Wir sind Jamaika

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Zuletzt hingen dunkle Wolken über Jamaika – oder war das doch Berlin? (Bild: AP Photo/David McFadden)

Nichts ist mit Koalition. Für ein paar Wochen träumte Deutschland, von Jamaika regiert zu werden. Wie hätte das eigentlich gehen können – von einer Entfernung von 8461,11 Kilometern zwischen Kingston und Berlin aus? Bleibt uns, den Jamaikaner in uns finden.

Ein satirischer Reiseführer von Jan Rübel

Über Nacht sind wir zu Experten im Karibischen geworden. Plötzlich redeten wir alle über Jamaika, und wie es sich für gute Deutsche gehört, wissen wir Bescheid. „Der Weg nach Jamaika ist weit“, hieß es mahnend von unseren Politikern, aber die Medien titelten hoffnungsvoll „Deutschland ist reif für die Insel“.

So schlecht war der Herbst nun auch nicht, finde ich: Wir übertreiben. Ich verstehe nicht, warum die Deutschen auch im Urlauben Weltmeister sind, so massenhaft verlassen sie kurzweilig die Landesgrenzen. Wir haben immerhin selbst Inseln – und eine „Sylter Regierung“ oder Spiekeroog-Koalition“ klingen ähnlich erhaben. Dennoch schwärmte man plötzlich von Jamaika.

Ich gebe zu: Solche Metaphern dienen der Veranschaulichung abstrakter Begriffe, da legt „Jamaika“ fette Emotionen frei; wenn auch nicht immer sympathisch gemeinte. Während also der „Spiegel“ frohlockte, „ein Hauch von Südsee liegt schon über dem Regierungsviertel“, fürchtete die „Welt“ recht kalvinistisch einen Seriositätsverlust, wenn die Regierung „nach einem Kifferparadies benannt ist“, und die „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“ warnte wissend, dass es in der Koalition nichts mit lässig abhängen werden würde.

Alles Kiffer, oder was? Solche Bilder wurden gerne von Jamaika-Skeptikern heraufbeschworen (Bild: AP Photo/David McFadden)

Sicherlich, Sylt steht mehr für Krabbenbrötchen und Spiekeroog fürs „Familienparadies“; ordentlich gebechert wird auf den Inseln hingegen schon, also von wegen drogenfreie Zone. Jedenfalls haben manche Medien und Politiker regelrechte ethnologische Studien zur Insel in der Karibik offenbart: Der Jamaikaner an und für sich kommt, so bekifft wie er ist, nur selten aus seiner Hütte; er lebt ja im Paradies, da macht es nichts aus, dass jeder fünfte Bewohner unterhalb der Armutsgrenze lebt.

Das Wetter war schuld

Irgendwann forderten die Jamaikaner zu viel, da hieß es in den Zeitungen: „Jamaikaner wollen mehr Wohnungsausbau“ oder „Wie die Jamaikaner die Zeit totschlagen“ – kein Wunder, dass in Berlin erste Zweifel aufkamen. Vielleicht, unkte etwa CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, „bleibt Jamaika eine Insel in der Karibik und wird keine Koalition in Berlin“. Als es bei der Parteiensondierung zu stocken begann, griff man zum meteorologischen Vokabular: „Ich würde sagen, es zieht gerade ein Hurrikan auf über Jamaika“, sagte FDP-Vize Wolfgang Kubicki. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter konterte: „Der Hurrikan kommt halt daher, dass sich beim Klima so wenig tut.“

Nun wissen wir, warum Deutschland keine Regierung aus Union, FDP und Grünen erhält, jedenfalls vorerst nicht: Das Wetter ist schuld, das Klima eben. Und ich dachte, der Islam sei an allem schuld. Man kann sich halt irren. Die Erkenntnis des Tages hatte Julia Klöckner, die CDU-Vize wusste von den Jamaikanern zu berichten: „In Jamaika stehen nicht nur Sonnenliegen. Da kann es auch mal Sturm geben, und deshalb haben alle ihre Regenjacken dabei.“ Partystimmung stelle ich mir anders vor.

Überall Experten, nur nicht in Jamaika

In der Opposition war man natürlich traditionell skeptisch gegenüber Jamaika. Von dort könne nichts Gutes kommen, so viel war den Sozialdemokraten klar. „Die Jamaikaner schippern ohne Kompass auf der See, kreuzen dieses und jenes Thema, aber wissen nicht, wo sie Anker werfen wollen“, sagte die neue Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles. Ich wusste gar nicht, dass die Pfälzerin mit Nautik vertraut ist, aber Politiker sind Tausendsassas. Dass die Jamaikaner auf ihren Kähnen planlos umherschiffen, liegt natürlich an den Joints, kein Zweifel. Auch mich überkam die blumige Sprache, ich schrieb vom „Karibikkiller“ FDP und überhaupt dem „Fluch der Karibik“ als tristem Ende der Sondierungsgespräche.

Die Sondierungen hätte wohl auch Captain Jack Sparrow nicht retten können (Bild: Disney)

Dann war Schluss mit lustig. Nachher wussten es alle besser. Man sollte jetzt nicht so tun, als hätte die Sonne über Jamaika geschienen, wenn die FDP geblieben wäre, klärte der grüne Verhandlungsführer Robert Habeck auf. Und, ganz dramatisch, verkündete Andrea Nahles: „Jetzt versucht der Bundespräsident, mit den Jamaikanern zu sprechen.“ Vielleicht wird der Steinmeier es richten und die Jamaikaner zur Rückkehr bewegen. Kingston, wir haben ein Problem!