Kranke, bleibt zu Hause!

Wer sich krank ins Büro schleppt, tut niemandem einen Gefallen. (Bild: Jamie Grill/gettyimages)

Es wird geschnieft. Es wird gehustet und alle zwei Minuten trompetet der Kollege aus dem Marketing wieder lauthals in sein Taschentuch. Deutschland steckt in der Grippe- und Erkältungssaison - das ist nicht zu überhören. Zehntausende Fälle werden jede Woche gemeldet - Hochkonjunktur beim Robert-Koch-Institut.

Wenn ich mich früher krank fühlte, habe ich es genauso gemacht, wie mein Chef: Ich habe mich ins Büro geschleppt, bepackt mit Nasenspray, Papiertaschentüchern und allerlei bunten Lutschdrops für den Hals. Ich war dann zwar nicht mehr voll leistungsfähig und schaffte nur Teile meines täglichen Pensums, heftete mir gedanklich aber den Orden „Heldin der Arbeit“ an den Blazer, direkt unter den dicken, kratzigen Wollschal. Kollegen, die sich beim ersten Halskratzen vom Arzt ein Attest ausstellen lassen und sich zu Hause auskurieren, waren in meinen fiebrigen Augen alles nur Luschen!

Heute jedoch weiß ich, dass diese Art von Arbeitseifer weder löblich noch irgendwem nützlich ist. Ganz im Gegenteil: Er verursacht großen wirtschaftlichen Schaden. In der Wissenschaft hat dieses Phänomen sogar einen eigenen Namen: Präsentismus – und der kann richtig teuer werden.

Auch der finanzielle Schaden ist viel höher

Fakt ist: Zwei Drittel aller Arbeitnehmer gehen krank zur Arbeit. Rund 1200 Euro pro Jahr, das haben Experten der britischen Beratungsfirma Booz & Company ausgerechnet, koste ich meinen Chef, wenn ich brav das Bett hüte.

Komme ich jedoch mit laufender Nase und Husten trotzdem ins Büro, summiert sich der Schaden auf 2400 Euro. Weil die Arbeitsqualität leidet, man mehr Fehler macht und sogar Unfälle passieren können. Dabei sind die Kosten, die jemand verursacht, wenn er seine Kollegen ansteckt, noch gar nicht berücksichtigt.

Vom volkswirtschaftlichen Milliardenschaden, Bruttowertschöpfungsausfall genannt, will ich gar nicht erst reden Nur so viel: Von den mindestens 250 Milliarden Euro (siehe Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) könnte man locker eine ganze Flugzeugflotte mit 500 Airbus A380 kaufen.

Die Kollegen werden es Ihnen danken

Mein Karriere-Ratschlag lautet daher: Kranke, bleibt zu Hause! Wer eine Rotznase hat, trinkt heiße Milch mit Honig oder Ingwertee und schleppt sich nicht ins Büro. Das rate nicht nur ich, auch das Robert-Koch-Institut empfiehlt diese Vorgehensweise. Abmarsch. Aber bitte nicht erst dann, wenn sich gelber Auswurf und Schüttelfrost breit machen, sondern gleich bei den ersten Erkältungssymptomen.

Denn gerade in den ersten zwei bis drei Tagen, nachdem die Beschwerden angefangen haben und die Nase hyperaktiv Schleim produziert, juckt oder brennt, sind wir am meisten infektiös und verwandeln unsere Arbeitsplätze in eine Virenfalle für gesunde Kollegen. Wer niest, kann seine Krankheitskeime gut und gerne fünf bis zehn Meter durch den Raum katapultieren.

Wer trotzdem arbeiten muss, sollte den anderen möglichst nicht zu nahe kommen – am besten verzieht man sich mit seinem Laptop ins Home-Office. Ein paar Stunden von zu Hause aus arbeiten ist rechtlich sogar dann möglich, wenn man vom Arzt krankgeschrieben wurde. Vor allem kranke Pendler können durch ein paar Tage daheim nicht nur viel Zeit sparen, sondern auch vermeiden, dass sich das Keimkarussell in Bus und Bahn munter weiter dreht.

Wer trägt Schuld an der Misere?

Und kommen Sie bitte nicht wieder zu früh ins Büro, um die gesunden Tischnachbarn im Großraumbüro tatkräftig zu unterstützen. Erstens können aus nicht richtig auskurierten Krankheiten im Nachgang noch längere Fehlzeiten und chronische Krankheiten entstehen. Zweitens sind Kranke auch dann noch ansteckend, wenn sie sich nach ein paar Tagen Ruhe und überstandenen Fieberschüben besser fühlen.

Da sind wir wieder beim Präsentismus. Und wer ist Schuld daran? Meistens nicht die Mitarbeiter, denn die folgen nur den Gesetzen der modernen Arbeitswelt. Wo gutes Personal regelmäßig nur befristet angestellt oder auf selbstständiger Basis engagiert wird, ist die Zukunftsangst im Kopf immer stärker als der Schmerz in Hals und Gliedern. Gesundheit ist daher vor allem auch Chefsache, denn keiner von uns wird auf seine Grenzen achten, wenn der Boss nicht mitzieht und mit gutem Beispiel voran geht.

In der Süddeutschen Zeitung war neulich zu lesen, dass es in Deutschland sogar Vergütungssysteme gibt, die arbeitende Virenschleudern belohnen. So zahlen einige mittelständische Unternehmen, aber auch große Konzerne, ihren Mitarbeitern eine Anwesenheitsprämie, wenn sie sich selten krank melden.

Warum Boni genau der falsche Weg sind

Wer im Quartal kein einziges Mal krank war, wird bei Daimler mit 50 Euro belohnt. War ein Beschäftigter an einem Tag krank, bleiben 30 Euro, bei zwei Tagen und mehr entfällt der Bonus. Bei Amazon ist die Prämie an die Kollegen gekoppelt. Wer sich krank meldet, kann auch den Bonus der anderen schmälern. Wenn Sie mich fragen – ich finde das krank!

Immer Power, nie Schwäche zeigen, verkniffene Mittagspausen: damit schneiden sich Chefs nämlich nicht nur ins eigene Fleisch. Sie gefährden auch die Gesundheit ihrer Mitarbeiter, die bewusst oder unbewusst das Verhalten ihrer Vorgesetzten imitieren, die immer als Erster im Büro sind und abends als Letzter das Licht ausmachen. Durch schlechte Vorbilder fühlen die Mitarbeiter sich unter Zugzwang und verpflichtet, es dem Chef gleichzutun – natürlich auch mit negativen Folgen für die psychische Gesundheit.

Wer aber mit seinem Unternehmen auch in Zukunft innovativ und wettbewerbsfähig bleiben will, braucht eine gesunde Mannschaft. Das Credo moderner Führung lautet daher: Seien Sie Influencer statt Influenza. Das zahlt sich sogar in barer Münze aus, denn es gibt nicht nur ansteckende Krankheiten, sondern auch ansteckende Gesundheit. Laut einer Studie der Universität St. Gallen können Chefs mit einer gesunden Führung die Leistung des Unternehmens im Schnitt um 15 Prozent steigern. Na dann, Gesundheit!

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