Nein, das Krankenhaus Kirchdorf erhöht nicht künstlich die Auslastungszahlen durch Ungeimpfte

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Seit Ende Oktober haben User auf Facebook, Twitter und Telegram eine Behauptung geteilt, wonach ein oberösterreichisches Krankenhaus die Auslastungszahlen Ungeimpfter durch einen Trick künstlich erhöhe. Positiv getestete Ungeimpfte würden unabhängig von ihrer körperlichen Verfassung auf die Intensivstation verlegt, heißt es in den Postings. Das Krankenhaus dementiert diese angebliche Praxis allerdings, der Ärztekammer Oberösterreich ist so ein Vorgehen ebenfalls unbekannt. Der ärztliche Direktor, der dies angeblich bekannt gab, trat bereits Ende 2019 in den Ruhestand.

Hunderte User haben die Krankenhausbehauptung Ende Oktober auf Twitter, Facebook (hier, hier) und Telegram (hier, hier, hier) geteilt.

Die Falschbehauptung: Das Krankenhaus Kirchdorf in Oberösterreich verfolge aktuell folgende Praxis: "Alle Ungeimpften und positiv getesteten werden auf die Intensiv aufgenommen! Ungeachtet welcher Vitalzustand". Zweck der angeblichen Überstellung: Die Intensivbettenauslastung durch Ungeimpfte auf dem Papier zu erhöhen. Dazu zeigen die Postings das Bild eines als ärztlichen Direktors beschriebenen Mannes bei einer vermeintlich aktuellen Pressekonferenz.

Telegram-Screenshot der Falschbehauptung: 29.10.2021

AFP hat zunächst beim Landeskrankenhaus in Kirchdorf nachgefragt. Jutta Oberweger, Sprecherin der Oberösterreichischen Gesundheitsholding, die das Krankenhaus betreibt, schrieb am 28. Oktober:

"Diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage, dafür hätten wir auch gar nicht genug Intensivbetten."

Oberweger erklärte weiter: "Im Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr Kirchdorf befinden sich derzeit 42 Covid-positive PatientInnen, 36 davon auf Normalstation, 6 auf Intensivstation."

Auch ein Blick auf das Dashboard der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zeigt, dass die angebliche Belegungspraxis unwahrscheinlich ist. Das Dashboard zeigt die aktuellen Hospitalisierungszahlen an. Im gesamten Bundesland Oberösterreich, in dem sich auch das Krankenhaus in Kirchdorf befindet, verzeichneten die Gesundheitsbehörden von 27. bis 28. Oktober 38 Patienten mit Corona auf Intensivstationen bei rund 11.000 aktiven Corona-Fällen Ende Oktober. In ganz Oberösterreich gibt es laut einer Mitteilung des Landes insgesamt 279 Intensivbetten.

Seit Ende August gilt in Österreich zudem ein neuer Corona-Erlass. Entscheidend für die Verhängung von Corona-Maßnahmen ist nicht mehr allein die Inzidenzzahl, hinzu kommen auch Impfrate und Intensivbettenbelegung in einer Region. Die Intensivbettenbelegung wird deshalb genau beobachtet, ein plötzlicher Anstieg der belegten Intensivstationen müsste also auffallen und würde unter Umständen zur Einstufung der Region als Hochinzidenzgebiet führen. Im ebenfalls oberösterreichischen Bezirk Braunau kam es deshalb Ende Oktober etwa erneut zu einer Ausreistestpflicht.

Die angebliche Quelle der Falschbehauptung

Der Behauptung beigestellt ist ein Foto einer Pressekonferenz mit Oswald Schuberth, der dort als zuständiger ärztlicher Direktor des Krankenhauses Kirchdorf beschrieben ist. Weder Schuberth noch die in den Postings gezeigte Pressekonferenz hat aber etwas mit der aktuell geteilten Behauptung zu tun. Schuberth war zwar tatsächlich früher ärztlicher Leiter des Krankenhauses, er ging aber bereits 2019 in Pension. Die Frage, ob er noch aktive Funktionen am Krankenhaus habe, verneinte Sprecherin Oberweger. AFP konnte Schuberth bislang nicht für eine Stellungnahme erreichen. Es ist daher nicht klar, ob er überhaupt vom Posting in seinem Namen weiß.

Das von den Postings verwendete Foto einer Pressekonferenz hat jedenfalls nichts mit der vermeintlichen Anordnung der Corona-Umbelegung zu tun. AFP fand es bei einer Bildsuche bereits 2017 online, lange vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Schuberth, damals noch ärztlicher Leiter, sprach auf der Konferenz über eine tödliche Medikamentenverwechslung im Krankenhaus.

AFP hat außerdem bei der Oberösterreichischen Ärztekammer nachgefragt. Sprecher Markus Neißl schrieb am 29. Oktober zu der Behauptung: "Eine Überstellung dieser Personen ist mir nicht bekannt. Andere öffentliche Stellen haben die Meldungen aber bereits als falsch bezeichnet." Die lokalen "Oberösterreichischen Nachrichten" hatten über Falschmeldungen über das Klinikum Kirchdorf in einem Artikel berichtet, in dem die bereits genannte Oberösterreichische Gesundheitsholding das Gerücht zurückwies. Der Klinikverband kündigte auf Facebook außerdem an, die rechtliche Ahndung der Verbreitung der Falschmeldung zu prüfen.

Fazit: Die Betreibergesellschaft des Krankenhauses dementiert das online verbreitete Gerücht, und die örtliche Ärztekammer hat keine Kenntnis davon. Der als angebliche Quelle genannte Arzt ist bereits im Ruhestand, sein Foto stammt von einer alten Pressekonferenz. Die Zahlen für die Region weisen weiterhin keine Auffälligkeiten auf.

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