Kommentar: Unsere Kameraden müssen endlich zuhause ankommen

Tobias Huch
Journalist und Englandkorrespondent
Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz sind großen Belastungen ausgesetzt (Bild: AP Photo/Anja Niedringhaus)

Es ist ein Novum in der Geschichte der Bundeswehr. Eine Kaserne wird nach einem Bundeswehrsoldaten umbenannt, der im Auslandseinsatz gefallen ist. Die Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover heißt ab heute Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne. Dies nehme ich zum Anlass für einen Kommentar, der hoffentlich im Bundestag, im Bundesverteidigungsministerium und vor allem in der Bevölkerung Beachtung finden wird. 

Kosovo, Afghanistan, Mali, Nordirak (Kurdistan) und viele weitere Plätze dieser Welt, die uns fern sind – und uns doch, mehr oder weniger, durch ständige Erwähnung in den Nachrichten vertraut scheinen: Es sind Orte, an denen die Soldatinnen und Soldaten unserer Bundeswehr – manchmal liebevoll “unsere Jungs” genannt, was selbstverständlich auch “die Mädchen” einschließt – unsere Freiheit und unsere Werte verteidigen.

Sie schützen den Frieden, sie stabilisieren Krisengebiete, sie sind in einer prekären Umgebung von Gewalt, Schrecken, Not und Armut ein leibhaftiges Leuchtfeuer der Hoffnung. Dass deutsche Soldaten, zwei Generationen nach den schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, heute nicht mehr für Aggression und Zerstörung, sondern für Schutz, humanitäre Hilfe und Aufbauleistung stehen, sollte uns Deutsche mit Stolz und Dankbarkeit erfüllen. Und es sind die Soldaten unserer Bundeswehr, die unter Einsatz ihres Lebens diese Aufgaben meistern und das Bild eines menschlichen, partnerschaftlichen und hilfsbereiten Deutschlands in die Welt zu tragen.

Weit über der Belastungsgrenze

Was aber, vor allem im Inland, von uns, den eigenen Landsleuten der Truppe, leider allzu oft vergessen wird: Es sind keine Bürojobs, keine Wohlfühl-Arbeitsprofile, keine mit den Kategorien von Wochenarbeitszeit und Freizeitausgleich messbaren Tätigkeiten, die unsere Soldaten da verrichten. Nein: Hier herrschen andere Bedingungen als im normalen Arbeitsleben der Zivilgesellschaft. Es ist eine Arbeit, die in vielen Fällen weit über die Belastungsgrenze hinausgeht.

Die meisten Deutschen haben keinerlei Vorstellung davon, was Soldaten in Kriegs- und Krisengebieten aushalten müssen. Sie können praktisch nie abschalten, sondern sind durchweg einer kritischen Gefährdungslage ausgesetzt; manchmal ist die Situationen hochgefährlich, und manchmal, in den “ruhigen” Phasen, ist sie weniger gefährlich – aber sie ist immer gefährlich.

Verlässt man den Stützpunkt und fährt ins Umland, muss auf buchstäblich alles geachtet werden; die geringste Unachtsamkeit könnte in einer Katastrophe enden: Was geschieht am Straßenrand? Wie bewegt sich eine Gruppe von Menschen in der Ferne? Nähert sich dort ein PKW, und wie viele Personen sitzen in diesem? Lassen sich irgendwelche Auffälligkeiten beobachten? Und doch, trotz aller Vorsicht: Von einem auf den anderen Moment knallt es. Die Kabine des gepanzerten Fahrzeugs ist plötzlich voller Staub. Der Druck der Detonation treibt jedes Sandkorn aus jeder Ritze.

Die Soldaten sind für den Ernstfall geschult, sie haben die Panik zu kontrollieren gelernt; in solchen Momenten übernehmen erlernte Automatismen und ihr Instinkt die Kontrolle über ihr Handeln. Der Körper ist überflutet von Stresshormonen, er funktioniert, die Psyche ist so gut es geht ausgeblendet. Überleben, auf die Kameraden achten, das Notwendige tun – zu allen Zeiten der Geschichte mussten Soldaten in Extremsituationen, bei Fronterlebnissen, im Nahkampf oder bei Anschlägen “funktionieren”.

