Krach über die Stahlfusion überschattet die Bilanz

Morgen legt Thyssenkrupp die Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr vor. Schon jetzt ist klar: Das Ergebnis wird von dem Riesenkrach mit den Arbeitnehmervertretern über die geplante Stahlfusion mit Tata überlagert.


Zum Glück für Heinrich Hiesinger steht die Thyssenkrupp-Weißblechfabrik in Andernach am Rhein gute zwei Autostunden vom Thyssenkrupp-Quartier in Essen entfernt. In einem der ältesten Städtchen von Deutschland soll es an diesem Donnerstag richtig rund gehen. Tausende Stahlkocher wollen dort gegen Hiesingers Pläne protestieren, die Stahlsparte des Technologiekonzerns mit der des indischen Konkurrenten Tata zusammenzulegen. Auch Politprominenz hat sich angekündigt in Andernach: SPD-Fraktionschefin Andreas Nahles will auf der Kundgebung sprechen, während Hiesinger in der Konzernzentrale in Essen die Bilanz für das Geschäftsjahr 2016/2017 vorlegt.

Klar ist schon jetzt: Das Zahlenwerk wird in Essen schnell durchdekliniert sein. Dann muss Hiesinger erklären wie er diesen gordischen Knoten lösen will: Er muss einen Arbeitnehmern die Fusion mit Tata schmackhaft machen, ohne den zukünftigen indischen Partner vor den Kopf zu schlagen. Sonderwünsche für deutsche Stahlkocher bringen das Riesenprojekt mit dem indischen Konkurrenten nicht voran, sondern lähmen es. Gewährt Hiesinger seinen Leuten Sonderkonditionen, dann fordern die Tata-Arbeitnehmer dasselbe.

Thyssenkrupp und Tata erhoffen sich durch die Zusammenlegung ihrer europäischen Stahlsparten Synergien in Millionenhöhe. Die erwarteten jährlichen Einsparungen bezifferte der Essener Konzern auf 400 bis 600 Millionen Euro. Bei beiden Konzernen sollen jeweils rund 2000 Arbeitsplätze wegefallen. Thyssen und Tata wären zusammen der zweitgrößte Stahlkonzern Europas hinter ArcelorMittal.




Arbeitsdirektor Oliver Burkhard, früher selbst IG-Metaller, ist jetzt die zentrale Figur bei den Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern. Bekommt er seine Ex-Kollegen auf seine Seite? Kann er einen Kompromiss aushandeln, um das Projekt nicht zu gefährden?

IG-Metaller verlieren die Geduld

Die Arbeitnehmervertreter jedenfalls scheinen die Geduld zu verlieren. Sie drohen inzwischen damit, dass geplante Projekt mit den Indern vor die Wand fahren zu lassen. Ohne ihre Zustimmung im Aufsichtsrat kann Hiesinger das Projekt nicht durchboxen.

Rund zwei Jahren hat der Thyssenkrupp-Chef mit Tata an dem Deal gedreht, bis sich die beiden Unternehmen im September zunächst auf eine Absichtserklärung einigten. Vertraglich ist noch nicht festgelegt, wie das zukünftige gemeinsame Unternehmen genau aufgestellt sein soll. Klar ist nur: Der neue Sitz des geplanten neuen europäischen Stahlriesen soll in den Niederlanden sein. Dort ist es steuerlich für Unternehmen günstiger als in Deutschland. Außerdem sind die niederländischen Mitbestimmungsrechte nicht so weitreichend wie die in Deutschland.




„Nach derzeitigem Stand können wir dem Joint Venture nicht zustimmen“, sagte der frühere Gewerkschaftschef Detlef Wetzel, der die IG Metall im Aufsichtsrat der Stahlsparte von Thyssenkrupp vertritt. „Wir meinen es absolut ernst, wenn wir sagen, dass wir bereit sind, unsere Zustimmung zu verweigern, wenn es keine verantwortungsvolle Lösung gibt“, betonte Wetzel.



Politik mischt sich in den Stahlstreit ein


Die Gewerkschaft stellt zehn Forderungen an die Thyssenkrupp-Unternehmensführung – unter anderen: Beschäftigungsgarantien, Garantien für Standorte und Anlagen, Investitionszusagen. Außerdem müsse sich das Management verpflichten, seine Anteile an dem Joint Venture langfristig zu halten. Thyssenkrupp und Tata wollen jeweils 50 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen halten. Außerdem soll die Mitbestimmung der Stahlkocher auch für die in den Niederlanden geplante Holding erhalten bleiben.

Am Dienstag lösten die Stahlfusionspläne des Essener Industriekonzerns sogar einen Streit im Bundestag aus. SPD-Fraktionsführerin Andrea Nahles befürchtet, die Fusion könnte die Stahlproduktion in Deutschland gefährden und die Montan-Mitbestimmung aushebeln. Unions-Wirtschaftspolitiker Joachim Pfeiffer äußerste Verständnis für das Vorhaben. Die AfD forderte, internationale Fusionen zum Nachteil Deutschlands sollten verboten werden. Nahles sagte, es sei unklar, ob die Fusion langfristig die Stahlproduktion in Deutschland und Europa sichere. Es komme der Verdacht auf, dass es Thyssenkrupp um „ein Abstoßen eines profitablen Teils“ gehe, der für Thyssenkrupp nicht mehr interessant sei. Das geplante Stahl-Joint-Venture könnte zu einer Art „Bad Bank“ des Unternehmens werden.




Der Essener Konzern erzielt mehr als 75 Prozent seines Umsatzes mit Industriegütern und mit Dienstleistungsgeschäften. Nur noch knapp ein Viertel entfällt auf das Stahlgeschäft, das vor allem unter Billigimporten aus Asien leidet.

Nach der grundsätzlichen Einigung über eine Stahlfusion mit Tata im September hatte sich Thyssenkrupp eine milliardenschwere Geldspritze am Kapitalmarkt besorgt. Immerhin knapp 1,4 Milliarden Euro sind durch die Kapitalerhöhung in die Konzernkasse geflossen. Hiesinger will das Geld schrittweise für Investitionen im Industriegütergeschäft nutzen.

In diesem Jahr konnte Hiesinger zumindest unter eine milliardenschwere Fehlinvestition im Stahl den Schlussstrich ziehen. Der Verkauf des brasilianischen Stahlwerkes CSA an den lateinamerikanischen Stahlhersteller Ternium für rund 1,5 Milliarden Euro ist vollzogen und erfolgte rückwirkend zum 30. September 2016. Das Geschäft wirkt sich zwar positiv auf die Netto-Finanzschulden von Thyssenkrupp aus. Doch mit dem Verkauf muss der Essener Konzern eine Wertberichtigung in Höhe von 900 Millionen Euro in diesem Geschäftsjahr verbuchen. Bei der Vorlage der Bilanz wird Hiesinger deshalb wohl wieder unter dem Strich rote Zahlen präsentieren müssen.