Kommentar: Natürlich haben die Grünen eine Nähe zur AfD

Im Wahlkampf setzen Grüne und AfD auf komplett gegensätzliche Botschaften – tatsächlich eint die beiden Parteien mehr, als man zunächst glauben möchte (Bild: Getty Images)

Die FDP wirft den Grünen vor, mehr Gemeinsamkeiten mit den Rechtspopulisten zu haben als die FDP selbst. Nunja. Jedenfalls haben die Grünen davon eine Menge.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, raunt man sich in Berlin gerade zu, vornehmlich in Bundestagsnähe. Schließlich gilt es, sich abzugrenzen – manche Zeitgenossen machen den lieben langen Tag nichts anderes, es ist ihnen ein Antrieb wie Wasser und Brot, beziehungsweise Latte Macchiato und Grünkohlchips.

Die aktuell auf der Hitliste oben rangierenden Schmuddelkinder spielen im Sandkasten der AfD, da laufen Typen wie Jens Maier herum, über deren Account andere als „Halbneger“ rassistisch beleidigt werden. Wer will schon was mit jemandem wie ihm zu tun haben?

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Wenn also die eine Partei die andere beleidigen will, greift sie zur Sandschaufel und zeigt auf die rechte Ecke. Jüngst versuchte sich darin FDP-Vize Wolfgang Kubicki, als er sagte: “Wesentliche Teile der Grünen sind der AfD in einigen Politikfeldern doch näher als die FDP. Zum Beispiel beim Antiamerikanismus und Freihandel.”

Das war echt gemein.

Kubicki möchte man zurufen, er sollte besser nicht, wo er im Glashaus sitzt, mit Steinen werfen. Schließlich ringen die Chefliberalen derzeit in schlaflosen Nächten mit sich, ob sie die FDP nicht DOCH ein kleines bisschen in Richtung FPÖ schwenken lassen, sozusagen ein Portiönchen Rassismus auf die gelbe Torte träufeln sollten. Es läuft grad nicht gut für die FDP, nach dem Schiffbruch vor Jamaika. Da kann mancher Liberaler in Versuchung geraten, einen populistischen Volksversteher zu mimem – ist eine sichere Nummer.

Die FDP hat gut reden

Und es ist realistischer, dass sich die FDP zur Nationalliberalen Partei entwickelt, als dass sich die Grünen zu neuen Ökonationalisten ausrufen.

Dennoch: Kubicki legt mit seiner Kritik den Finger in eine Wunde, über die man nicht spricht. Natürlich hat er recht mit der tatsächlichen Nähe der Grünen zur AfD. Die Gründe dafür liegen aber viel weniger bei den Themen Freihandel oder dem Verhältnis zu Amerika, sondern sind strukturell bedingt.

AfD und Grüne sind tief bürgerliche Parteien. Vielen ihrer Anhänger geht es um die Verteidigung ihres persönlichen Wohlstands. Veränderung unterstützen sie nur, wenn sich für sie selbst nichts ändert. Vor allem treten sie nach unten, beide Anhängerkreise sind von Abstiegsängsten geplagt; nur geben die grün angehauchten es weniger zu. Nicht wenige von ihnen wollen auch keine türkischen Namen auf den Klingelschildern ihres Wohnhauses lesen. Sie halten sich für besser und impfen es entsprechend ihren Kindern ein, die frühzeitig einem gesellschaftlichen Fitnessprogramm unterworfen werden, sprich: In der Schule muss die Leistung stimmen.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer stellt ein Paradebeispiel des bürgerlichen Flügels der Grünen dar (Bild: Getty Images)

Die Anhänger von Grünen und AfD rühren den Zement an, der Deutschland zu einem der am stärksten klassenbewussten Länder Europas macht, nirgends verlaufen die Trennlinien so scharf, ist der Aufstieg aus den unteren Schichten schwieriger; Tellerwäscher gehen besser in die USA.

Oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht

Das Gerede von Grünen als Gutmenschen ist hingegen nur Gegenmarketing, es dient der Verunglimpfung, die doppelten Schaden dadurch nimmt, weil sich im Diskurs tatsächlich der Gedanke festsetzt, dass Gutes tun schlecht sein könnte.

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Jedenfalls sind die Grünen allein deswegen nicht gegen eine Nähe zur AfD gefeit, weil die AfD nur Ressentiments offen ausspricht, die in der ganzen Gesellschaft wabern. Rassismus und Missgunst, Sozialneid und Egoismus bilden zusammengerührt ein Schmieröl der AfD, aber es ist nicht so, dass es dies woanders nicht gäbe. Nur kippen Grünen-Anhänger dieses Öl nicht in ihren Latte, sondern setzen es dosiert und schweigsamer ein.

Mit Strukturen verhält es sich wie mit der Fauna: Oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Kubicki wollte mit seiner Nähekritik natürlich nur von der eigenen Misere ablenken. Aber seine Worte sollten von den Grünen nicht ausgelacht werden, sie treffen einen wichtigen Punkt.