Kommentar: Saudische Herrscher rufen eine Zeitenwende aus – ein bisschen

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman will sein Land aus dem Extremismus führen (Bild: AP Photo/Pavel Golovkin, pool)

Auf der Arabischen Halbinsel wird gerade eine Revolution von oben verkündet – die Abkehr von einem extremistischen Islam. Wäre es ein Anfang, sähe er so aus. Aber viele Zweifel bleiben.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman ist eine Mischung aus Hansdampf und Arnold Schwarzenegger, jedenfalls sieht er sich als Macher. Der 32-Jährige hat eine historisch erstaunliche Machtfülle an sich gerissen und treibt in Saudi-Arabien eine Reformwelle nach der anderen an. Nun hat er sich die Religion vorgenommen, und was er am vergangenen Dienstag sagte, hat den Anspruch einer Revolution.

„Wir gehen zu dem zurück, wie wir waren: dem moderaten Islam, der offen gegenüber der Welt und allen Religionen ist“, verkündete bin Salman bei einem Wirtschaftsforum. Und lieferte die Begründung für eine Liberalisierung der staatlichen Islam-Einstellung nach: „70 Prozent der Saudi-Araber sind jünger als 30 Jahre. Ganz ehrlich, wir werden keine 30 Jahre unseres Lebens verschwenden, um uns mit extremistischen Ideen zu beschäftigen. Wir werden sie heute und sofort zerstören.“

Was ist davon zu halten?

Fakt ist, dass das Land vor enormen Problemen steht. Der Ölreichtum wird versiegen, während die Abhängigkeit von ihm nicht entsprechend reduziert wird. Die Gesellschaft ist eine der am festesten zementierten weltweit, mit äußerst starren Strukturen. Das ging gut, solange das Geld floss. Übrigens ist Saudi-Arabien in einem Teil dadurch müde, satt und faul geworden. Nur in einem Teil – aber dieser ist mächtig und wacht nun auf. Auch aufgeschreckt werden die vielen jungen Leute im Land, die trotz des Reichtums nur wenige Berufschancen haben. Ihre Unzufriedenheit wächst – und das verursacht beim Herrscherhaus eine akute Angst, die es nun zu diesen Reformschritten drängt.

Was die Halbinsel zusammenhält

Denn das Regime der Sauds beruht auf einem Frieden, der vor vielen Jahrzehnten mit den Stämmen und Theologen der Halbinsel geschlossen wurde. Man vereinigte sich, scharte sich unter einen Anführer; bindendes Glied war der Wahabismus, eine äußerst radikale und puritanische Auslegung des Islam, die auf ihren Vordenker Muhammad Ibn Abd al-Wahab zurückging und äußerst extreme sowie intolerante Züge aufweist. Das funktionierte in der weiten Wüste, eckt aber immer mehr mit der Modernisierung und Urbanisierung an. Es passt immer weniger für eine ganze Gesellschaft.

Der Spagat zwischen traditionalistischer Religionsausübung und Moderne fällt den Saudis immer schwerer (Bild: AP Photo/Amr Nabil)

Für junge Unzufriedene aber mag sie gar einen Ausweg für ihren Frust aufweisen. Die obersten Religionsgelehrten Saudi-Arabiens sind Abkömmlinge jenes Wahab, sie werden nun erbittert gegen die angekündigten Reformen vorgehen. Dem Regime aber geht es darum, von einem religiösen Volkszorn nicht hinweg gefegt zu werden. Würde sich die Enttäuschung der Jungen ob ihrer Lebenslagen religiös entladen, stünde das Regime vor dem Ruin. Es hat vor langer Zeit Geister gerufen, die es nicht mehr loswird. Bin Salmans Initiative steht in diesem Schatten. Es ist ein Befreiungsversuch.

Der Autokratismus bleibt

Natürlich kann seine Rede auch ein reiner Marketingtrick sein. Zu oft haben saudische Herrscher vollmundig dieses und jenes angekündigt und dann doch nur Papiertiger losgelassen. Und das Regime wird seinen autoritären Charakter niemals aufgeben. Unter der aktuellen Herrschaft hat sich sogar vieles verschlimmert: Liberale werden stärker denn je verfolgt, Schiiten, immerhin 20 Prozent der Einwohner, werden noch brutaler unterdrückt, und die Paranoia im Hinblick auf den regionalen Rivalen Iran ist größer denn je. Umso geringer ist die Zurückhaltung: Im Jemen führt Saudi-Arabien einen Krieg, der mittlerweile mit Worten kaum zu beschreiben ist – der Westen schweigt dazu ohnehin.

Was wird das bedeuten?

Sollte tatsächlich der Wahabismus in Saudi-Arabien angegangen werden, wäre es ein Segen für die Welt. Unsere angeblichen Freunde in Riad sind es, die seit vielen Jahren die wahabitischen Ideen in zahlreichen Regionen außerhalb ihres Reichs in Terrorismus münden ließen, mittels ihres Geldes. Deutschland könnte nun eine Menge tun. Die strategische Partnerschaft zu Saudi-Arabien gründet auf unmoralischen Erwägungen. Nun sollte der Öffnungsversuch unterm neuen Kronprinz noch offener begleitet werden – man kann Angebote unterbreiten und vor allem jede Verletzung von Menschenrechten anprangern. Bin Salman will weg von Extremismus? Dann wird er sich Kritik ja nun besser anhören kö