Kommt mit der indischen Variante die vierte Welle? "Das Virus wird noch einige seltsame, unerwartete Dinge tun"

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Mit der "britischen" Variante B.1.1.7 kam Ende des Winters die dritte große Corona-Welle über Europa. Noch einmal schossen die Zahlen der Neuinfektionen nach oben, wenig später die der Intensivpatienten und der Todeszahlen durch Covid-19. Noch einmal gingen die meisten Länder in einen mehr oder weniger strengen Lockdown.

Dann kam der Frühling und mit ihm die Hoffnung. Die Impfungen schreiten voran – etwa sieben Menschen werden in Deutschland beim derzeitigen Impftempo pro Sekunde immunisiert –, das Infektionsgeschehen sinkt deutlich, parallel werden die Beschränkungen gelockert. Ein Gefühl von Sicherheit stellt sich bei vielen ein.

Doch seit dem 11. Mai 2021 wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die neue "indische" Variante B.1.617 zu den "variants of concern" (VOC) gezählt: den besorgniserregenden Genvarianten des SARS-CoV-2-Virus. Diese Variante, bestehend aus den Untervarianten B.1.617.1, B.1.617.2 und B.1.617.3, tauchte zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra auf und verbreitet sich dort seither stark. Auch in Großbritannien und anderen Ländern Europas wurde die Mutante inzwischen nachgewiesen, auch in Deutschland. Hier lag ihr Anteil Ende April bei etwa zwei Prozent.

Wie viel ansteckender als B.1.1.7 ist B.1.617? Diese Frage wird über eine vierte Welle entscheiden

Das klingt nicht nach viel, und inzwischen sind viele Menschen zumindest einmal gegen Corona geimpft, in Deutschland etwa fast 41 Prozent. Warum also bereitet eine neue Mutation immer noch Sorgen? Neil Ferguson, Direktor des MRC Centre for Global Infectious Disease Analysis, Imperial College London und Ravindra Gupta, Professor für klinische Mikrobiologie, University of Cambridge, untersuchen die Variante derzeit in Großbritannien.

Sie sehen vor allem zwei Gründe. B.1.617 weist zum einen Mutationen auf, die mit einer reduzierten Wirksamkeit der Immunantwort in Verbindung gebracht werden – die also die Wirksamkeit der derzeitigen Impfstoffe herabsetzen. Zwar deuten erste, ganz frische Daten aus den Laboren der Forscher daraufhin, dass die Vakzine immer noch wirksam genug sind, allerdings erst nach der zweiten Impfdosis, die den meisten Menschen noch fehlt.

Zum anderen gibt es deutliche Hinweise, dass einige der Mutationen von B.1.617 es dem Virus erlauben, die Bindung an die menschlichen Zellen zu verstärken. Vor allem die Untervariante B.1.617.2 ist wahrscheinlich noch einmal deutlich ansteckender als B.1.1.7, die britische Variante – die bereits deutlich ansteckender war als der Wildtyp des Virus.

Die Grafik zeigt den relativen Anteil der untersuchten positiven Proben, in denen in Deutschland besorgniserregende SARS-CoV-2-Virusvarianten und andere Varianten nachgewiesen wurden.
Die Grafik zeigt den relativen Anteil der untersuchten positiven Proben, in denen in Deutschland besorgniserregende SARS-CoV-2-Virusvarianten und andere Varianten nachgewiesen wurden.

Wie viel ansteckender genau B.1.617 ist, das ist die zentrale Frage um vorherzusagen, welches Potenzial in dieser Mutante steckt – und ob sie eine vierte Welle in Europa auslösen könnte oder nicht. Erste Schätzungen liegen den britischen Forschern zufolge bei 50 Prozent. Das Problem ist nur: Die Schätzungen helfen nicht viel. Was man brauche, sagt Ferguson, seien verlässliche Daten dazu, um welchen Prozentsatz es sich genau handelt. Ob B.1.617 sich um 20 Prozent schneller verbreite als B.1.1.7 oder um 60 Prozent, das mache einen fundamentalen Unterschied. Denn irgendwo dazwischen liege der Kipppunkt, an dem das Tempo der Infektionen das Tempo der Impfungen überhole.

"Wir können ein gewisses Maß an höherer Übertragung verkraften", sagt er. Derzeit seien in Großbritannien wie auch in Deutschland die Infektionszahlen niedrig, das sei zweifellos eine viel bessere Situation als im Dezember, als B.1.1.7 auftrat. Dazu kommen die Impfraten, die etwas helfen. Gleichzeitig aber sei für ihn klar, dass die lokal begrenzten, dafür aber massiven Corona-Ausbrüche, die es derzeit in Großbritannien gebe, auf B.1.617 zurückgehen. Auch liege es nicht daran, dass dort lokal noch zu wenig geimpft werde. "Wir haben regional nur etwa fünf Prozent Unterschied in den Impfraten, das kann es also nicht erklären", sagt er.

"Es geht nicht darum, wie hoch die Fälle steigen, sondern wie schnell sie steigen"

Er glaubt, dass die kommenden zwei bis drei Wochen in Großbritannien zeigen werden, wie viel ansteckender die Mutante ist – wenn sie sich von den lokalen Ausbrüchen mehr in die allgemeine Bevölkerung verbreitet. Je nachdem, was sich dann zeige, müsse man berechnen, ob die Lockerungsmaßnahmen weitergeführt werden können, bei nur geringfügig erhöhter Verbreitungsgeschwindigkeit der Variante. Oder ob man mit ihnen noch etwas warten sollte – oder gar in einen Lockdown zurückgehen. "Es geht nicht darum, wie hoch die Fälle steigen, sondern wie schnell sie steigen", sagt er. "Wenn wir sehen, dass sich die Fallzahlen alle zwei Wochen verdoppeln, wäre das ein Problem."

Ravindra Gupta betont, dass es sich derzeit um ein Rennen handelt: zwischen dem Virus, das alles tut, um sich effizient zu verbreiten, und den Eindämmungsmaßnahmen und Impfungen, die die Verbreitung unterbinden sollen. "Das Virus wird noch einige seltsame, unerwartete Dinge tun", sagt er. "Es wird Wege finden, unter Druck effizienter zu sein. Das ist nur der Anfang von dem, was kommen wird, da bin ich mir sicher."

Das müsse nicht zwingend etwas Schlimmes bedeuten, sagt er. Es sei aber wichtig, das im Kopf zu behalten und sich ebenso kontinuierlich dem Virus anzupassen, wie es selbst das tut. Dazu gehöre ein schnelles Impftempo – da der Impfschutz bei Varianten erst nach der zweiten Dosis gut sei – ebenso wie das kluge Anpassen der Impfstoffe an die Varianten. Solange das Virus Wege habe, sich zu verbreiten, werde es das auch tun.

Er halte auch nichts davon zu betonen, dass das Virus dann irgendwann nur noch eine Erkältung auslösen werden, wie manche Forscher es tun. "Wenn das passieren sollte, ist das toll", sagt er. "Aber es könnte auch so laufen wie mit der Grippe. An ihr sterben immer noch viele, viele Menschen – und zwar jedes Jahr."

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