Kommentar: Roi und wie er die Welt sah

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Daniel Roi hat für seinen Tweet auch aus den eigenen Reihen viel Gegenwind geerntet (Bild: AFP)

Der AfD-Funktionär Daniel Roi offenbart seine Sicht der Dinge in einem Tweet. Jetzt fallen alle über ihn her, auch die Parteifreunde. Zurecht: Roi wollte seine AfD-Genossen rechts überholen und hat sich dabei gründlich vergaloppiert. Eine Betriebsanleitung.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Tote Hose bei Daniel Roi. Nachdem er am Reformationstag noch meinte, seine Thesen an die virtuelle Wand schlagen zu müssen und sie wild verteidigte, ist er nun verstummt. Das ist bei AfD-Politikern ein schlechtes Zeichen, eine vorübergehende Abstinenz bei Facebook und Twitter ist Ausdruck tiefer Krise. Und bei Roi, immerhin kein Beta-Tierchen in der Parteiriege als Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt, Stadt- und Kreistagsabgeordneter und ehemaliger parlamentarischer Geschäftsführer der Landtagsfraktion, dreht sich die Krise um eine alte AfD-Krankheit: Er ist womöglich auf der Maus ausgerutscht.

„Ein Rollstuhlfahrer, Claudia Roth von den Grünen und ein Afrikaner der SPD. Perfektes Abbild der BRD 2017“, twitterte er in der Nacht zu Dienstag über das neue Präsidium des Bundestags. Er hatte da eben genau hingeschaut: Mit dem Rollstuhlfahrer meinte er Wolfgang Schäuble, Roth ist bei Rechten eine beliebte Hassfigur, weil – nun, das ist schwierig zu sagen, vielleicht, weil sie eine Frau ist; und beim „Afrikaner“ handelt es sich um Karamba Diaby, der zwar nicht Präsidiumsmitglied ist, aber Roi lässt halt Dreie gerade sein.

Kommentar: So wird das nichts mit Jamaika

Faszinierend, wie man sich die Welt zusammenbasteln kann. Und Roi versucht sich gar an einem „perfekten Abbild“, da geht er hoch künstlerisch vor. Er hätte ja Petra Pau von der Linken nennen können, die sitzt auch im Präsidium, oder Rechtsspruchklopfer Hans-Peter Friedrich von der CSU, aber die passten womöglich nicht ins Konzept der maximalen Empörung, nach dem Motto: Seht her, so schlecht steht es um unser Spätrömisches Reich; der Untergang naht.

Warum ein körperlich Beeinträchtigter, eine Frau und ein Deutschafrikaner dadurch, dass sie auch körperlich beeinträchtigt, weiblich oder deutschafrikanisch sind, ein Problem darstellen könnten, bemühen wir uns an dieser Stelle nicht zu beantworten. Roi drückt auf Tasten, die bei mir zu keiner Reaktion führen. Ich sollte mehr Marschmusik hören.

Jedenfalls ist Rois Bild eher abstrakte moderne Kunst und weniger ein Abbild, aber Künstler irren zuweilen bei Selbstbeschreibungen.

Plötzlich war er allein

Roi irrte sogar derart dolle, dass er nach einem ersten Abwehrreflex, in dem er seine Kunstkritiker irre nannte und von Scheinempörung sprach, letztlich klarstellte: „Ich weiß, dass der Tweet total bescheuert war.“ Man habe ihn in sehr verschiedene Richtungen interpretieren können, und überhaupt: Er habe aber überhaupt nichts gegen Behinderte und auch nichts gegen Zugewanderte im Bundestag.

Ach nee, was meinte er dann mit seinem Bundestagsstillleben? Ich dachte immer, solche Tweets leben davon, dass sie eine unmissverständliche Stoßrichtung haben, die selbst unterschwellig bestens funktioniert. Aber ich vergaß: An diesem Punkt sind wir wieder beim Ausrutschen auf der Maus.

Der arme Herr Roi hat es also übertrieben. Er weiß, wie es bei der AfD üblich ist, die Klaviatur der Empörung zu bedienen, das ist der parteiinterne Dauersound; nur hat er nun zu stark in die Tasten gehauen.

