Kommentar: Warum ich gern die Rundfunkgebühren zahle

Natürlich überweist niemand mit Freude den Rundfunkbeitrag – wichtig bleibt er trotzdem (Symbolbild: Getty Images)

Am Sonntag stimmen die Schweizer über ihre Rundfunkgebühren ab. Dabei brauchen wir öffentlich-rechtlichen Journalismus gerade dringender denn je.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ich gebe zu: Natürlich stören mich die monatlichen Geldabflüsse von meinem Konto, diese GEZ-Gebühren. Recht happig sind sie, es lässt sich nicht leicht dahersagen, die fielen nicht auf. Und der Fernseher bleibt bei mir meist aus; ich habe, wie nicht Wenige, zwei Abos bei Streamingdiensten, schaue genau das, was ich will. Was soll ich mich durch döselige Programme zappen?

Und warum dann auch noch dafür zwangsweise zahlen? Genau darüber stimmen die Schweizer am Sonntag in einem Referendum ab. Da könnte man ja auch in Deutschland fragen, ob ich mir die Euros nicht spare, oder?

Es klingt verlockend: Ich schneidere mir meinen Medienkonsum selbst zurecht, schaue nur Filme, für die ich mich bewusst entscheide, konsumiere Nachrichtenzusammenfassungen, wie sie mir gefallen, alles hübsch vernäht. Doch dieser Sirenenruf ist gefährlich.

Die Welt ist keine Scheibe

Zum einen greifen immer mehr Algorithmen um mich, die meinen, genau verstanden zu haben, was ich will, die mein individuelles Profil erstellt haben und mir entsprechende Angebote machen. Technikoptimisten sagen: Ich spare Zeit und kann differenzierter entscheiden. Kritische Beobachter sagen: Wir entmündigen uns selbst. Die Wahrheit liegt womöglich dazwischen. Jedenfalls stimmt es, dass jeder von uns zunehmend in einer eigenen Echowelt lebt, weniger offen für neue Erfahrungen und Meinungen ist; die Welt da draußen ist ja schon schwierig genug.

Und allein deshalb brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der ist einfach da. Er stiftet nicht Gemeinsamkeit, er ist Gemeinsamkeit. Nicht wir alle schauen Tagesschau, aber wir alle können uns auf sie beziehen, über ihre Meldungen reden, meckern, sie kritisieren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk lebt davon, dass alle sich an ihm mit einem Obolus beteiligen – damit ziehen wir einen Grundpfeiler ein, nämlich den der Solidarität, wir leisten uns eine faire Berichterstattung, oder eine, die zumindest versucht, fair zu sein.

Nicht, dass private Medien dies nicht könnten. Aber die größten Gefahren kamen entweder von echten Staatsmedien oder von Privatiers. Für ersteres stehen Sender unter der Knute einer autoritären Regierung, die mit ihrer Kontrolle ein ihr passendes Meinungsbild prägen will; Medien haben hier eine machtstabilisierende Aufgabe. Für letzteres stehen Unternehmer wie Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi, welche strikt den Marktgesetzen gehorchten und damit eine Welle der Unkultur über die Welt brachten, von der sie sich nie erholen wird. Ja, Medien sind kein bloßes Konsumgut. Und nein, die Berlusconis treibt kein Chronisten- oder Aufklärungswille an, sondern die Vereinnahmung eines Kunden, am besten mit dem Mittel der Verdummung.

Daher wünsche ich den Schweizern, dass sie sich am Sonntag freiwillig für die Fortsetzung ihrer Zwangsabgaben entscheiden. Denn in ihrem Land und in Deutschland gibt es keinen Staatsfunk, sondern öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Auf den üben Politiker natürlich ungebührlichen Einfluss aus, aber er hält sich längst in erträglichen Grenzen; die Bemühungen der Rundfunkler, einen unabhängigen und umfassenden Job zu machen sind unübersehbar.

Wer das nicht sehen will, ist zum Beispiel die AfD. Die Partei wettert ständig gegen die GEZ. Auch in der Schweiz geht die Initiative gegen die Gebührenzahlung und damit für die Abschaffung des dortigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks von rechtskonservativen Politikern aus. Ist es nur ihre neoliberale Haltung, nach dem Motto: Business is everything?

Woher der Wind weht

Ich habe einen Verdacht. Interessanterweise gehen die meisten Versuche einer staatlichen Medienmanipulation von rechten Regierungen aus. Man schaue nach Polen oder Ungarn, wo die Regierungen die staatlich kontrollierten Medien viel, viel schamloser mit ihren Leuten besetzen und Meinungen beschneiden, wie es linke oder liberale Kabinette vor ihnen nie taten. Rechte agitieren also gegen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wenn sie in der Opposition sind. Und sie sehen in demselben eine Waffe, wenn sie selbst an der Macht sind; hinzu kommt, dass die Medienmilliardäre à la Berlusconi und Murdoch sich zufälligerweise politisch rechts verorten.

Für mich spiegelt all das ein Misstrauen gegenüber den Bürgern wieder, es ist die Angst, mit der eigenen Meinung keinen Rückhalt zu finden. Es ist ja auch eine Missgunst gegen Andere, die eine gehörige Portion dieser Meinung ausmacht. Und vielleicht ist es auch ein Machtwille, der manche Rechte antreibt, für die Medien halt Mittel zum Zweck darstellen.

Ich sehne mich manchmal, für einen kurzen Moment, nach den alten Zeiten zurück, mit nur drei Fernsehprogrammen. Irgendetwas vernünftiges lief da schon. Und damals schaute tatsächlich die halbe Nation mal einem Theaterstück im TV zu. Heute verlieren wir uns in Algorithmen, die im Übrigen – noch – nicht entfernt erraten, was ich denke und mag.

Daher zahle ich gern diese blöde GEZ-Abgabe. Sie versichert mich einer Zugehörigkeit, einer Kontinuität in wilden Zeiten, einer Sicherheit und Solidarität. Ist das nicht eigentlich alles, was Rechte vorgeblich auch wollen?