Kommentar: Sondern wir wegen Corona bald wieder Menschen aus?

Die Zoos warten schon - gibt es weitere Lockerungen? (Bild: Getty Images)

“Schutz der Risikogruppen” – dahinter verbirgt sich die Forderung, mitunter Menschen mit Behinderung allein zu lassen. Das erleben sie nicht zum ersten Mal.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Wir werden alle müde. Die einen mehr, die anderen weniger. Dass die Disziplin bei den Pandemie-Einschränkungen nachlässt, ist normal in dieser unnormalen Zeit. Also reden wir wieder mal über Lockerungen – und da rückt eine Idee in den Vordergrund:

Wenn es so ist, dass nur EINIGE Menschen vom Corona-Virus derart heftig getroffen werden, dass sie ihr Leben riskieren – warum dann diese nicht von der großen Gruppe jener trennen, die eine Infektion eben wegstecken?

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Eine Gruppe so genannter Promis hat nun ein Manifest geschrieben, dem solch eine Überlegung zugrunde liegt. Es ist eine bunte Truppe: der Oberbürgermeister Tübingens, Boris Palmer, der Virologe Alexander Kekulé, der Philosoph und Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, die Ökonomen Christoph M. Schmid und Thomas Straubhaar und die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh. Der Lockdown, so schreiben sie, sei “im Begriff, unser soziales, kulturelles und wirtschaftliches Leben zu ruinieren.”

Und weiter: “Wir müssen Gesundheit, Wirtschaft und Rechtsstaat gleichermaßen schützen.”

Verfassungsspalterei

Nun kann man ja über alles reden. Doch wie sehen die Vorschläge der Gruppe konkret aus? Ältere und Risikopersonen müssten besonders geschützt werden, zitiert der “Tagesspiegel”. Der Originaltext verbirgt sich beim “Spiegel” hinter einer Bezahlschranke, wobei zu fragen ist, welche redaktionelle Leistung dahintersteht, sechs Leute einen Gastbeitrag schreiben zu lassen. “Risikoperson” ist jedenfalls ein komisches Wort. Ist etwa damit gemeint, dass eine Person ein Risiko darstellt – zum Beispiel für eine Gesellschaft, für die Freiheitseinschränkungen?

Wenn wir von der “Risikogruppe” reden, meinen wir damit meist alte Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen und Menschen, die wegen einer Behinderung eingeschränkte Lungenfunktionen haben. Das sind ziemlich viele. Interessanterweise werden in all den Debatten, auch in diesem Manifest, an Beispielen immer dann die Senioren erwähnt, aber niemals Menschen mit Behinderung. Die werden mitgedacht und, wie gewohnt, übergangen.

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Mal drastischer formuliert: Wegen ein paar Hanseln, ob alt, erkrankt oder behindert, sollte dieser ganze Aufwand nicht betrieben werden – so diese Denkweise. Die sollen “geschützt” werden, indem sie isoliert werden. Die deutsche Sprache kennt dafür auch andere Worte: Aussondern, Segregieren, Wegsperren.

Eine Ungleichbehandlung verschiedener Gruppen sehen die Autoren laut “Tagesspiegel” als verfassungsrechtlich gedeckt, sogar geboten. “Gleichbehandlung nach dem Grundgesetz kann auch bedeuten, Ungleiches ungleich zu behandeln, also sachliche Unterschiede zu berücksichtigen. Wenn wir auf jegliche Differenzierung verzichten, damit sich niemand diskriminiert fühlt, fallen die Einschränkungen für alle viel größer aus.” Heißt: Die sollen mal nicht so. Schön hinten anstellen. Schließlich FÜHLEN die sich ja nur diskriminiert. Diese Wortumkleidungen indes lenken nur davon ab, dass bei diesen Vorschlägen Menschen tatsächlich diskriminiert würden, und nicht nur sich so fühlen.

Wollen wir die Alten dauerhaft wegsperren? (Symbolbild: Getty Images)

Der sachliche Unterschied wäre also in diesem Fall zum Beispiel eine Behinderung. Die sollen zuhause bleiben, und gut ist.

Das sagt so niemand. Aber die “prominenten” Autoren meinen es so. Wer eine Behinderung hat, hat Pech, in Zeiten von Corona. Mal wieder werden solche Menschen sich selbst überlassen, es gibt ja Netflix, also warum das Gejammer? Menschen mit Behinderung kennen die Aussonderungen, sie erfahren sie gegenwärtig bei mangelnder Bildung und mangelnden Jobchancen. Sie wissen auch, was früher, vor 75 Jahren mit ihnen geschah. So gesehen: Im Westen nichts Neues.

Was besser wäre

Palmer, der Tübinger Oberbürgermeister, beschwerte sich mal in einem anderen Zusammenhang über “Menschenrechtsfundamentalismus”. Ist ja auch lästig, solch ein Menschenrecht. Es erhebt den Anspruch, universell zu sein. Das ist ziemlich fundamentalistisch. Wir bringen etwa dieses Argument, wenn wir mit saudischen oder chinesischen Regimevertretern diskutieren, und die bei Menschenrechten auf kulturelle oder religiöse Sonderlagen verweisen, was wir dann, zu Recht, ablehnen. Aber Riad und Peking sind weit genug weg, da lässt es sich besser reden als über den Nachbarn von nebenan.

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Wie wäre es damit: Die beste Chance, allen Menschen wieder die Teilhabe an einem aktiven, eben “normalen” Leben zu ermöglichen, liegt darin, dass wir den Virus eindämmen. Hierfür sind wir auf gutem Wege. Und wenn wir es endlich hinkriegen würden mit den Abständen und den Mundmasken – dann hätte bald jeder Betrieb sein Wirtschaften wieder und jeder könnte frei vor Tür. Wäre das nicht am besten? Im Übrigen: Leave no one behind.

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