Kommentar: Saudi-Arabien könnte bald das "Saudi" streichen

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman ist außenpolitisch sehr umtriebig (Bild: Saudi Interior Minsitry via AP)

Der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman treibt sein Land von einem Brennpunkt zum nächsten. Mit dieser Strategie löscht er keine Feuer, sondern entfacht sie. Und könnte seiner eigenen Herrschaft die Grundlage entziehen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Der Mann setzt auf Tempo. 32 Jahre jung ist Muhammad bin Salman, aber eine Fülle von Aufgaben hat er an sich gezogen: Er ist Verteidigungsminister, Vize-Premierminister, Kronprinz – und das wildeste Rumpelstilzchen im Nahen und Mittleren Osten. Ob zum Segen oder zum Fluch, wird sich erweisen. Die Ereignisse der letzten Tage lassen eher auf ein tragisches Ende schließen.

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Eine erstaunliche Aufführung gelang zum Beispiel dem Königshaus unter seiner Führung mit einem Herrn namens Saad al-Hariri. Der ist Ministerpräsident im Libanon, flog in der vergangenen Woche nach Riad und verkündete einen Tag später seinen Rücktritt: Er fühle sich in seinem Land seines Lebens nicht mehr sicher.

Hierzu muss man folgendes wissen:

Hariris Vater starb in den Nullerjahren durch eine Autobombe. Die Täter sind noch unbekannt, Saudi-Arabien als Auftraggeber erscheint aber unrealistisch.

Hariri und sein Vater sind auch saudische Staatsbürger, der Senior begründete seinerzeit seinen Stand als millionenschwerer Bauunternehmer auf der Arabischen Halbinsel.

Saudi-Arabien sieht sich als Schutzherr der libanesischen Sunniten und Regisseur Hariris. Der Libanon aber war schon immer ein kompliziertes Geflecht an widerstreitenden und sich arrangierenden konfessionellen Gruppen mit einem großen Potenzial für Ausgleich; die in Berlin sondierenden Jamaika-Parteien könnten hier noch einiges lernen.

Was soll noch alles kommen?

Dass Hariri plötzlich und überraschend abtrat, lässt nur einen Schluss zu: Kronprinz bin Salman hat, in seiner Eigenschaft als Marionettenspieler, für den Libanon andere Pläne. Dazu benötigt er eine willfährigere Puppe, vielleicht Saads älteren Bruder. Und er sucht die Eskalation im Zedernland, denn an Hariris Regierung ist auch die schiitische Hizbullah beteiligt – die und die Schiiten im Allgemeinen sind ein mächtiger Faktor im Libanon und durch die Nähe zum Iran ein schmerzender Dorn im saudischen Auge.

Der mysteriöse Rücktritt von Premierminister Saad al-Hariri sorgt für Unruhe im Libanon (Bild: AP Photo/Hassan Ammar)

Daher ist anzunehmen, dass bin Salman seinen Part als Rumpelstilzchen noch ernster genommen hat: Sucht er die Eskalation im Libanon, treibt er den Streit der Konfessionen auf eine Spitze? Gleiches betreibt er im Jemen, wo seine Militärflugzeuge die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen beschießen und nebenbei eine humanitäre Katastrophe bewirken. Ähnlich agiert er mit Katar, wo er einem ebenfalls jungen Emir die Grenzen aufzeigen will: Weil der kleine und reiche Golfstaat seine eigene Außenpolitik betreibt und damit jener des großen und reichen Golfstaates Saudi-Arabien in die Quere kommt, sollte ihm durch eine internationale Isolierung eine Lektion erteilt werden.

Doch bisher scheitert bin Salman. Im Jemen ist er nicht siegreich, sondern schafft sich sein eigenes “Vietnam”. Katar ist nicht isoliert. Und Libanons Sunniten wären arg schlecht beraten, wenn sie sich von Riad orchestriert in eine gewalttätige Auseinandersetzung hineinziehen ließen, bei der alle Libanesen nur verlieren können.

Salman setzt auf Konfessionalisierung – genau wie der IS

Gut möglich also, dass bin Salman in all seinen außenpolitischen so genannten Abenteuern scheitern wird. Warum also dieses Wüten, warum diese Paranoia gegenüber dem Iran und warum setzt Riad auf eine Politik der Konfessionalisierung von Konflikten – wie es übrigens die Terrorgruppe “Islamischer Staat” (IS) genauso betreibt?

Zum einen träumt bin Salman tatsächlich von regionaler Hegemonie. Und zum anderen lenkt er durch die Kreierung eines äußeren, iranisch-schiitischen Feindes von den innenpolitischen Problemen ab. Für beides sieht es nicht gut aus.

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Saudi-Arabien und Iran wetteiferten schon vor über 50 Jahren um die Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten. Als in Persien noch der Schah regierte, war Iran gar den USA politisch näher als die damals schon wegen ihres Ölreichtums für die USA wichtigen Saudis. Das Weiße Haus bevorzugte den Schah. Durch die islamische Revolution in Teheran änderte sich dies schlagartig. Doch während Iran längst wieder zu regionaler Stärke gefunden hat und in Ländern wie Irak, Syrien und Libanon steigenden Einfluss ausübt, bereitet es Saudi-Arabien Probleme, den Machtanspruch wirklich geltend zu machen; es fehlt an Argumenten jenseits des Ölreichtums.

Saudischer Luftangriff im Jemen (Bild: AP Photo/Hani Mohammed)

Die radikal-sunnitische Ideologie des Wahabismus nämlich, die Staatstheologie der Saudis, ist kein Exportschlager mehr. Der Wahabismus hat die Dschihad-Idee islamischen Terrors in zahlreichen Weltgegenden gepflanzt, mit den bekannten katastrophalen Folgen. Die Saudis erkennen nun selbst, welche Geister sie gerufen haben – und werden sie nicht mehr los. Jedenfalls krempelt bin Salman im Inneren ähnlich viel um wie im Äußeren.

Der Frust der Jungen wächst

Kaum an der Macht, hat er die Riege der machtvollen saudischen Religionsgelehrten hart kritisiert, will sie in die Schranken weisen, den Islam irgendwie liberaler gestalten. Er weiß, dass seinem Regime nicht mehr viel Zeit bleibt: Saudi-Arabien ist ein junges Land mit vielen jungen Leuten, deren Wirtschaft am Öltropf hängt; versiegt das schwarze Gold, ist Schluss mit dem Rentierstaat, der sich Zufriedenheit seiner Bürger schlicht erkauft. Daher versucht bin Salman, sein Land zu modernisieren, andere Wirtschaftszweige zu erschließen und mehr Freiheit im Alltag zuzulassen.

Mit seinen regionalen Feldzügen will er Größe demonstrieren, seine Landsleute hinter sich einen. Doch mit jedem neuen außenpolitischen Desaster fällt ihm ein Zacken aus der Krone. Bin Salman riskiert sich zu verzocken. Er braucht die Krise. Aber die Krise könnte ihn übermannen. Dies könnte, zu Ende gedacht, nicht nur das Ende seiner Herrschaft, sondern der Familie Saud bedeuten – wenn allzu viele Bürger seines Landes denken, eine Notbremse ziehen zu müssen.

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