Kommentar: Warum mir der Hype um Oprah Winfrey auf die Nerven geht

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Wird die Award-Show für Oprah Winfrey zum Sprungbrett in die Politik? (Bild: Reuters)

Wer soll es richten gegen Donald Trump? Bei den US-Demokraten beginnt die Castingshow. Und es melden sich – lauter Prominente. Was haben wir von der Entpolitisierung der Politik?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Donald Trump ist ein erstklassiger Entertainer, darin beweist der zufällig Präsident gewordene Showman kreative Genialität. Allein heute: Wer die Nachrichtenseiten runterscrollt, stolpert ganz oben nicht über eine, sondern zwei und drei Meldungen, die sich um Trump drehen. Trump lästert? Headline! Trump singt die Nationalhymne nicht fehlerfrei? Aufmacher! Dieser Mann hat uns im Griff, es ist auch seine einzige Chance; ließe dieser Fokus nach, liefe man Gefahr auf seine Politik zu schauen und nicht bloß auf den Mann.

Dann stünde der Kaiser ohne die Kleider da, welche die Öffentlichkeit ihm medial umhängt.

Und die Garderobe erweist sich als Füllhorn, als nächstes wird Oprah Winfrey eingekleidet. Der bei den Golden Globes aufgebrachte Gedanke, dass sie für die Demokraten als US-Präsidentin gegen Trump kandidieren könnte, führte zu allgemeiner Schnappatmung. Winfrey hat, wie ein konservativer Politiker witzelte, mehr Bücher gelesen als Trump, hat mehr Geld, ist stabiler – und gegen sie wird nicht ermittelt. Winfrey ist nicht nur erfolgreich, sie beweist Intellekt, Zuversicht und Herzlichkeit; dass die US-Demokraten die Idee, sie würde die Partei bei den Wahlen vertreten, aktuell in Verzückung versetzt, liegt aber vor allem am Celebrity-Faktor: Winfrey ist das bekannteste Fernsehgesicht Amerikas, ihre Sendungen versammelten die Nation vorm Bildschirm.

Woher kommt dieser Überdruss?

Auch die Schauspieler Dwayne „The Rock“ Johnson und Tom Hanks sollen mit einer Kandidatur liebäugeln, und George Clooney wird sich vielleicht noch diese Woche äußern – die Personalisierung der Politik nimmt ihren Lauf. Winfreys öffentliche Äußerungen würden zu Papier gebracht eine Bibliothek füllen, doch auf Politisches abgeklopft reichte es eher zu einem Bändchen. Bei Johnson, Hanks und Clooney sieht es nicht anders aus.

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Was wollen diese Leute in der Politik? Dass Promis zunehmend für öffentliche Aufgaben gehandelt werden, ist Ausdruck einer tiefen Krise, einer Entpolitisierung der Politik – wir laufen vor den Problemen davon. In Politikern sehen wir eine Kaste, einen Apparat, und verdrängen, dass es vielleicht aus guten Gründen nie anders war.

Wohin die Entpolitisierung der Politik führen kann, sehen wir gerade im Weißen Haus (Bild: Reuters)

Ich sehne mich nach den alten Langweilern, nach Typen, die Erfahrung mit Verantwortung gesammelt haben, die ihr Herzblut für Veränderung geben und schlaflose Nächte über Ideologien und richtige Wege ausstehen. Ich sehne mich nach Frauen und Männern, die erstmal nachdenken, bevor sie superastrein echt kumpelhaft losplaudern. Es ist dieser Plauderton, der mir auf den Keks geht.

Politik besteht nicht nur aus Wahlen

Natürlich gehört der Gedanke an den kommenden US-Wahlkampf zu den unbequemeren. Trump wird antreten wollen. Er kann Wahlen drehen. Bis 2020 werden seine Steuerreformen gerade so viel Geld mehr in die Taschen der Bürger gespült haben, dass sie an die Rechnung dafür in den Jahren danach noch nicht denken werden. Trump, über den die Welt sich lustig macht, ist kein Präsident auf Abruf.

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Die führende Schicht der US-Demokraten, die sich tatsächlich durch Abgehobenheit und Elitismus auszeichnet, also entsprechendes Unbehagen bei ihren potenziellen Wählern hervorruft, droht indes Selbstmord aus Angst vor dem Tod zu begehen. Müssen es gleich die Promis sein? Auf Deutschland übertragen, beschleicht mich ein Grauen, wenn ich an Günther Jauch im Kanzleramt denke. Katja Riemann als Fraktionsrednerin bei der Debatte um eine Arbeitsmarktreform oder Heike Makatsch im Untersuchungsausschuss zur Diesel-Affäre – nun ja.

Das Konzept vom Entertainer im Weißen Haus wurde schon in den 80ern getestet – mit durchwachsenem Ergebnis (Bild: AFP Photo/MIKE SARGENT)

Der Gang von Celebs in die Politik muss sich nicht automatisch als verhängnisvoll erweisen, Arnold Schwarzenegger war gewiss nicht der schlechteste Gouverneur in Kalifornien. Es gibt aber einen Überschatten, dessen Wirken wir heute noch spüren. Ronald Reagan stand als ehemaliger Schauspieler und US-Präsident für genau jene Politik, an der wir jetzt knabbern: Er installierte jene „Reaganomics“ aus radikalen Steuersenkungen und gekürzten Sozialleistungen, dem Degradieren der Gewerkschaften und dem bedenkenlosen Vertrauen ins Bankenwesen – eine Wirtschaftspolitik, mit der die Reichen reicher und die Armen ärmer wurden.

Es lief nicht gut für die Welt seit Reagan. Liebe Langweiler, meldet euch.

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