Krauses Opfer für den Olympia-Traum

Johannes Fischer
·Lesedauer: 5 Min.

Als das Jahr für Gesa Krause mit einer kurzen Hallensaison begann, war die Welt für sie noch in Ordnung.

Ein Wettkampf im Februar in Dortmund diente als Test für ihre Olympia-Vorbereitungen, anschließend stand noch die Hallen-DM in Leipzig auf ihrem Zettel.

Dann kam Corona, die Meisterschaften wurde abgeblasen - und nichts lief mehr so, wie sie es geplant hatte. Vor allem die Olympia-Absage zog ihr den Boden unter den Füßen weg - und doch trainierte sie einfach weiter.

"Das Leben, das ich führe, ist mit Entbehrungen verbunden, aber ich bin einfach dankbar für die Konstante, die mir dieser Sport gibt", sagt die zierliche Läuferin im Gespräch mit SPORT1.

Gesa Krause: "Traum einer olympischen Medaille ist da"

Zuletzt war sie sechs Wochen lang im kenianischen Städtchen Iten unterwegs und absolvierte zusammen mit drei Läuferinnen aus ihrer Trainingsgruppe ein Höhentrainingslager.

Trotz der Strapazen und der nach wie vor ungewissen Zukunft hat Krause ihre gute Laune nicht verloren. Das Training sei gut verlaufen, der Formaufbau Richtung Sommer 2021, wenn die Olympischen Spiele im zweiten Versuch über die Bühne gehen sollen, stimme.

"Ich bin sehr zufrieden mit meinem Training in den letzten sechs Wochen", sagt die 28-Jährige, die Ende September 2019 in Doha die WM-Bronzemedaille über 3000m Hindernis gewann. "Ich habe da einen guten Grundstein gelegt, aber man versucht natürlich, die Form so auszubauen, dass man im Sommer in einer Top-Verfassung ist."

Denn trotz der Unsicherheiten hat sie ihr großes Ziel nicht aus den Augen verloren. "Der Traum einer olympischen Medaille ist einfach da und das treibt mich jeden Tag an und dafür werde ich kämpfen."

Dass Corona das Leben einer Hochleistungsathletin zusätzlich erschwert, damit hat sie sich längst arrangiert. Zum 20. Mal ist sie schon in ihrer zweiten Heimat, dem kargen kenianischen Hochplateau, und dieses Mal war sie völlig abgeschirmt von den Menschen, die dort leben.

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"Vielen Menschen fehlt diese Konstante"

"Wir haben außer uns und dem Hotelpersonal in den ganzen Wochen eigentlich niemanden gesehen", berichtet die 28-Jährige. Krause richtete ihren Fokus ausschließlich auf den Trainingsalltag. Laufen, essen, schlafen – viel mehr blieb da nicht übrig.

Dennoch: Die deutsche Rekordhalterin über die 3000 Meter Hindernis blickt in diesen schwierigen Zeiten über den Tellerrand hinaus und weiß, dass sie trotz der schweren Umstände ein privilegiertes Leben führt.

"Vielen Menschen fehlt diese Konstante im Moment, weil sie ihren Job nicht so ausüben können, wie sie das gerne wollen", sagt sie. "Oder weil sie im Homeoffice sind und mit der Situation nicht klarkommen. Oder vielleicht, weil sie gar nicht arbeiten können."

Die Konstanz, die Krause so wichtig ist, findet sie in Iten vor – und auch mit den örtlichen Corona-Verordnungen kann sie besser umgehen "In Deutschland ändern sich alle drei Tage die Regeln. Das ist natürlich kräftezehrend. Das ist hier eben nicht der Fall, hier ist alles relativ einheitlich gewesen."

Für Krause ist ganz wichtig, dass sie ihrem Beruf, der gleichzeitig auch Berufung ist, uneingeschränkt nachgehen kann – und das geht derzeit am besten in Iten.

Krause schwärmt von Bedingungen in Iten

Mitten in der bislang heftigsten Pandemiewelle, die nicht nur Deutschland gerade so zu schaffen macht, drehte sie im 2400 Meter hoch gelegenen Örtchen, das 320 Kilometer nordwestlich von Nairobi liegt, tagein tagaus ihre Runden.

"Die Bedingungen hier sind wirklich sehr, sehr gut. Man geht unheimlich respektvoll mit Corona um. Die Menschen tragen auch auf den Straßen überall Masken, außer sie treiben Sport", berichtet die zweifache Europameisterin.

Trotz der einfachen Verhältnisse in ihrer zweiten Heimat begeistert es sie, wie penibel darauf geschaut wird, dass die Pandemie möglichst eingedämmt wird.

"Überall vor öffentlichen Einrichtungen stehen Waschbecken, Desinfektionsmittel, es wird Fieber gemessen. Sonst darf man öffentliche Orte auch gar nicht betreten. In unserem Hotel gibt es ein striktes Hygienekonzept, man kann hier nicht einfach hereinspazieren, wie man es teilweise aus deutschen Hotels kennt."

Die Abgeschiedenheit im kenianischen Hochplateau war schon in den 19 Trainingslagern davor ein Grund, warum Krause immer wieder gerne zum Laufen nach Iten reist.

"Irgendwann ist es an der Zeit, nach Hause zu kommen"

Mitten in der Pandemie kommt noch ein weiterer Vorteil dazu: "In die Provinz kommt man nur, wenn man die Ambition hat, laufen gehen zu wollen. Die Menschen, die hier leben, leben vom Lauftourismus. Die meisten von ihnen haben noch nie eine größere Stadt gesehen und deshalb ist natürlich die Vermischung nicht so groß. Ich glaube auch, dass in dieser Region weniger Menschen waren, nachdem die Pandemie ausgebrochen ist."

Während sich im deutschen Winter das Virus immer mehr ausbreiten konnte und für den zweiten Lockdown sorgte, spulte Krause unter der kenianischen Sonne bei angenehmen 25 Grad ihre Trainingskilometer ab. Doch trotz der dunklen Jahreszeit in Deutschland, die durch Corona zusätzlich erschwert wird, verbringt sie nun die Feiertage im Kreise ihrer Familie.

"Irgendwann ist es einfach an der Zeit, nach Hause zu kommen", sagte Gesa Krause vor dem Abflug: "Ich freue mich trotz des Lockdowns, nach Hause zu kommen. Aber darum geht's mir ja auch nicht. Ich habe die Möglichkeit, mal meine Familie zu sehen. Ich habe die Möglichkeit, mal zu Hause zu sein."

Die Quarantäne, in die sie sich in Frankfurt begibt, verbindet sie mit der Erholung von den Strapazen der vergangenen Wochen. "Ich habe sehr hart gearbeitet und diese drei Wochen in der Heimat, die brauche ich jetzt einfach, um dann frisch ins nächste Trainingslager zu gehen."

Schon am 5. Januar geht es wieder zurück in die kenianische Höhe. Dort, wo laufen, essen und schlafen ihren Tagesrhythmus bestimmen. Wo sie kaum einer Menschenseele begegnet. Und wo sie die Grundlagen für ihren ganz großen Traum schaffen will.