in Ordnung – enttäuscht von sich selbst zu sein. Eigene negative Emotionen können aber verhindern, dass ihr von der Kritik profitiert. Wer gut mit Kritik umgehen will, muss darauf achten, ihren Inhalt auch zu verstehen. Auch hier ist es sinnvoll, sich die Gefühle für später aufzuheben.

4. Stellt Fragen

Bleibt der Kritiker oder die Kritikerin in der Botschaft schwammig, scheint euch aber wichtig zu sein, dann fragt nach. Wer den Kern seiner Botschaft nicht benennt, der muss antworten: „Was genau fehlt? Wie hätte ich es besser machen können?“ Falls die Frage offenbleibt, klärt unbedingt auch, ob ihr direkt nacharbeiten dürft.

Kritikfähigkeit ist keine Einbahnstraße. Beide Seiten müssen sie lernen. Und beide Seiten führen dann ein gutes Krisengespräch, wenn sie aufeinander eingehen, Fragen stellen und einen klare Idee davon haben, mit welchem Ergebnis sie aus diesem Gespräch herausgehen wollen.