Korkut ist Reschkes letzte Chance

Martin Volkmar
SPORT1-Redakteur Martin Volkmar kommentiert die Krise beim VfB Stuttgart

Vorweg: Tayfun Korkut ist ein netter Mensch, war ein erfolgreicher Profi-Fußballer und hat als Trainer sicherlich auch seine Qualitäten.

Gleichwohl fällt einem auf den ersten – und auch auf den zweiten - Blick nicht sehr viel ein, warum der 43-Jährige der richtige Mann sein sollte, um den VfB Stuttgart aus dem Tabellenkeller zu holen. (Korkuts Vorstellung beim VfB zum Nachlesen)

Eher das Gegenteil ist der Fall: Bei seinen bislang drei Stationen als Chefcoach holte Korkut im Schnitt etwas mehr als einen Punkt - die Bilanz eines Absteigers.

Deshalb wurde der Deutsch-Türke in Hannover und Kaiserslautern vorzeitig gefeuert und in Leverkusen nach wenigen Monaten verabschiedet.

Zwar bewahrte er Bayer im Vorjahr mit Mühe vor dem Gang in die Zweite Liga, aber er nutzte seine Chance auf Vertragsverlängerung bei einem Topteam nicht. Was man aus der Mannschaft wirklich herausholen kann, zeigt aktuell sein Nachfolger Heiko Herrlich.

Was also spricht in der höchst prekären Lage des VfB für Korkut? Offenbar lediglich, dass er sofort verfügbar war, gebürtiger Schwabe ist und eine Stuttgarter Vergangenheit hat (als Profi bei den Kickers, als U-19-Trainer 2011/12 beim VfB).

Vielleicht genügte Michael Reschke aber auch die Einschätzung seiner alten Leverkusener Freunde. Zuzutrauen wäre es dem VfB-Sportvorstand jedenfalls. Womit man beim eigentlichen Problem angekommen ist.

Denn der mit großen Vorschusslorbeeren vom FC Bayern geholte Reschke hat es innerhalb weniger Monate geschafft, seinen Ruf deutlich zu ramponieren. So arg, dass die höchst umstrittene Entscheidung für Korkut schon fast seine letzte Chance ist.

Muss der Traditionsklub nach nur einer Saison sofort wieder runter in die zweite Liga, dürfte Reschkes Zeit an der VfB-Spitze schon wieder abgelaufen sein.

Reschke und der ebenfalls oft aktionistische Präsident Wolfgang Dietrich haben Stuttgart relativ schnell die Aufstiegseuphorie ausgetrieben: Mit einem unstrukturiert zusammengestellten Kader, überhöhten Ansprüchen, unnötigen öffentlichen Wortmeldungen und Ultimaten sowie letztlich der Demontage von Hannes Wolf.


Der junge Aufstiegstrainer hat sicher in den vergangenen Wochen viele Fehler gemacht, aber er hatte Engagement, Kompetenz und einen Plan - was man von den Bossen nur bedingt behaupten kann.

Statt Wolfs Zweifel nach der jüngsten Pleitenserie dankbar als Argument für die Hauruck-Trennung am Sonntag anzunehmen, hätten Reschke und Dietrich ihrem Coach auch den Rücken stärken können.

So wie es etwa Max Eberl in Mönchengladbach jahrelang gemacht hat, wenn Lucien Favre alle paar Wochen hinwerfen wollte. Oder wie es Freiburg mit Christian Streich macht, dessen Kontinuität in Stuttgart vor wenigen Wochen noch als beispielhaft dargestellt wurde.

Doch im Moment der ersten Krise ist der alte VfB wieder zurückgekehrt: Ein gewöhnlicher Fahrstuhlklub mit einer gewöhnlichen Führung, dessen höchst gewöhnliche Trainerwahl nun Außergewöhnliches vollbringen muss, um Stuttgart vor dem nächsten Absturz zu retten.