Kommentar zu Silvester von Christopher Lauer: Schluss mit dem Böller-Terror

 - Copyright: Getty/Sergejs Jevsjukovs/EyeEm
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Dieser Artikel ist seine Meinung und vermittelt seine Sicht. Hier findet ihr andere Informationen zum Thema.

Böllern ist dumm. Das ist kein besonders eleganter Einstieg, aber es ist die Wahrheit. Wer das Zünden von Sprengstoff im Dunkeln für eine sinnvolle Betätigung hält, hat auf dem Weg zum Erwachsenwerden irgendeine wichtige Ausfahrt verpasst. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen im Jahr 2122 auf das Böllern so befremdlich zurückschauen werden, wie wir heute auf mittelalterliche Therapien wie den Aderlass oder Quecksilber gegen Krankheiten.

Böllern ist kein Ausdruck von Freiheit, es ist Ausdruck davon, dass man nicht kapiert hat, dass die persönliche Freiheit nur bis zu dem Punkt geht, an dem man die Freiheit anderer Menschen einschränkt. Und wer böllert, der schränkt die Freiheit all jener ein, die eben kein Bock auf Böllerei haben. Und das sind mittlerweile sehr viele. Laut einer aktuellen Umfrage sind 51 Prozent der Befragten für ein allgemeines Böllerverbot.

Die Umwelthilfe ist ebenfalls dagegen, denn die Belastung durch Feinstaub und für Tiere ist immens. Der Chef der Bundesärztekammer sprach sich jüngst gegen das Böllern aus, denn Jahr für Jahr verletzen sich tausende von Menschen, teilweise schwer und immer wieder kommen Menschen durch das Zünden selbstgebastelter Böller zu Tode. 2020 standen wir noch klatschend auf dem Balkon und sprachen von „flatten the curve“; 2022 laufen die Kinderkliniken über, das medizinische Personal geht auf dem Zahnfleisch, aber ein bisschen mehr Belastung am Silvesterabend scheint okay zu sein.

Selbst die Gewerkschaft der Polizei ist mittlerweile für ein allgemeines Böllerverbot, denn auch Polizistinnen und Polizisten haben an Silvester Besseres zu tun, als sich mit Einsätzen zu beschäftigen, die durch Böllern entstanden sind oder bei anderen Einsätzen mit Böllern beworfen zu werden. Man kann in Berlin nach Weihnachten teilweise nicht mehr das Haus verlassen, ohne Angst haben zu müssen, dass man von einem Balkon mit Böllern beworfen wird.

Menschen sollen unvernünftig sein, sie sollen dumme Dinge tun, aber Böllern kann ich selbst dann nicht ignorieren, wenn ich in der Wohnung sitzen bleibe, denn ich höre es. Die letzten zwei Jahre wurde die Freiheit derjenigen, die keinen Bock auf Böllern haben, geschützt – warum bleibt es nicht dabei? Es ist auch offen gesprochen müßig, die ganze Zeit erklären zu müssen, warum Böllern bescheuert ist, wenn diejenigen, die böllern wollen, eigentlich diejenigen sind, die sich rechtfertigen müssen, warum böllern überhaupt erlaubt sein sollte. Aber mehr als ein amöbenhaftes Verständnis von Freiheit™ und ein falsch verstandenes Gefühl von Männlichkeit kommt da nicht. Sigmund Freud hätte seinen Spaß daran gehabt zu analysieren, was im Hirn eines Mannes vorgeht, der es als einen Akt der Männlichkeit ansieht, Phallus-förmige Stangen anzuzünden, die dann explodieren.

Meine Großtante, Jahrgang 1936, erträgt das Böllern auch ganz schwer, gehörten Bombennächte im Keller doch zu ihren frühesten Kindheitserinnerungen, die jedes Silvester wieder hochkommen. Aber auch Geflüchtete aus Kriegsgebieten dürften durch das Geknalle retraumatisiert werden. Im Jahr des Überfalls der Ukraine durch Russland ist böllern besonders geschmacklos.

Es ist schwer zu ertragen, dass hier an Silvester oder schon davor irgendwelche betrunkenen Klaus-Dieters ihre Nachbarschaft mit Geböllere terrorisieren und das für Freiheit halten, während tapfere Ukrainer unter Einsatz ihres Lebens versuchen, Städte wie Donetsk, das von Berlin ungefähr genauso weit entfernt ist wie Madrid, von russischer Besatzung zu befreien.

137 Millionen Euro gaben die Deutschen 2018 und 2019 jeweils für Böllerei aus. Wie will man den Ukrainern, die diesen Winter teilweise ohne Strom, Heizung und fließendes Wasser ausharren müssen, erklären, dass einige Deutsche der Meinung sind, ihr Geld dieses Jahr im wahrsten Sinne des Wortes verbrennen zu müssen?

Ganz zu schweigen von der humanitären Hilfe, die den Ukrainerinnen und Ukrainern zu Teil werden könnte, würde man auf das Böllern verzichten und stattdessen das Geld für sinnvolle Dinge ausgeben.

Zur Versöhnung der Kompromiss zum Schluss: Selbst ich hab nichts gegen professionelle Pyrotechnik. Es spricht nichts dagegen, an zentralen Plätzen professionelles Feuerwerk durch gelernte Pyrotechniker abfackeln zu lassen, damit diejenigen, die ein bisschen Feuerwerk zum Jahreswechsel brauchen, auch auf ihre Kosten kommen. Böllern aber muss, zum Schutz der Freiheit, der Vergangenheit angehören.

Christopher Lauer ist Politiker und Journalist, war von 2009 bis 2014 Mitglied der Piratenpartei. Nach einem kurzen Stopp bei der SPD ist er nun bei den Grünen. Von 2011 bis 2016 war er Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Zudem war er 2015 als Berater für Datensicherheit beim Axel Springer Verlag tätig, zu dem auch Business Insider gehört.

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