Konflikt um Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien spitzt sich zu

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Lautstarker Protest in einer Schule in Barcelona

Unabhängigkeitsbefürworter haben dutzende Schulen in Katalonien besetzt, damit diese am Sonntag als Wahllokale für das Referendum genutzt werden können. Die spanische Zentralregierung hat die Polizei angewiesen, die Schulen zu räumen

Einen Tag vor dem Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien hält die Kraftprobe zwischen der spanischen Zentralregierung und Barcelona an. Unabhängigkeitsbefürworter hielten am Samstag dutzende Schulen in Katalonien besetzt, damit diese am Sonntag als Abstimmungslokale für das von Madrid untersagte Referendum genutzt werden können. Die Polizei riegelte daraufhin 1300 der rund 2300 Wahlbüros in Katalonien ab.

Bei der Besetzung der Schule ihres Sohnes in Barcelona sagte eine Mutter, es sei entscheidend, dass die Abstimmungslokale am Referendumstag geöffnet seien: "Wir müssen unsere Interessen verteidigen, sonst wird das niemand für uns tun." In dutzenden Schulen wollten Eltern und Anwohner am Samstag Sportwettkämpfe, Kulturveranstaltungen, Tänze, Filmvorführungen oder große Essen abhalten, um die Räume bis zum Abstimmungsbeginn am Sonntagmorgen besetzt zu halten.

"Ohne Ungehorsam keine Unabhängigkeit", hieß es auf einem Plakat an einer Schule in Barcelona. Feuerwehrleute und mit Traktoren angerückte Bauern wollen die Wahlbüros am Sonntag schützen.

Am späten Freitagabend hatte der Regionalpräsident Carles Puigdemont bei einer Veranstaltung in Barcelona noch einmal die Entschlossenheit der katalanischen Behörden deutlich gemacht, das Referendum am Sonntag trotz Verbots durch das spanische Verfassungsgericht und trotz der massiven Drohungen aus Madrid abzuhalten.

"Wir haben noch den ganzen Sonntag, um die Unabhängigkeit zu gewinnen", rief er seinen etwa 10.000 Anhängern zu. Angesichts der Mobilisierung der Bevölkerung hätten die Unabhängigkeitsbefürworter "schon gewonnen". Die Menge antwortete auf Katalanisch mit dem Ruf "Votarem" (Wir werden wählen).

Die Regionalregierung versicherte, dass 2315 Wahllokale zur Verfügung stünden, davon 207 in Barcelona. Es bildeten sich Komitees zur Verteidigung des Referendums, die zu friedlichen Besetzungen aufriefen. Die katalanische Polizei Mossos d'Esquadra - sie ist der Regierung in Barcelona unterstellt, aber an Entscheidungen der Justiz gebunden - riegelte am Samstag bereits 1300 Wahllokale ab, wie der Vertreter der spanischen Zentralregierung in Katalonien, Enric Millo, mitteilte. Er räumte ein, dass 163 dieser Wahllokale "friedlich" besetzt seien. Menschen dürften heraus, aber nicht hinein. Neben den Mossos d'Esquadra sind tausende spanische Polizisten im Einsatz, darunter Einsatzkräfte der kasernierten Guardia Civil.

In der Stadt L'Hospitalet de Llobregat nahmen unterdessen 2000 Gegner einer Unabhängigkeit von Spanien an einer Versammlung von Kataloniens Hauptoppositionspartei teil, der liberalen Ciudadanos (Bürger). In Madrid demonstrierten tausende Befürworter der Einheit Spaniens mit spanischen Fahnen vor dem Rathaus. Einige forderten Puigdemonts Inhaftierung.

Die spanischen Einsatzkräfte hatten in den vergangenen Tagen hochrangige katalanische Regierungsmitarbeiter festgenommen sowie Millionen Stimmzettel und sonstige Referendumsunterlagen beschlagnahmt. Die Justiz leitete überdies Ermittlungen gegen mehr als 700 katalanische Bürgermeister ein, die das Unabhängigkeitsreferendum unterstützen. Im Zusammenhang mit dem Volksentscheid stehende Internetseiten wurden auf richterliche Anordnung geschlossen.

Der katalanische Regierungssprecher Jordi Turull bezifferte die Zahl der Abstimmungsberechtigten auf 5,3 Millionen und sprach von mehr als 7200 Wahlhelfern. Die spanische Polizei suchte unterdessen immer noch nach den Orten, an denen die Wahlurnen versteckt gehalten wurden.

Madrids verschärfte Gangart brachte in den vergangenen Tagen in Barcelona und anderen Städten hunderttausende empörte Katalanen auf die Straße. Eine Mehrheit der Bewohner von Katalonien wünscht sich laut Umfragen ein ordnungsgemäßes Referendum, ist aber über eine Unabhängigkeit der Region gespalten.

Katalonien mit seinen etwa 7,5 Millionen Einwohnern ist etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen und kommt für etwa ein Fünftel des spanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf. In der wohlhabenden Region im Nordosten Spaniens, in der eine eigene Sprache gesprochen wird, gibt es seit Jahrzehnten Bestrebungen, sich von Spanien loszulösen.