Kommentar: Warum Verbote von Kopftüchern nicht helfen

Das Kopftuch für Mädchen unter 14 ist extrem umstritten (Bild: AP Photo/Mark Lennihan)

Sollen Mädchen unter 14 Jahren ein Kopftuch tragen dürfen? Über den Umgang mit einem schwierigen Thema.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ob alles gute aus Österreich, einem bekanntlich glücklichen Land, kommt, darf bestritten werden. Die neue Regierung aus Konservativen und Rechtspopulisten trägt komische Ideen wie das Kippen eines Rauchverbots in Restaurants und Kneipen mit sich herum. Ihr Argument: Es gehe um die Freiheit der eigenen Entscheidung…

Interessanterweise nehmen die gleichen Politiker es mit der Freiheit nicht so genau, wenn es sie persönlich weniger betrifft, zum Beispiel bei der Frage, ob ein Kopftuch getragen werden darf oder nicht. Nun will das Kabinett in Wien Mädchen verbieten, in Kitas und Grundschulen ein Kopftuch zu tragen und initiiert damit eine Debatte in Deutschland neu, die es seit langem gibt und die nicht einfach zu beantworten ist.

Worum geht es? In NRW prüft jetzt die Landesregierung, Mädchen unter 14 Jahren das Tragen eines Kopftuchs zu verbieten. Diese könnten noch nicht selbstbestimmt entscheiden und seien religionsunmündig.

Pauschale Urteile sind ungenau

Ich gebe zu, dass mir keine schnelle Lösung dazu einfällt. Wer kann genau konstatieren, ob ein 13-jähriges Mädchen selbstbestimmt agiert oder nicht – und was heißt überhaupt “religionsunmündig”? Kinder sind oft unabhängiger, bestimmter und selbstbestimmter in ihren Entscheidungen, als wir Erwachsene es uns vorstellen. Auf der anderen Seite sind Kinder stetig Beeinflussungen von oben ausgesetzt, müssen sich zu ihnen verhalten, lernen dadurch auch ihren eigenen Persönlichkeitsweg zu gehen. Und ein von der Mutter getragenes Kopftuch ist sicherlich ein starker Einfluss auf ein Kind; da gibt es manche Idee aus der Erwachsenenwelt, die bewusst oder unbewusst einem Kind im Wortsinne übergestülpt wird.

Hier eine Grenze zu setzen, ist schwer. Ist eine Altersgrenze pauschal und willkürlich – oder dennoch schlicht notwendig? Kinder brauchen Schutzräume, auch jene des Staates wie die Schulen, in denen sie vom Elternhaus unabhängige oder vor allem getrennte Erfahrungen sammeln. Doch wertet ein Verbot nicht das Tragen eines Kopftuchs auf, und zwar negativ wie positiv?

Immer schwingt mit, dass ein islamisches Kopftuch ein Symbol für Unterdrückung und Distanz, gar Isolation sei. Das islamische Kopftuch vereint in sich viele Dimensionen, da gibt es schon Unterdrückung durch das Durchsetzen eines fremden Willens, aber es gibt mindestens ebenso, wenn nicht noch mehr, das Kopftuch als Ausdruck einer Religiosität, oder einer Protesthaltung, eines Wohlbefindens damit, einer Identität neben anderen Identitäten oder einfach nur eine Ausgestaltung des persönlichen Gottesglaubens.

Das Kopftuch ist vielfältig und daher mit einem Verbot nicht greifbar. Die Selbstbestimmtheit, die von den Verbotsanhängern immer angemahnt wird, erhält gerade durch ein Verbot eine Behinderung. Frauen tragen selbstbestimmt ihr Kopftuch, und ein Verbot würde sie in ihrer Selbstbestimmtheit beschneiden.

Geht es um die Sache?

Daher ist erstmal die Frage zu stellen, um wie viele Mädchen es sich handelt. Selbst diejenigen, die sich für ein Kopftuch entscheiden, tun dies in den allermeisten Fällen in einem Alter deutlich über 14 Jahren. Nun gibt es Berichte von Lehrern, die deuten daraufhin, dass es mehr “kleine Mädchen” mit Kopftuch gebe. Bedeutet das einen Trend? Bisher gibt es einfach keine validen, belastbaren Zahlen darüber. Also schwingt der Verdacht mit, der Regierung in Wien und manchen Politikern in Deutschland geht bei dieser Debatte weniger um Kindeswohl als darum, Muslimen einen mitzugeben.

Doch das alles erlöst uns nicht von der Frage, wie sich die Gesellschaft verhält, wenn ein siebenjähriges Mädchen mit Kopftuch in der Schule erscheint. Bei mir würde es eine Menge Fragezeichen auslösen. Komisch fände ich es schon.

Ein Verbot könnte da ansetzen. Oder erst ein Gespräch der Lehrer mit dem Kind, mit den Eltern. Man könnte die islamische Gemeinde vor Ort zu Rate ziehen, denn die meisten islamischen Autoritäten halten wenig davon, ein Kopftuch vor Erreichen der Geschlechtsreife zu tragen. Am Ende könnte es uneinsichtige, bevormundende Eltern geben, denen der Staat Grenzen setzen muss.

Elternrecht hat in Deutschland historisch zu großen Stellenwert, der Staat sollte generell mehr hinschauen und im Zweifel intervenieren. Für solche Fälle könnte ein Verbot sinnvoll sein. Bis dahin wäre indes ein langer Weg notwendig, keine rasche Gesetzesinitiative.