Korruption privatwirtschaftlich bekämpfen?

Das deutsche Softwareunternehmen SAP wurde in Südafrika bei der Korruption erwischt. Nun drohen dem Unternehmen harsche Strafen. Dabei könnte es sich selbst am besten bereinigen.


Korruption ist ein weitreichendes Problem in allen Ländern der Erde. Sie kommt selbst in jenen Ländern vor, die laut Transparency International weitgehend korruptionsfrei sind. Während in Skandinavien und anderen OECD-Ländern Korruption die Ausnahme ist, gehört sie in vielen Entwicklungsländern zur Tagesordnung. Forscher unterscheiden dabei zwischen zwei Arten der Korruption:

“Petty corruption“ bezeichnet die tägliche und recht kleindimensionierte Bestechung von Beamten, Polizisten oder Zöllnern, um zum Beispiel das Auslandsvisum schneller zu erlangen, den Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung zu vermeiden oder ein Importgeschäft zu beschleunigen.

Diese Form der Korruption scheint vergleichsweise leicht bekämpfbar zu sein. Zum einen müsste man die Löhne der potentiellen Bestechungsempfänger – auch in Relation zu anderen Gehältern in den betroffenen Ländern – erhöhen. Zum anderen harsche Strafen für Korruption androhen und durchsetzen.



“Grand corruption“ bezieht sich auf das Verhalten von Regierungen. Diese Form der Korruption beschreibt das Verhalten der Eliten eines Landes. Hier geht es um große Summen, die zum Beispiel von einem ausländischen Unternehmen an Regierungsmitglieder bzw. deren Scheinfirmen oder Partner gezahlt werden, um einen Staatsauftrag zu erhaschen, eine Privatisierung durchführen zu dürfen, oder eine Lizenz zum Abbau von Rohstoffen zu erhalten.

Diese Form der Korruption ist wesentlich gefährlicher als die kleine Variante, weil sie die Entscheidungsträger innerhalb der Gesellschaft betrifft. Wenn diese nicht gegen die Korruption ankämpfen wollen, wird sie Bestand haben. Solange es also „große Korruption“ gibt, kann auch die „kleine“ nicht verhindert werden.

Nahezu alle empirischen Studien belegen, dass Korruption den Wohlstand einer Gesellschaft schmälert. Das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft sinkt, es finden weniger Investitionen statt, und das wirtschaftliche Wachstum fällt geringer aus. Normalerweise wirkt Korruption wie Sand im Getriebe einer Volkswirtschaft. Doch es gibt einzelne Beispiele, in denen Korruption wie ein Schmiermittel wirkt.



Dieses Phänomen tritt immer dann auf, wenn die Regierungsführung so schlecht ist, dass Verwaltungsprozesse ohne Korruption überhaupt nicht mehr funktionieren würden. Trotzdem stünde das Land insgesamt mit einer besseren Regierung und geringerer Korruption positiver da.

Einzelwirtschaftlich kann Korruption sogar positiv wirken. Das gilt vor allem für ausländische Firmen, die in das betroffene Land exportieren oder dort investieren wollen. Für sie kann es sich lohnen, einzelne Regierungsmitglieder direkt oder indirekt zu bestechen. Den Schaden hat die Bevölkerung, den Nutzen die ausländische Firma. In einigen Ländern scheint es sogar so zu sein, dass ohne Korruption Geschäfte unmöglich sind.

Die OECD-Länder haben deswegen beschlossen, ihren nationalen Unternehmen korruptes Verhalten im Ausland zu untersagen. Das klingt selbstverständlich – war aber nicht immer so. Korruptionszahlungen im Ausland konnten in der Steuererklärung noch vor wenigen Jahren in vielen Ländern offiziell als abzugsfähige Ausgaben deklariert werden. Dies geht nicht mehr. Stattdessen wird Korruption strafrechtlich verfolgt.

In den Vereinigten Staaten verfolgen die Behörden sogar jene Firmen, die in Drittstaaten Korruption begehen, und an amerikanischen Börsen gehandelt werden.


SAP setzt ein starkes Signal


Wie es ist, von den Amerikanern gestellt zu werden, hat gerade das deutsche Unternehmen SAP erfahren, dessen Niederlassung in Südafrika von einem Korruptionsfall erschüttert wurde. Mitarbeiter dieser Niederlassung haben der Presse zufolge eine Provision, also ein Bestechungsgeld, an ein privates Unternehmen gezahlt, um einen lukrativen Auftrag einer staatlichen Netzgesellschaft zu erhalten.

Das private Unternehmen gehört der Gupta-Familie, die in Südafrika für spektakuläre Korruptionsfälle und eine Nähe zu Präsident Jakob Zuma bekannt ist. Präsident Zuma seinerseits drohen Hunderte von Gerichtsverfahren wegen Korruption.

Für SAP kann dieser Fall erhebliche Konsequenzen in den USA nach sich ziehen. Es drohen Strafen und ein sogenanntes „Bilanz-Monitoring“, bei dem das Unternehmen streng durch das Justizministerium kontrolliert wird und bei weiteren Vorfällen vom amerikanischen Markt ausgeschlossen werden kann.



Dabei stellt sich den Unternehmen, die in Südafrika, aber auch in anderen afrikanischen Ländern aktiv sein wollen, das grundsätzliche Problem, dass Korruption nur schwer zu vermeiden ist. Damit wird klar, dass das Unternehmen entweder in einer Grauzone operieren oder auf das Geschäft verzichten muss.

Hinzu kommt, dass für die Regierungen in den OECD-Ländern ein Gefangenendilemma besteht. Eine zu strenge Verfolgung der eigenen Unternehmen verringert Exporterlöse und damit die Anzahl der Jobs zuhause und Steuereinnahmen. Vor diesem Hintergrund klagen deutsche Unternehmen, dass die Bundesregierung im Gegensatz zu anderen OECD-Ländern die Korruptions-Regeln zu streng auslegt.

Es kann auch nicht völlig ausgeschlossen werden, dass in den Vereinigten Staaten in der Sache SAP neben juristischen auch industriepolitische Motive, also der Wunsch, einen Konkurrenten amerikanischer Software-Unternehmen zu behindern, im Raum stehen.



Was könnte eine Lösung für dieses Dilemma sein? SAP reagiert mit einer interessanten Antwort. Neben den üblichen arbeitsrechtlichen Maßnahmen gegen die betreffenden Mitarbeiter wurde beschlossen, in Ländern, die beim Transparency International Ranking weniger als 50 von möglichen 100 Punkten erhalten, gänzlich auf Vertriebsprovisionen im öffentlichen Sektor zu verzichten.

Dies ist ein starkes Signal, das einerseits zu Vertriebsausfällen führen, andererseits aber auch bewirken kann, dass Regierungen stärker gegen Korruption vorgehen. Schließlich rückt nun die schwache Punktzahl in den Fokus. Es wäre wünschenswert, dass andere Unternehmen diesem Beispiel folgen.

Zwar lässt sich das Problem der “Grand corruption“ so nicht lösen, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gerade wenn es sich um Produkte oder Dienstleistungen mit großer Nachfrage und hoher Wertschätzung durch die tatsächlichen Nutzer handelt, kann ein gewisser Druck aufgebaut werden. Schon die Veröffentlichung eines Indexes übt Druck auf korrupte Regierungen aus. Die direkte Anwendung durch große Unternehmen kann diesen Druck nur erhöhen.