Konzert-Kritik: Das Versehrte als Schönheit

Die Kanadierin Feist spielt im Temopodrom eines der Konzerte des Jahres.

Irgendwie hatte man Leslie Feist nicht mehr so richtig auf dem Schirm. Auf dem wunderbaren Album "Let it Die" von 2004 perfektionierte die Kanadierin einen zerbrechlichen, zugleich windschnittigen Sound, der mit Hipness und Charts gleichermaßen kompatibel zu sein schien. Dann verkaufte sie Songs an Werbespots für Apple und Lacoste und wurde – im Rahmen dessen, was bei guter Musik möglich ist – mit "The Reminder" ein Star. Dann: zehn Jahre nichts Nennenswertes mehr.

Jetzt steht sie auf der Bühne des Tempodrom, und schon nach wenigen Takten hat man die Größe und Sterilität dieser Halle vergessen. Und, verraten wir es gleich zu Anfang: Feist gibt eines der besten Konzerte des Jahres. Im pinken, schulterfreien Rüschenkleid, die Gibson-Gitarre um den Hals, wirkt sie auch mit Anfang 40 noch mädchenhaft, koboldig und wild. Sie spielt erst mal ihre neue Platte "Pleasure", komplett. Wer macht so was noch, wenn es sich nicht ums Jubiläums-Abfeiern eines wiederveröffentlichten, selbsternannten Meisterwerks von vor 40 Jahren handelt?

Die Stücke des neuen Albums sind unglaublich klug arrangiert

Über eine leise Bassdrum schieben sich Synthieschichten, Feist flüstert fast, dann bricht ihre Gitarre aus, laut und roh. Dann wieder schlägt Feist sie mit dem Daumen, so leise, man hört es kaum. Der ganze Abend lebt von dieser Spannung: Melodik und Komplexität, Löchrigkeit und Beat. Eine sehr eigene Ästhetik des Versehrten als Schönheit. An leisen Stellen hört man deutlich das Rauschen der Verstärker...

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