Kommentar zum Urteil zur Intersexualität: Das ist kein sexuelles Gedöns

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Nach dem Urteil aus Karlsruhe müssen die Behörden nun dem Wunsch nach einer dritten Option beim Geschlechtseintrag stattgeben (Bild: dpa)

Die obersten Verfassungshüter fordern ein drittes Geschlecht im Geburtenregister – und stärken damit Intersexuellen den Rücken. Es wurde Zeit.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Herrlicher Stoff zum Aufregen kommt aus Karlsruhe. Wenn etwas nur wenige Menschen – im Vergleich zu allen anderen – betrifft, ist schnell Schluss mit lustig. Dann sollen die sich „nicht anstellen“, oder manche fragen, ob es nicht andere Probleme gebe, zum Beispiel den Weltfrieden oder seltsame Nachrichten aus dem Orion-Gürtel.

Intersexuelle machen nach Schätzungen zwischen 0,1 und 0,2 Prozent der Bevölkerung aus. Sie sind nicht eindeutig einem weiblichen oder einem männlichen Geschlecht zuzuordnen, das kann anatomische, hormonelle oder genetische Gründe haben. Damit umzugehen ist leicht: Man akzeptiert Fakten und respektiert den Menschen wie jeden anderen auch. Das ist die Theorie. Die Praxis hinkt noch hinterher.

Zeit des Verschweigens ist vorbei

Dass das Bundesverfassungsgericht heute einen wichtigen Punkt geklärt hat, hilft ein wenig aufzuholen: In das Geburtenregister wurde lange Zeit entweder „weiblich“ oder „männlich“ eingetragen, seit 2013 durfte diese Stelle zumindest offen bleiben. Aber eine Leerstelle sieht aus wie ein Verschweigen, wie ein: Das sagst du jetzt besser nicht – und erzählt ein Stück weit, wie harsch mit Intersexuellen umgesprungen wurde. Nun gaben die Richter der Klage eines intersexuellen Menschen Recht, der als Mädchen ins Register eingetragen worden war und den Antrag auf „inter“ oder „divers“ gestellt hatte. Eine Chromosomenanalyse hatte ergeben, dass er weder Mann noch Frau ist.

Ohje, murmelt es nun, denkt doch an den Weltfrieden oder an den Orion-Gürtel. Und dann gibt es jene Kandidaten, die in den Rechten Anderer eine Extrawurst sehen, sobald sie nicht auf ihrem Teller landet. Schließlich gibt es die Sehnsüchtigen, die sich eine einfache Welt wünschen, in der es nur Hip oder Hopp gibt, die sich vor Mischfarben grauen. Die Welt war aber noch nie einfach, und einfacher ist sie auch nicht geworden, und wir im Abendland tragen ein schweres Erbe: Da wird dann auf die Bibel verwiesen und auf den Schöpfungsbericht, wonach Gott die Menschen als Mann und Frau geschaffen hatte, und dann gab es noch die Sache mit der Rippe; so viel Klarheit muss sein.

Das Abendland hinkt hinterher

Während es also Intersexuelle schon immer gab, der Begriff der „Intersexualität“ seit über hundert Jahren in der deutschen Sprache lebt und es in vielen Kulturen weltweit seit Menschengedenken einen natürlichen Platz für ein „drittes Geschlecht“ gibt, tut man sich im Abendland schwerer, verdammte Rippe.

Da braucht es dann Scheingefechte. Wenn hier und da eine öffentliche geschlechtsneutrale Toilette eingerichtet wird, entfachen sich zuweilen Debatten, als ginge es um die Verteidigung des Abendlandes; wobei dies einen gewissen Kern trifft: Die humanistischen Werte verlangen nach einer Gleichbehandlung aller Menschen und verdammen jegliche Diskriminierung.

Anderen Menschen ihre natürlichen Rechte einzuräumen, tut nicht weh. Es schadet auch nicht anderweitig. Außerdem trägt es zur inneren Gelassenheit und damit zu besserer Gesundheit bei, wenn sich nicht die Nackenhaare beim Wort „divers“ sträuben. Dies ist keine Diktatur einer angeblichen „Political Correctness“, sondern umgekehrt eine Absage an diktatorische Gleichmacherei.