Kommentar: In Simbabwe ist nun alles möglich

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Die Ära Mugabe scheint beendet zu sein (Bild: Reuters)

Ein Putsch, der nicht so heißen darf: Präsident Robert Mugabe steht nach 37 Jahren Herrschaft unter Hausarrest – vielleicht die eleganteste Art, ihn loszuwerden. Simbabwe steht vor einer Zeitenwende.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Leute in den Straßen von Harare machten in den vergangenen Tagen nicht den Eindruck, als stünde ihnen das Schlimmste bevor. Sie gingen ihrem Tagwerk nach, als rummste es nicht mächtig im politischen Gefüge – weil ihr Präsident Robert Mugabe gerade entmachtet wird. Vielleicht denken sie sich: Von allein abtreten würde er nicht. Mugabe aber ist 93 Jahre alt, seit 37 Jahren Präsident und offener wie ungenierter Diktator. Zwar bemühen die Historiker unter seinen Anhängern, Mugabe in eine Abstammungslinie der alten Könige zu stellen, aber auch Monarchen segnen einmal das Zeitliche. Mugabes Herrschaft neigte sich eh dem Ende zu.

Lieber jetzt kurzen Prozess machen, wird auch die Armeespitze gedacht haben, die an einer sortierten Stabübergabe interessiert ist; denn dies garantiert die Pfründe, welche das Militär im System erhält. Demokratie, Freiheit und radikale Reformen sind jedenfalls von diesem Akt nicht zu erwarten.

Von der Kornkammer zum Armenhaus

Simbabwe geht es schlecht. Er herrscht eine horrende Arbeitslosigkeit und entsprechende Armut. Früher galt das Land als Kornkammer Afrikas, heute sind die Nachbarstaaten in der Entwicklung an Simbabwe vorbeigezogen, und dies ist Mugabes Schuld.

Der Diktator hat durchaus seine historischen Verdienste vorzuweisen. Mutig kämpfte er um die Unabhängigkeit seines Landes von der weißen Kolonialherrschaft. Den Anfang des simbabwischen Übels, das steht fest, begründeten London und später die rhodesische Apartheid-Regierung, die das Land melkten und unterdrückten. Mugabe war der Mann des Übergangs, er hatte auch faszinierende Ideen bei seiner Machtergreifung, suchte nach unabhängigen Wegen. Nur scheiterten diese an seiner Planlosigkeit und Brutalität.

Das Militär zeigt Präsenz, ansonsten geht das Leben in Simbabwe vorerst seinen gewohnten Gang (Bild: Reuters)

Noch in den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts ließ er seine politischen Gegner verfolgen und ermorden, zu tausenden. Die angestrebte Agrarreform, die richtigerweise Kleinbauern stärken sollte, verlief chaotisch. Letztlich hat Simbabwes Wirtschaft an Effektivität eingebüßt; es fehlt an Investitionen und an einem Staat, der sich nicht als Selbstbedienungsladen alter Parteigarden sieht.

Simbabwe braucht eine dienende Herrschaft

Afrika als Kontinent erlebt eine rasante Wirtschaftsentwicklung, weltweit unvergleichliche Wachstumsraten. Die Digitalisierung schreitet in vielen Regionen so schnell voran, dass Europa, vor allem Deutschland, teilweise abgehängt wird. Mugabes zweifelhafter Verdienst ist dabei, dass er symbolisch für all das steht, was in den afrikanischen Ländern schiefgeht. Er ist ein Mann der Vergangenheit, der eine Politik der Vergangenheit machte.

Seine Suche nach einem „afrikanischen Weg“ bedeutete, dass Familienplanung ein Fremdwort blieb und das größte Problem, die hohe Geburtenrate, nie wirklich angegangen wurde. Eine Entwicklung im Wortsinne fand nicht statt.

All dies fällt ihm nun auf die Füße. Als Mugabe dann in der vergangenen Woche seinen Vizepräsidenten entließ, einen Verbündeten der Militärs, hatten die Generäle den Anlass zur Intervention gefunden; seiner Ehefrau jedenfalls sollte Mugabe nicht auf den Thron helfen.

Nun ist alles möglich. Die Militärs werden bald einen verdienten Kämpen aus der alten Garde mit der Herrschaft beauftragen. Es könnte einen Schub für die siechende Wirtschaft geben, eine Art autoritäre Wirtschaftsöffnung im Stile Chinas. Das wäre, realistisch betrachtet, das Beste, was dem Land geschehen könnte. Das Schlimmste: Gewaltexzesse der berüchtigten Armee, Machtkämpfe bis zum Bürgerkrieg.

Video: Angespannte Ruhe in Simbabwe