Kommentar: Warum ich mich nach gefühlloser Politik sehne

Mit diesem gefühlsduseligen Wahlplakat sorgte Frauke Petry für Aufregung. (Quelle: AfD)

Emotionen zeigen – das ist der neue Trend in der Politik. Aus Ehrlichkeit oder nur als Taktik zum Punkten? Auf uns kommt Böses zu.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Recht gefühlig wird es in der deutschen Politik. Schau ich abends die Nachrichten, sprechen die interviewten Politiker, als säßen sie neben mir in der Kneipe. Den Anfang machte Andrea Nahles, die SPD-Fraktionschefin kündigte mit Blick auf die Unions-Bundesminister einen “in die Fresse” an.

Das war erkennbar scherzhaft gemeint, sie wollte wohl damit sagen: Mit ihr als Oppositionsführerin werde es im Bundestag mit den Regierungsparteien nicht nur gemeinsames Plätzchenbacken geben. Oder ahmt Nahles tatsächlich Donald Trump nach, der einmal selbst in einen Wrestling-Ring stieg, um medienwirksam auszuteilen? Es gibt da einen Trend. Dass Politiker verstärkt versuchen, so zu reden, dass man sie versteht – geschenkt. Aber sie wirken bemüht kumpeliger, zeigen Gefühle – oder das, was man dafür hält.

Eine Kostprobe? Frauke Petry machte Wahlkampf, indem sie auf einem Plakat ihr neugeborenes Baby in den Armen hielt, angeblich als Antwort auf die Frage, was ihr Grund sei, “für Deutschland zu kämpfen”. Das war sehr unausgesprochen, sehr emotional und eben reißerisch. Aber es geht ihr halt um einen “Kampf”, während ihr Ex-Parteikollege Alexander Gauland eben eine Bundesregierung “jagen” will.

Merke: Die Politik entwickelt ein Faible für rauchende Colts und Herzibussis zugleich. Daraus entsteht ein Spagat, der nicht immer leicht zu bewerkstelligen lässt. Ihren Fraktions- und Parteiaustritt verglich Petry mit dem Ende einer Beziehung. “Wenn man sich von einer Partei trennt, da hängen auch Emotionen dran.” Man versuche aber, das menschlich fair durchzuziehen. Man sollte das so handhaben “wie bei einer Ehescheidung, wenn Kinder betroffen sind”. Da war sie wieder, die Emotion.

Barack Obama beherrschte die Kunst des emotionalen Auftritts wie kein Zweiter. (AP Photo/Charles Rex Arbogast)

Lass es raus, Buddy

Mich beschleicht der ungute Eindruck, da werden Gefühlen Räder unten angebaut. Mit diesen Vehikeln gehen Politiker dann auf die Reise. Da geht es nicht mehr darum, nahbarer zu sein, die Distanz zwischen Wähler und Repräsentant zu verkürzen. Es geht um den Schein. Wer aber vertrauenserweckend wirkt, ist es dadurch längst nicht.

Vielleicht begann dieser Trend, wie so oft, in Amerika. Barack Obama vergoss in seiner Amtszeit manche Träne, allein das machte ihn in den Augen vieler “menschlicher”. Ganz anders, aber auch irgendwie ähnlich, sein Widersacher Donald Trump: Der zeigt Emotionen, indem er brüllt und wütet, beschimpft. Beides mag tatsächlich ihr Inneres nach außen kehren.

Dennoch überkommt mich eine Sehnsucht nach dem Nüchternen; was nicht bedeutet, dass kein Pfeffer in die Politik gehörte: Auch Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß teilten kräftig aus; aber behielten dabei immer eine gewisse Contenance, eine verlässliche Form. Und die verbalen Hiebe waren die Ausnahme.

Sebastian Kurz mischt mit seinen Aktionen gerade Österreich auf. (REUTERS/Leonhard Foeger)

Wird Politik zu reinem Marketing?

Bei Petry weiß man mittlerweile nicht, ob sie das Gefühl zum Programm machen will. Vielleicht sind nur so ihre aktuellen Bewegungen zu deuten: Weg von einer klassischen Partei, hin zu neuen Organisationsformen einer angeblichen Bewegung. Das könnte auch bedeuten: hin zu reinem Marketing.

In Deutschland war man bisher recht immun gegen reine Duselei. In Italien aber hat die Organisation “Cinque Stelle” mit einer Anti-Strukturen-Politik und Verbalrülpsern Erfolg, in Frankreich fegte die Bewegung “En Marche” die klassischen Parteien hinweg und in Österreich plant der Christdemokrat Sebastian Kurz einen Etikettenschwindel, indem er kurzerhand nicht als Vorsitzender der ÖVP bei den nächsten Parlamentswahlen kandidiert, sondern auf einer “Liste Sebastian Kurz”.

Ich glaube, ich brauch ein Taschentuch.

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