Kretzschmars Tochter setzt Handball-Dynastie fort

Stefan Schnürle, Bernd Roetmann

Lucie-Marie Kretzschmar musste in jungen Jahren durch eine harte Schule gehen.

"Ich habe mich als Vater nicht immer fair gegenüber meiner Tochter verhalten. Bei sportlichen Sachen war ich erbarmungslos und habe sie so gut wie nie gewinnen lassen", erzählt Legende Stefan Kretzschmar im gemeinsamen SPORT1-Interview mit seiner Tochter am Rande der Handball-WM der Frauen (LIVE im TV auf SPORT1).

Pädagogisch findet das die Handball-Ikone rückblickend nicht sehr wertvoll – doch diesem harten Lernprozess ist es wohl zu verdanken, dass seine Tochter einen so großen Wettkampf-Geist entwickelt hat.

"Wir haben alles unter Wettkampf-Bedingungen gespielt – egal, ob Abendessen aufessen oder Kartenspiele. Jede Freizeit-Beschäftigung ist sofort zum Wettkampf ausgeartet", verrät der heutige Sky-Experte.


Fortsetzung der Dynastie Kretzschmar

Die 17-jährige Lucie-Marie ist der jüngste Spross der Handball-Dynastie Kretzschmar. Denn vor Stefan Kretzschmar haben bereits dessen Eltern mehr als ein Jahrzehnt lang den Handball geprägt.

Sein Vater Peter Kretzschmar war 66-maliger DDR-Nationalspieler und wurde 1963 sogar Feldhandball-Weltmeister nach einem Sieg über die BRD.

Peters Ehefrau Waltraud Kretzschmar gewann 1971, 1975 und 1978 den WM-Titel und wurde 1976 Vize-Olympiasiegerin. Bis auf den Titel 1971 wurde sie dabei sogar von ihrem Ehemann trainiert.

Vom Basketball zum Handball

Nun ist Lucie-Marie auf bestem Wege, die Dynastie Kretzschmar fortzuführen. Dass sie später einmal Handballerin wird, war in jungen Jahren noch nicht vorherzusehen.

"Ich habe erst mit Basketball angefangen. Wir hatten bei uns im Garten einen Korb. Aber da gab es nur eine kleine Trainingsgruppe und da war der Anreiz nicht so da. So bin ich dann zum Handball gekommen", erzählt sie bei SPORT1.

Mit neun Jahren fing Lucie-Marie in Magdeburg mit dem Handball-Sport an, ehe sie mit 14 Jahren an das Sportinternat des HC Leipzigs wechselte. Inzwischen spielt sie für den Verein in der 3. Liga und in der Jugend-Nationalmannschaft.


Kretzschmar zollt Tochter Respekt

Während Stefan Kretzschmar als Weltklasse-Linksaußen in die Handball-Geschichte einging, versucht sich Lucie-Marie auf Rückraum links, was ihrem Vater großen Respekt abringt: "Sich auf der Königsposition durchzusetzen, ist schon schwieriger als mein Weg damals."

Seine Tochter muss sich aber nicht nur auf einer schwierigen Position behaupten, sondern trägt auch die schwere Last des Namens "Kretzschmar" in jedem Spiel für alle sichtbar auf dem Rücken.

"Es ist leistungsmäßig schon eine Last. Jeder verlangt mehr von dir. Wenn man einmal nicht zwei, drei Tore mehr als der Rest des Teams macht, heißt es: 'Da hätte ich mehr erwartet.' Man muss die Herausforderung einfach annehmen. Ändern kann man es ja sowieso nicht", sagte Lucie-Marie.

Vorurteile gegenüber Frauen-Handball

Wie alle Handballerinen muss sie sich zudem gegen Vorurteil wehren. Aussagen wie die von Nationaltorhüter Silvio Heinevetter ("Frauen-Handball ist wie Pferderennen mit Kühen") halfen da wenig.


Stefan Kretzschmar gibt zu, dass seine Meinung vom Frauen-Handball früher ebenfalls nicht allzu hoch war - doch durch seine Tochter hat sich das geändert.

"Früher, als ich im Alter von Silvio oder noch jünger war, ist mir auch schon mal der eine oder andere chauvinistische Spruch rausgerutscht. Aber ich sehe das jetzt schon ein bisschen anders", sagte Kretzschmar.

Kretzschmars schauen sich Heim-WM an 

Gemeinsam mit seiner Tochter schaut er sich nun begeistert die Spiele der DHB-Frauen bei der Heim-WM an. Wenn Lucie-Marie die Stimmung in den Hallen erlebt, wächst in ihr ein großer Wunsch. 

"Der Gedanke, dass man irgendwann auch da einmal stehen könnte, ist noch mehr Anreiz und Motivation weiterzumachen. Das größte Ziel ist es, auch einmal in der Rolle von ihnen stecken zu können."

Es wäre die perfekte Fortsetzung der Handball-Dynastie Kretzschmar.