Kommentar: Saudische Herrscher rufen eine Zeitenwende aus – ein bisschen

Was dann folgte, ist denkwürdig: Die in den Bundestag gewählten Abgeordneten der AfD aus Sachsen-Anhalt fanden den Tweet ihres Parteifreundes nicht lustig und distanzierten sich, und zwar durchaus klar: Sie nannten Rois Aussagen „dumpfe Hetze“. Man bedaure insbesondere Rois Angriff auf Schäuble, das Opfer eines Attentats. Auch lehne man den „rassistischen Spott“ gegenüber Diaby ab. Eine Abwertung lediglich aufgrund der Hautfarbe sei unangemessen, heißt es in einer Erklärung. Und Sachsen-Anhalts AfD-Landesparteichef André Poggenburg schrieb: „Sein Tweet war eine Steilvorlage für alle, die der AfD Rassismus vorwerfen wollen. Das ist aber nicht die Position der AfD.“

Im Wortsinne verrückt wird es, wenn man bedenkt, dass Roi im Bundesland als Parteirivale Poggenburgs gilt, und gar als linker Gegenpol. Roi inszeniert sich und sein Lager als „Alternative Mitte“ zu den Rechtsnationalisten rund um Poggenburg, was vielleicht die heftigen Kritiken aus der Partei erklärt.

So macht man das

Roi sollte von Poggenburg lernen. Ein kurzer Blick in seine jüngste Twitterei zeigt, wie man clever anspricht. Da schreibt der: „Aktueller Anschlag in New York hat sicher überhaupt nichts mit dem Islam zu tun! Ehrlich!“ Als hätte irgendjemand dies behauptet, aber sicherheitshalber schiebt Poggenburg gleich den Riegel vor. Die neue Küche nennt er „Hobbyraum meiner Liebsten“, da hat er wirklich nichts zu suchen, und er vermeldet besorgt: „Erneute Massenschlägerei: So sieht er aus, der Alb(Traum) von Multi-Kulti-um-jeden-Preis!“ Damit meint er eine Schlägerei am Rande einer Kirmes in Unna, die 25 bis 50 Beteiligten waren nach Polizeiangaben „arabischen beziehungsweise südländischen“ Aussehens.

Aber lieber Herr Poggenburg, warum in die Ferne schweifen, wie ins 336 Kilometer westlich liegende Unna, wo das Böse so nah lauert? Hier ein Auszug aus den aktuellsten Polizeimeldungen Magdeburgs:

„Montagnacht, gegen 00:30 Uhr, kam es in Magdeburg, in der Berliner Chaussee an der Haltestelle ‚Käseglocke’ zu einer Sachbeschädigung an einem Fahrscheinautomaten und dem dortigen Haltestellenhäuschen. Ein Zeuge beobachtete eine Gruppe von 15 bis 20 Personen, die lautstark durch die Straßen zog. Ein Teil der Gruppe entnahm einen Gullideckel und zerstörte damit die Scheibe des Haltestellenhäuschens. Im Anschluss rissen dieselben Beteiligten einen Fahrscheinautomaten aus der Verankerung und schlugen mit dem Gullideckel auf diesen ein.“

Oder dies hier:

„Montagabend, gegen 21:00 Uhr, kam es an der Hubbrücke zu einem Raub. Ein 15-jähriger Junge hielt sich mit zwei Freunden unterhalb der Hubbrücke auf. Ihre mitgebrachten Fahrräder hatten sie an einem Geländer angeschlossen. Von dort hörten sie ungewöhnliche Geräusche. Als sie nachsahen, machte sich ein unbekannter Jugendlicher an den Rädern zu schaffen. Diesen Vertrieb der Geschädigte mit seinen Freunden. Kurze Zeit später, kam der vermeintliche Fahrraddieb mit ca. 10 bis 15 Personen wieder. Die größere Gruppe von Jugendlichen, forderte nun die Herausgabe der Handys. Im Falle der Nichterfüllung dieser Forderung, würden sie geschlagen. Der 15-jährige Geschädigte, warf daraufhin seine mitgeführte Musikbox weg und konnte mit seinen zwei Freunden flüchten.“

Kommentar: Manager in der Politik sind kein Allheilmittel

Ganz schön was los, in Magdeburg. Die Polizei vermeldete übrigens nicht, ob die Täter arabischen beziehungsweise südländischen Aussehens waren. Vielleicht schlummert darin ein Skandal, den es aufzuklären gilt. Herr Poggenburg, übernehmen Sie!