Auf einer Streife im Einsatz kann es jederzeit zu lebensbedrohlichen Situationen kommen (Bild: AP Photo/Anja Niedringhaus)

Und auch wenn der Wahnsinn zur Routine wird und die Krisensituation irgendwann überstanden und bewältigt ist: Selbst am hartgesottensten Kameraden ziehen die Bilder des Erlebten nicht spurlos vorüber. Es sind Eindrücke, die sich für immer fest ins Hirn brennen – wie sehr sich die Betroffenen zeitlebens auch bemühen, sie zu verdrängen oder zu verarbeiten. Der Anblick von Blut, von Leichen. Der unverwechselbare Geruch von verbranntem Fleisch. Schrille Schreie von Opfern und Mitkämpfern, gellende Kommandorufe. Wie in Zeitlupe, aus einer unwirklichen scheinbaren Außenperspektive wahrgenommene Schreckensmomente. Augenblicke des Schmerzes, des Horrors, der Apokalypse. Die Emotionen der Kameraden.

Mangelndes Bewusstsein über PTBS in Deutschland

Es kommt zu einem Overload an Reizen, an verstörenden und tiefprägenden Eindrücken. Kein Soldat wird all dies je wieder richtig los. Und kaum einer vermag solche Situationen wirklich zu verarbeiten. Und so entwickelt sich bei vielen das, was Mediziner eine posttraumatische Belastungsstörung – kurz PTBS – nennen Das öffentliche Bewusstsein für dieses psychosomatische Erkrankungsbild ist in den letzten Jahrzehnten signifikant gestiegen; vor allem in den USA, nach dem Vietnamkrieg und später den Golfkriegen, aber auch in England und Frankreich wurde es zum Gegenstand intensiver gesellschaftlicher und kultureller Rezeption, weit stärker als in Deutschland. In Deutschland hat die Debatte über PTBS und die Betroffenen leider noch immer eine untergeordneter Bedeutung, was leider der allgemein recht geringen Anteilnahme der Öffentlichkeit für die Belange unserer Soldaten entspricht.

Ich selbst kann aus eigener Erfahrung, nach mehreren Erlebnissen vor Ort, sagen, dass es wahrhaft unbeschreiblich ist, was unsere Soldatinnen und Soldaten leisten. Als Journalist und Flüchtlingshelfer habe ich in den letzten vier Jahren die Schrecken des Krieges hautnah miterlebt. Ich besuchte mehrmals das Kriegsgebiet im Irak und in Syrien, stand direkt an der ISIS-Front, sogar unter Beschuss; ich schlief neben geladenen Sturmgewehren an der Front bei Shingal ein, wurde geweckt durch türkisches Artilleriefeuer in Nordsyrien.

Ich sah die zivilen und militärischen Opfer in den Krankenhäusern von Erbil aus Mosul, bei der dortigen Voroffensive – all das Blut, die zerfetzten Gliedmaßen, die durch Schrapnelle und Geschosse verwundeten und getöteten Peshmerga. Obwohl ich in einem der zum Glück friedlichsten und zivilisiertesten Winkel dieser Welt aufgewachsen bin: Ja, ich habe ich die Gräuel des Krieges gesehen. Und ich bekomme die Erinnerungen nie wieder aus meinem Kopf.

Zurück in Deutschland scheinen die traumatischen Erlebnisse fern – und doch gibt es im Alltag Momente, da bahnen sich die Bilder den Weg zurück ins Bewusstsein; sehe ich ein Feuerwerk oder höre ich einen Böller knallen, zucke ich seitdem nervös zusammen. Und doch gibt es einen großen Unterschied zwischen mir und den Soldaten der Bundeswehr: Ich war nur phasenweise in der Hölle; ich war niemals länger als zwei Wochen am Stück im Einsatz. Doch die Männer und Frauen im Auslandseinsatz sind über viele Monate im Krisengebiet; für sie sind die allgegenwärtige Bedrohung und die Todesgefahr Alltag. Und gerade weil ich weiß, welche ungeheure Belastung schon meine nur kurzzeitigen Erlebnisse bedeuteten, kann ich beurteilen, wie hoch der Einsatz unserer Soldaten und unserer Veteranen wertzuschätzen ist.

Doch dieselbe Hochachtung vermisse ich leider von Seiten der Politik, sogar des Verteidigungsministeriums und vor allem von unserer Gesellschaft. Eine grundlegende Verbundenheit mit der Truppe, eine auch nur stillschweigende Anerkennung ihrer persönlichen Opfer im Dienste unseres Landes gibt es schlicht nicht. Die “Anerkennung” manifestiert sich allenfalls in gelegentlichen, punktuellen Gesten. Neuerdings wurden neue Stuben in den Kasernen eingerichtet, es wurden sogar LCD-Fernseher angeschafft. Eine schöne Sache – doch ganz sicher nicht das, was unsere Soldaten eigentlich brauchen.

