Krise? Welche Krise? Banker bleiben cool: Der Tag mit Bloomberg

(Bloomberg) -- Eine Rezession droht. In Europa tobt ein Krieg. Energie ist knapp und teuer. Die Inflation galoppiert. Ein perfekter Fahrplan in die Abwärtsspirale. Oder? Angesichts der Mehrfachkrise, mit der Deutschland kämpft, geben sich die heimischen Spitzenbanker beim Stelldichein der Branche in Frankfurt einigermaßen entspannt.

“Ich gehe nicht in das Lager der düsteren Propheten”, erklärte etwa Helaba-Chef Thomas Groß bei der Euro Finance Week. Zwar werde es wohl eine spürbare Rezession geben. Eine mittel- oder längerfristige strukturelle Krise sehe er aber nicht. Das Land könne auf die Anpassungsfähigkeit der deutschen Industrie und des Mittelstands setzen.

Auch Commerzbank-Finanzchefin Bettina Orlopp urteilt: “Die Lage ist besser als die Stimmung.” DZ-Bank-Co-Chef Cornelius Riese würde “zu etwas mehr Optimismus raten”. Und Lutz Diederichs, Deutschlandchef von Europas größter Bank BNP Paribas, sieht die Bank-Bilanzen nicht im Krisenmodus. Für Wertberichtigungen bei den Firmenkunden gebe es derzeit keinen Anlass.

Dass dem so ist, dürfte auch ein Stück weit am deutschen Steuerzahler liegen, gab Groß selbst zu. Eine Vielzahl staatlicher Beihilfen federt Risiken ab, die sich dann vielleicht nicht in den Bilanzen der Kreditinstitute niederschlagen. Es oblag einmal mehr EZB-Chefaufseher Andrea Enria zu warnen, dass man diese Unterstützung in der Geschäftsplanung nicht als gegeben annehmen sollte.

AKTUELLE MELDUNGEN:

  • Bayer könnte sich schon zum Jahresende vollständig unabhängig von Erdgas gemacht haben. Dies sagte der Chef der Pharmasparte, Stefan Oelrich, auf dem Bloomberg New Economy Forum in Singapur.

  • Die Credit Suisse hat dem Vernehmen nach in Asien mit der Streichung von Führungspositionen begonnen.

  • Die Credit Suisse hat sich mit Apollo auf den Verkauf eines großen Teils ihrer Verbriefungssparte geeinigt

  • Die Corestate-Restrukturierung scheint sich in einer Sackgasse zu befinden. Auf einer Gläubigerversammlung stehen zwei konkurrierende Vorschläge zur Umschuldung zur Abstimmung.

  • Nach dem Zusammenbruch der auf den Bahamas ansässigen Kryptobörse FTX meldet der Wiener Wettbewerber Bitpanda einen Zustrom an Kunden.

  • EZB-Rat Villeroy hat seine Erwartung bekräftigt, dass die EZB 2023 zu langsameren Zinserhöhungen übergehen könnte - zumal in den USA der Inflationshöhepunkt erreicht scheine. Laut Notenbankvize Guindos wird die EZB im Finanzstabilitätsbericht am Mittwoch vor Risiken durch eine Marktkorrektur warnen.

  • Die SNB wird die Zinsen laut Notenbankchef Thomas Jordan im nächsten Monat wohl erneut erhöhen müssen. Die Inflation werde breiter und es gebe begrenzte Zweitrundeneffekte.

  • Warren Buffetts Berkshire Hathaway hat sich an Jefferies beteiligt, das Engagement bei Finanzwerten wie US Bancorp und Bank of New York Mellon jedoch gesenkt.

ANALYSEN:

  • Die kräftige Erholung beim KGV im Dax auf Basis der erwarteten Gewinne preist eine Lockerung der EZB-Geldpolitik ein. Für eine nachhhaltige Erholung brauche es jedoch stärkere Fundamentaldaten, merk Bloomberg Intelligence an.

  • Statt M&A-Chancen wahrnehmen zu können, rückt für Europas REITs die Sicherstellung der Liquidität in den Fokus.

AKTIENMÄRKTE | Während die Börse Tokio seitwärts geht, gibt es am Dienstag eine Hausse in Hongkong und auch auf dem chinesischen Festland kräftig steigende Kurse. Der Hang-Seng-Index klettert 3,3% und steuert damit auf einen technischen Bullenmarkt zu. Die Stimmung profitiert von Chinas neuen Maßnahmen zur Entschärfung der Liquiditätsengpässe im angeschlagenen Immobiliensektor, der Lockerung der Beschränkungen zur Corona-Eindämmung sowie den Bemühungen der Zentralbank in Peking, für reichlich Liquidität zu sorgen. Der CSI-300 gewinnt 1,7%. Die Wall Street schloss nach einem kurzen Ausflug ins Plus leichter angesichts neuer Fed-Signale für fortgesetzte Anstrengungen zur Inflationsbekämpfung.

RENTENMÄRKTE | Am europäischen Rentenmarkt überwog am Montag das Kaufinteresse leicht, nachdem es am Freitag zu einem Kursrutsch gekommen war. EZB-Direktor Panetta mahnte, vor einer Anhebung der Zinsen auf ein restriktives Niveau müsse sorgfältig geprüft werden, ob dies wirklich notwendig ist. Eine Emission 10j Anleihen Griechenlands war mehr als 5-fach überzeichnet. Die EU indessen hat Banken für einen 10-jährigen NGEU-Bond und eine 30-jäh0riger MFA-Anleihe mandatiert.

ROHSTOFFMÄRKTE | Die Preise am Ölmarkt liegen am unteren Rand der jüngsten Handelsspanne. Die Konjunktur in China hat sich im Oktober eingetrübt: Erstmals seit Mai gingen die Umsätze des Einzelhandels zurück und das Wachstum der Industrieproduktion sank auf 5%. Der Goldmarkt tritt auf der Stelle. “Wichtigster Impulgeber für den Goldpreis bleibt die Fed”, erklärte Statege Ed Moya von Oanda. In dieser Woche seien einige Kommentare aus dem Falkenlager der US-Notenbank zu erwarten.

TERMINE AM DIENSTAG

  • Quartalszahlen Europa: Encavis, Varta, Leoni, Infineon, Prosiebensat1, SFC Energy, Corestate, Home24, Vodafone

  • Kapitalmarkttage von Rheinmetall und dem Börsenkandidaten Ionos

  • 08:00 Deutsche Großhandelspreise Oktober

  • 11:00 ZEW-Index Konjunkturerwartungen November

  • 11:00 EU-BIP (2. Veröffentlichung) 3Q, Handelsbilanz September

  • Quartalszahlen USA: Home Depot, Walmart, Alcon

  • 18:30 EZB-Direktor Elderson, Rede bei Euro Finance Week

  • Ex-Präsident Trump hat für heute eine “wichtige Erklärung” angekündigt

  • Bundeskanzler Scholz beim G20-Gipfel in Bali

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