Kopiert sich die Formel 1 wieder spannend?

Christian Paschwitz

Besser gut abgekupfert als schlecht selbst gemacht? Mit dem Diebstahl, Zweckentfremden oder Sich-Bedienen von wie auch immer gearteten (geistigen) Eigentums ist das ja bekanntlich so eine Sache.

Das Mercedes-Abbild von Racing Point war jedenfalls auch beim Großen Preis von Ungarn ein ziemlicher Aufreger. Selbst wenn keiner der beiden Pink Panther am Ende auf dem Podest landete.

Und dennoch: Mit seinem RP20 - mancher mag ihn ein Plagiat nennen - lieferte der Rennstall weit mehr als nur den Beweis, mit den Top-Teams Mercedes, Ferrari und Red Bull inzwischen fast auf einem Niveau zu liegen.

Es warf vielmehr die Gretchenfrage auf, wie legal und legitim es eigentlich ist, in der Formel 1 von der Konkurrenz zu kopieren.

Die schlägt jedenfalls Alarm - allen voran Renault: Nach dem Rennen in Budapest wiederholte der Arbeitgeber von Daniel Ricciardo und Estaban Ocon umgehend seinen Protest, stellte damit sicher, dass im Fall einer Verurteilung von Racing Point auch die Punkte des jüngsten Grand Prix aberkannt werden. 


Red Bull plant, genauso zu kopieren

Bereits in Österreich hatte Renault gegen die Bremsschächte des RP20 Beschwerde eingelegt.

Red Bull kündigte jetzt ebenso Konsequenzen an - allerdings in die ganz andere Richtung, nämlich selbst von anderen Werken Anleihen zu beziehen: 

"Wir hoffen, dass nach der FIA-Entscheidung endlich Klarheit herrscht. Und wenn der Racing Point für legal erklärt wird, dann werden wir mit Alpha Tauri nachlegen und dasselbe tun", erklärte Motorsportchef Helmut Marko unverhohlen bei SPORT1.

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Mehr noch: "Dann gibt es nächstes Jahr mindestens vier Mercedes, vier Red Bull und vielleicht auch bis zu sechs Ferrari in der Startaufstellung", prophezeite Marko.

Droht also bald wirklich eine Kopie-Meisterschaft? Wäre das wirklich so verwerflich - oder läge darin am Ende nicht sogar die Chance auf mehr Spannung in der Formel 1? SPORT1 beleuchtet dazu die wichtigsten Punkte.


Wie intensiv darf kopiert werden?

Zwar müssen die Formel-1-Teams ihre Autos grundsätzlich selbst bauen. Viele Teile dürfen aber auch zugekauft werden - was vor allem über Mercedes, teils aber auch über Red Bull und Ferrari geschieht.

Der frühere Formel-1-Pilot Marc Surer verweist hierzu bei SPORT1 auf "ein klares Reglement. Wenn man sich in der Formel 1 einschreibt, sagt man: 'Ich bin der Konstrukteur meines Autos.'" Dies sei die Voraussetzung, um überhaupt mitfahren zu können.

Entscheidend ist, dass man die entsprechenden Teile selbst gebaut hat. Denn theoretisch ist es erlaubt, ein anderes Auto eins zu eins zu kopieren - solange es lediglich anhand von eigenen Fotos und Skizzen passiert. Illegal indes ist, konkrete Daten von einem Team ans andere weiterzugegeben, was Racing Point auch verneint - während Renault genau diesen Vorwurf formuliert.

So oder so: Bereits das Kopieren an sich löst bei Surer Unverständnis aus: "Dass es überhaupt geht, ein komplettes Auto zu kopieren, ist schon fragwürdig und krass, dass man praktisch ein identisches Auto auf die Beine stellt."

Allein Motoren und Getriebe einzukaufen, hält der ehemalige Zackspeed-Pilot dagegen für richtig - und begründet: "Die Entwicklung wäre für die kleinen Teams viel zu teuer."


Handeln andere Teams genauso?

Ross Brawn wiederum betont, dass das Kopieren anderer in der Königsklasse "Standard" sei.

