Die Krise der Ölkonzerne kommt Energie-Startups zugute

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Shell wurde von einem Gericht dazu verdonnert, die Emissionen massiv zu senken.
Shell wurde von einem Gericht dazu verdonnert, die Emissionen massiv zu senken.

An schlechter Presse mangelte es den Ölkonzernen in den vergangenen Wochen nicht. Aber dieses Mal waren es nicht Greenpeace und andere Umweltaktivisten, die die Firmen medial an den Pranger stellten. Stattdessen kam der Druck von Aktionären und großen Hedgefonds.

Exxon sah sich sogar dazu genötigt, auf Geheiß einer relativ kleinen grünen Investmentfirma nachzugeben und tauschte zwei Vorstände aus. Bei Chevron stimmten 61 Prozent der Aktionäre dafür, dass das Unternehmen seine CO2-Emissionen massiv zurückfahren muss und Shell wurde von einem Gericht in Amsterdam dazu verdonnert, ebenfalls die Emissionen massiv zu senken.

Investoren machen Druck

Es sind aber nicht nur kleine Investmentfirmen oder einzelne Aktionärsverbände, die auf CO2-intensive Unternehmen Druck ausüben. Blackrock-CEO Larry Fink, verantwortlich für 8,7 Billionen Dollar Anlagevermögen, kündigte im vergangenen Jahr an, dass das Unternehmen sich von allen Anlagen trennen wird, die ein erhebliches Nachhaltigkeitsrisiko darstellen. Man wolle keine Wertpapiere der Kohleindustrie mehr verwalten, so Fink. Auch Warren Buffets schon fast legendärer Fonds Berkshire Hathaway hat sich gerade komplett von seinen Chevron-Aktien verabschiedet.

Die Gründe für die plötzliche Abneigung gegenüber Unternehmen, die immerhin pro Jahr unbeirrt große Dividenden ausschütten können, liegt allerdings nicht allein in einem plötzlich erwachten grünen Gewissen.

Dahinter steckt eine Mischung aus tatsächlicher Sorge um das Klima, Angst vor einem plötzlichen Wertverfall der alteingesessenen Unternehmen und der Möglichkeit, mit Investitionen in grüne Technologien hohe Renditen zu erzielen. Die Chance, mit Investitionen in Wasserstoff oder Windkraft in Zukunft mehr als mit den Aktien von Shell und Co. zu verdienen, dürfte tatsächlich ausschlaggebend für den Strategiewechsel gewesen sein.

Industrie war zu lange untätig

Die Ölindustrie erlebt gerade das, was in der Autoindustrie schon vor Jahren begonnen hat. Dort wurden ähnliche Fehler begangen. Statt die jährlich erwirtschafteten Milliardensummen zumindest teilweise schon mal in die Erforschung neuer Energien zu stecken, hat man sich ausgeruht und nur wenig getan. Selbst der Wandel in der Autoindustrie – immerhin einer der größten Kunden der Branche – konnte bisher kaum etwas am Denken der Ölmultis verändern. Die Blindheit rächt sich jetzt.

Für die teilweise sichtlich überraschten Manager der Ölkonzerne muss es ein Schock sein zu erkennen, dass Investoren die kurzzeitigen Renditen aufgeben und ihr Geld lieber in Unternehmen stecken, die sich vermutlich noch über Jahre in der Investitionsphase befinden werden. Von dem Paradigmenwechsel profitieren vor allem Startups und Unternehmen, die sich neu auf dem Energiemarkt befinden.

Der Gedanke dahinter ist eindeutig und kommt aus der Digitalindustrie. Wer früh in Unternehmen investiert, die eigene Soft- oder Hardwarelösungen entwickeln oder Patente für eine bahnbrechende Technologie besitzen, der kann am Ende mehr Geld verdienen, als das mit jeder Aktie eines Ölkonzerns zurzeit möglich ist. Und Märkte, die in Zukunft grüne Technologien benötigen, gibt es viele. Flugzeuge benötigen grünes Kerosin, Solar- und Windkraftanlagen sind langfristige Anlagen und Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologien stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung.

Startups wittern ihre Chance

Startups, die auf diesem Feld schnell zum Unicorn werden könnten, gibt es einige. Das indische Solar- und Windkraft-Unternehmen Renewpower ist ein solcher Kandidat. Ebenso das französische Neoen. Aber auch deutsche Firmen wie Lillium stehen bei den Investoren ziemlich weit oben in der Hitliste. Weitere Unternehmen kommen aus dem Bereich Wasserstoff und E-Fuels.

Der Angriff auf die großen Ölfirmen kommt also aus allen Richtungen und es wäre nicht das erste Mal, dass ein Unternehmsriese sich plötzlich auf der Verliererseite wiederfindet. In ein paar Jahrzehnten sind es vielleicht heute noch unbekannte Energieunternehmen, die die wertvollsten Firmen der Welt sind, während die großen Mineralölunternehmen vielleicht nicht mehr existieren.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.