Kovac beschädigt sich - nicht nur moralisch

Martin Hoffmann
Niko Kovac hat Eintracht Frankfurt durch seinen Umgang mit dem FC Bayern in eine missliche Lage gebracht

Dieter Hecking hielt es vor ein paar Jahren völlig anders, als es Niko Kovac jetzt bei seinem Deal mit dem FC Bayern München hält. Er log eiskalt - und stand dazu.

"Ein Angebot würde ich mir nicht anhören", sagte Hecking, damals Trainer des 1. FC Nürnberg, als er im Herbst 2012 im Doppelpass auf SPORT1 saß und auf ein mögliches Interesse des VfL Wolfsburg angesprochen wurde. Als das Angebot wenig später kam, hörte er es sich sehr wohl an. Und nahm es an.

Seine Unehrlichkeit zuvor gab Hecking im Nachhinein offen zu, er begründete sie auch plausibel mit einem Verweis auf das Wohl seines damaligen Klubs. Hätte er "auch nur ein bisschen Raum für Spekulationen gelassen, wäre medial die Hölle losgegangen".

Kritik handelte sich Hecking trotzdem ein - aber Schlimmeres blieb ihm erspart durch seine Ehrlichkeit, mit der er hinterher reinen Tisch machte. Was genau, lässt sich am Fall Niko Kovac gerade prächtig studieren.


"Sämtliche Sympathien verspielt"

"Kovac lässt seine Maske fallen" (kicker), Kovac habe "in Frankfurt sämtliche Sympathien verspielt" (Frankfurter Rundschau): Der Noch-Trainer von Eintracht Frankfurt muss gerade viele wenig schmeichelhafte Zeilen über sich lesen.

Nicht weil er zum FC Bayern geht. Sondern wegen der Art und Weise, wie er den Deal gehandhabt hat. Wegen der offensichtlichen Halb- und Unwahrheiten, die er seinem aktuellen Klub und der Öffentlichkeit dabei aufgetischt hat.

Kovac, der sonst den Ruf eines charakterstarken, integren Coachs genießt, hat diesen Ruf durch sein unglückliches Auftreten beschädigt. Am meisten vielleicht dadurch, dass er - anders als damals Hecking - keine Unehrlichkeit einräumen mag.

Enthüllung blamiert FC Bayern und Kovac

"Letzten Endes habe ich die Wahrheit gesagt. Ich habe nicht gelogen", sagte er am Freitag auf der Pressekonferenz, bei der er seinen Wechsel zu Bayern bestätigte.

Kovac' Behauptung, dass er mit den Bayern bis zum vergangenen Donnerstag "keinen Kontakt" hatte und erst dann durch einen einzigen Anruf eins zum anderen kam: Schon zu diesem Zeitpunkt hatte sie kaum Glaubwürdigkeit.

Und den letzten Rest davon nahm ihr die Enthüllung, die Kovac und den Bayern am Tag darauf um die Ohren flog: dass er mit Bruder und Co-Trainer Robert am 24. März "zufällig" mit der Bayern-Führung zusammentraf, als in Geretsried der 60. Geburtstag von Bayern-Chauffeur Bruno Kovacevic gefeiert wurde.

Dass Kovac und die Bayern-Bosse dort in großer Runde keine "Vertragsgespräche" führten, wie Hoeneß nun versichert: mag sogar sein, je nachdem wie man dieses Wort definiert. Dass sie - einen Tag nach der Absage von Thomas Tuchel an Bayern - nur auf Bruno Kovacevic anstießen und sich ansonsten nur über das Wetter unterhielten: allerdings auch schwer vorstellbar.

Es geht um mehr als Moral

In Wahrheit soll schon an diesem Tag eine grundsätzliche Einigung erfolgt sein. An sich ist das auch nicht das Problem, auch wären ihm seine widersprüchlichen öffentlichen Statements in den Wochen darauf wohl verziehen worden - hätte er sie damit begründen können, dass er schlicht die mediale Unruhe von seiner Mannschaft fernhalten wollte.


Tatsächlich ist die Geschichte mit der plötzlichen telefonischen Einigung aber auch die, die er der Eintracht-Führung um Sportvorstand Fredi Bobic erzählte.

Nach SPORT1-Informationen wird sie ihm dort auch nicht geglaubt. Und eben darum geht es im Fall Kovac nicht nur um eine abstrakte Moral-Diskussion über Wahrheit und Unwahrheit im Fußball-Geschäft. Es geht um eine sehr konkrete Krisenlage, in die er sich und die Eintracht ohne Not hineinmanövriert hat.


Geht die Eintracht noch für Kovac durchs Feuer?

Kovac' Erfolg als Trainer gründet zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil auf seiner natürlichen Autorität, genau die ist nun angekratzt.

Kann Frankfurt sicher sein, dass die Spieler im Kampf um den DFB-Pokal und die internationalen Plätze noch für einen Trainer durchs Feuer gehen, der ihren Klub an der Nase herumzuführen scheint? Dass ihr so nicht die entscheidenden Prozentpunkte abgehen - in der Liga, im Pokal-Halbfinale auf Schalke am Mittwoch (20.45 Uhr im LIVETICKER)?

Das 1:4 in Leverkusen am Samstag war in dieser Hinsicht kein gutes Vorzeichen. Nicht ohne Grund heißt es im Klub-Umfeld, dass Kovac womöglich sogar seine Entlassung befürchten muss. Eine entsprechende Reporterfrage nannte Bobic am Samstag "respektlos". Er verneinte sie damit aber eben auch nicht.

Bobic' Attacke auf Bayern ist auch Taktik

Noch am Freitag lud Bobic all seinen Ärger an den Bayern ab, mindestens zum Teil dürfte das ein taktisches Ablenkungsmanöver sein, um den Fokus weg von Kovac zu lenken.

Letztlich ist Bobic erfahren genug, dass er nach Tuchels Absage nicht nur Kovac' Einigung mit Bayern vorausahnen musste. Er musste auch vorausahnen, dass die Bayern (entgegen aller Beteuerungen) ein Interesse daran haben würden, die Einigung sofort in den Medien zu platzieren, um ihr eigenes Umfeld zu beruhigen.

Was er nicht zwingend vorausahnen musste: dass Kovac selber eine so unglückliche Rolle in der Angelegenheit spielen würde.

Genau das ist nun auch Bobic' größtes Problem.

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