Allein: Racing Point habe dieses Vorgehen "auf die nächste Stufe gebracht und gründlichere Arbeit geleistet", urteilt der Formel-1-Sportchef: "Es gibt kein einziges Team in diesem Fahrerlager, das nicht etwas von einem anderen Team kopiert hat."

Dave Robson sieht es genauso - und wenig Verwerfliches: "Es war schon immer so, dass das Kopieren ein wichtiger Teil des Spiels ist, das wir spielen", zitiert motorsport.total den Performance-Ingenieur von Williams, das seine Motoren ebenfalls von Mercedes bezieht.

Und das sei mitnichten ein einfaches Vorgehen. Die Schwierigkeit bestehe darin, "dass diese Autos so kompliziert sind, dass man in der Lage sein muss, das Konzept zu kopieren." Wenig verwunderlich demnach, dass es Williams laut Brawn nun selbst "ernsthaft in Betracht ziehen" müsste, es Racing Point gleichzutun.

McLaren und Seidl halten dagegen

Haas wiederum hatte bereits im Februar bei den Tests in Barcelona den gewählten Ansatz gutgeheißen.

"Sie verwenden viele Mercedes-Teile an ihrem Auto. Warum sollten sie da (beim Rest, Anm. d. Red.) einen Red Bull kopieren?", so Teamchef Günther Steiner. "Bei uns ist das auch so. Wir kaufen viele Teile von Ferrari. Welches Auto sollen wir dann kopieren? Vermutlich einen Ferrari." Alles andere sei "ziemlich dumm".

Doch es gibt auch Widersacher, neben Renault ist das McLaren. "Soll die Formel 1 wirklich eine Kopiermeisterschaft werden?", fragte Teamchef Andreas Seidl kürzlich bei SPORT1. Das Unbehagen ist verständlich: Der britische Rennstall befindet sich derzeit hinter Mercedes auf dem zweiten Platz der Konstrukteurswertung.

Was indes an dieser Stelle jedoch auch nicht verschwiegen werden darf: Zahlreiche Teams anderer Rennserien wie der DTM greifen ebenso auf zahlreiche Autos ein und desselben Herstellers zurück - wenngleich freilich weniger Hersteller am Markt sind.

Klar ist allerdings auch, dass die Ausliefer-Teams ihre inzwischen nicht mehr so genannten "Kundenautos" langsamer wissen wollen als das eigene Produkt, die Konkurrenz schließlich weiterhin abhängen mögen.


Macht das Kopieren die Formel 1 wieder spannend? 

Und dennoch liegt genau hierin die große Chance, die gegenwärtige Kräfteverhältnisse wieder auszugleichen, den angesichts der Mercedes-Dominanz zur Formel Gähn mutierten Renn-Zirkus wieder spannender zu machen.

Zur Erinnerung: Vor zwölf Jahren schaffte es Red Bulls Tochterteam Toro Rosso mit Sebastian Vettel tatsächlich, am Ende in der Gesamtwertung vor dem Boliden des Brauseherstellers zu liegen.

Nicht bloß Marko ("Nur so war es 2008 möglich, dass Vettel in Monza mit dem Toro Rosso siegen konnte") hofft deswegen auch auf ein positives Urteil pro Racing Point als Langeweile-Killer und zur Kostenersparnis.

Einen Beitrag dazu leisten könnte zudem die erstmalige Einführung einer Budgetgrenze für die Teams - maximal 175 Millionen US-Dollar sollen künftig pro Rennstall und Jahr ausgegeben werden dürfen.

Robson bereitet sich gedanklich jedenfalls schon heute darauf vor, Mercedes mit seinem Gesamtpaket zu kopieren: "Wie auch immer sie es machen, es ist phänomenal. Ihr Tempo ist im Vergleich zum Rest des Feldes geradezu grenzwertig", so der Williams-Lenker.

Und fügt an: "Wenn man sich die harte Realität und die Art und Weise ansieht, wie Racing Point das geschafft hat, müsste man es meiner Meinung nach ernsthaft versuchen."