Zu wenig echte Hilfe für Betroffene

Letzte Woche schilderte Oberstabsfeldwebel Rüdiger Hesse, der selbst in Kampf- und Auslandseinsätzen verwendet wurde, im Gespräch mit Yahoo Nachrichten, welchen öffentlichen und bürokratischen Spießrutenlauf unsere Veteranen in Deutschland ertragen müssen: Echte, kompetente Hilfe bei PTBS gibt es kaum. Es ist bereits zu wenig Personal vorhanden, um die Anträge auf Versorgung zügig zu bearbeiten.

In den meisten Fällen finden die betroffenen Soldatinnen und Soldaten nicht den notwendigen Arzt und die richtige medizinische Betreuung – sondern sehen sich vor Gericht jahrelangen zermürbenden Prozessen ausgeliefert, weil sich unser Land weigert, seine nur geringste Pflichtschuldigkeit gegenüber denen zu erfüllen, die ihm ihr Leben und ihre psychischen Gesundheit geopfert haben.  “Wir haben unsere Haut zu Markte getragen, manche haben sogar ihr Leben gelassen, andere ihre Gesundheit geopfert. Das haben wir ja nicht für uns selbst gemacht, sondern für die Gesellschaft und für unseren Wohlstand”, prangerte der Veteran an.

Bis heute sind 109 Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz ums Leben gekommen (Bild: Jacqueline Faller/Bundeswehr via AP Photo)

Mich haben die Worte des Oberstabsfeldwebels Hesse im Interview mit blanker Scham erfüllt; jawohl, ich schäme mich als Deutscher für das, was er und seine Kameraden nach ihren schrecklichen Einsätzen erleben mussten; und dafür, dass PTBS und seine Folgen in der politischen Diskussion nur stiefmütterlich behandelt werden. Dieser menschenverachtende, in jeder Hinsicht blamable und dilettantische Umgang unseres Staats mit seinen eigenen Soldaten hat in vielen Fällen zu persönlichen Tragödien geführt: Manchen trieb es an die Flasche, manchen in die Obdachlosigkeit oder sogar den Suizid. Diese Männer und Frauen wurden in jeder Hinsicht allein gelassen – verstoßen und ignoriert von just der Gesellschaft, deren Schutz sie sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten.

Ich finde, dass das Thema PTBS ganz oben im Bundestag stehen sollte. Unsere Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee – und unser Parlament muss jetzt handeln. Die Gründung eines Sonderausschusses PTBS wäre ein Anfang; die Bereitstellung eines angemessenen, vernünftig ausgestatteten Budgets für unsere kriegsversehrten Veteranen aber wäre eine Pflicht.

Jeder kann etwas tun

Doch eines wünsche mir noch – und damit kann jeder, der diesen Text liest, gleich heute beginnen: Persönliche Hochachtung gegenüber unseren Soldatinnen und Soldaten; und man sollte auch nicht zögern, sie öffentlich zeigen. Begegnen Ihnen Soldaten im Flugzeug, offensichtlich auf dem Weg zum nächsten Einsatz – dann danken Sie ihnen ruhig; Sie dürfen sogar klatschen. Und treffen Sie eine Soldatin oder einen Soldaten in Uniform am Bahnhof, auf der Straße, im Bus, im Zug oder am Flughafen, dann gehen Sie doch einfach mal auf sie/ihn zu und sagen ihr/ihm ein paar kurze, aufmunternde Worte; zum Beispiel: “Danke, dass Sie Deutschland dienen. Danke für Ihren Einsatz.” Es wäre ein guter Anfang, damit unsere Soldaten den Rückhalt der Bevölkerung spüren und sich nicht länger wie Fremdkörper im eigenen Land fühlen. Auf seine heutigen Soldaten kann das Deutschland mit Recht stolz sein!

In anderen Ländern dieser Welt ist diese Rückendeckung selbstverständlich. Ob in Großbritannien oder den USA – “Thank you for your service” ist dort ein normaler Ausspruch, und diese Alltagsgeste findet man auch in vielen amerikanischen Spielfilmen und Fernsehserien. Dort gehört diese Ehrerbietung zum guten Ton, nur bei uns ist sie noch eine exotische, verschrobene Ausnahme. Genau das muss sich ändern! Viel zu lange ist die Bundeswehr als “militaristisches”, vermeintlich aus der Zeit gefallenes Relikt an den Rand der Gesellschaft gerückt und belächelt worden. Aber sie gehört in die Mitte der Gesellschaft. Ihre Soldatinnen und Soldaten dienen uns, unserem Land, unseren Werten, unserer Freiheit! Das sollten wir uns vergegenwärtigen.

Unsere Kameraden müssen endlich zuhause ankommen!