"Das sind komplett spaßbefreite Zonen": Michael Mittermeier verrät, wo er mit Humor nicht mehr weiterkommt

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Nein, um den Humor mache er sich keine Sorgen, sagte Michael Mittermeier jetzt in einem Interview, sehr wohl aber um die Debattenkultur: "Jeder hat heute die Möglichkeit, seinen Unmut, seine Wut, seinen Hass direkt und ungefiltert auszuwürgen - und davon wird leider immer mehr Gebrauch gemacht."

Auch wenn es ernste Zeiten sind: Michael Mittermeier hat seinen Humor noch lange nicht verloren. "Der Lockdown, der ganze Wahnsinn - das gehört jetzt zu unserem Leben, und man muss unbedingt auch darüber lachen können", befand der Comedian jetzt im Interview mit der Agentur teleschau. "Das befreit, das hilft, das ist wichtig, sonst gehen wir daran noch kaputt." Im Interview sprach der Comedian aber einige Male auch mit heiligem Ernst: Unter anderem plädierte der 54-Jährige für die Gründung einer "Task Force Kultur", sonst drohe einer ganzen Branche der Absturz.

Kultur-Demos, so Mittermeier gegenüber teleschau, seien "schön und gut", aber er spreche sich für eine deutschlandweite "Task Force Kultur" aus, "in der es endlich um handfeste große Lösungen" gehen soll. "Wir sind die viertgrößte Branche dieses Landes, es geht um hunderttausende Menschen, die nicht wissen, wie sie den nächsten Monat rumkriegen, und um ein Milliardengeschäft, das, so fühlt es sich an, einfach übersehen wird, weil es keine Lobby hat", wetterte der Comedian.

Sicher gäbe es diverse Unterstützungen und verschiedene kleine Lösungen für Auftritte, regional völlig unterschiedliche Konzepte - "aber nichts, was uns wirklich weiterbringt, und keinerlei Standards", so Mittermeier. "Dabei wäre das möglich", findet er - viele Veranstalter hätten dies "mit kreativen Ansätzen" bewiesen. Es werde "höchste Zeit für eine gemeinsame Interessenvertretung und ein solches Forum mit allen Vertretern unserer Zünfte, in dem tragfähige Ideen entwickelt werden. Nur so kann es gehen."

"Auch der derbste Humor hat da keine Chance"

"Ich glaube, ich hatte es schon" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, zwölf Euro), Michael Mittermeiers neues Buch, dreht sich um das Alltagsleben in Zeiten der Pandemie. Mit einem geschulten Blick fürs Menschelnde und jeder Menge Augenzwinkern beschreibt er Begegnungen und Begebenheiten, die es vor einem Jahr so noch nicht gegeben hätte. Auch das ein oder andere Zusammentreffen mit Verschwörungstheoretikern kommt in dem Werk zur Sprache. "Die haben wirklich keinen Humor", wusste Mittermeier im teleschau-Interview zu berichten. "Das gilt nach meiner Erfahrung für all diese Extremgurken - auch für Neonazis oder Impftrolle. Das sind komplett spaßbefreite Zonen."

Er habe "genau ein einziges Mal versucht", sich in einem Shitstorm mit humorvollen Kommentaren zur Wehr zu sehen, doch dann, so Mittermeier konsterniert, "gab's erst richtig auf die Fresse". Sein Rat: "Don't you ever do it!" Schlimmer, ergänzte er, sei es "nur noch, wenn die Verschwörungstheoretiker dich umdrehen wollen und im missionarischen Eifer irgendwelche erfundenen Storys auspacken, ellenlange Videos schicken, in denen angeblich bewiesen wird, dass die Erde eine Scheibe ist" ... Michael Mittermeier: "Da triffst du auf eine Absurdität, der du einfach nichts mehr entgegensetzen kannst - auch der derbste Humor hat da keine Chance."

Der Spaßfachmann findet dannoch nicht, dass aktuell besonders schlechte Zeiten für das Humorfach sind. "Sie sind nicht besser oder schlechter als andere", erklärte er der teleschau. Ein guter Comedian müsse "in jeder Zeit in der Lage sein, dafür zu sorgen, dass man die ganze Scheiße auch mal weglachen kann". Er sähe es heute ja bei jedem Auftritt, so der Oberbayer: "Die Leute lieben es, zu lachen, vielleicht ist die Sehnsucht nach einem guten Witz sogar noch größer als in anderen Zeiten." Er habe selten so einhellig positives Feedback zu seinen Nummern bekommen wie zuletzt. "Selbst in den dunkelsten Phasen gibt es noch viel Licht - das hat mir die Arbeit an dem Buch mal wieder bestätigt", betonte Mittermeier. Er habe "das Grinsen beim Schreiben kaum aus dem Gesicht bekommen".

Um den Humor sorge er sich daher mitnichten, sehr wohl aber um die Debattenkultur, erklärte der Comedian im teleschau-Interview: "Jeder hat heute die Möglichkeit, seinen Unmut, seine Wut, seinen Hass direkt und ungefiltert auszuwürgen - und davon wird leider immer mehr Gebrauch gemacht, wie ich auch erst selbst wieder erfahren durfte... Nachdem ich bei einem Auftritt die auch im Buch geschilderte Nummer über Attila Hildmann zum Besten gegeben hatte, haben mich Attila und seine Jünger zugeschüttet mit ihren Tiraden gegen mich oder die Regierung, mit der ich Systemling angeblich im Bunde stehe" ... Natürlich, befand Mittermeier nüchtern, "ist so was schlimm - aber so ist es halt heute".

Er höre "wegen eines Shitstorms bestimmt nicht mit meinem Job auf", versprach Mittermeier und forderte: "Wir müssten nur endlich mal damit anfangen, darüber zu sprechen, welche Folgen das Phänomen für die Gesellschaft hat." Im Interview wunderte er sich über die neue Perspektive, die einige auf seinen Berufsstand hätten: "Auch wenn man natürlich nicht immer einverstanden war mit dem, was Kabarettisten so von sich gaben, so galt es doch als Konsens, dass sie eine Daseinsberechtigung haben. Das sehen einige heute leider ganz anders."