Kommentar: Mit dem Mohnblumenverbot im Wembley-Stadion entlarvt die FIFA sich selbst

Tobias Huch
Freier Journalist
Die Mohnblume ist fester Bestandteil der britischen Erinnerungskultur – auch auf dem Rasen (Bild: AFP)

Am Abend des 10. November wird die deutsche Nationalmannschaft gegen den englischen Kader im Londoner Wembley-Stadion auflaufen – ein Freundschaftsspiel. Der Folgetag ist in England ein sehr wichtiges Datum – in seiner ernsten Historie vergleichbar mit dem 9. November bei uns: Alljährlich am 11. November begeht man dort den Remembrance Day, umgangssprachlich auch als “Poppy Day” bezeichnet. 

Der Gedenktag erinnert an das Grauen des 1. Weltkriegs, insbesondere an die deutschen Chlorgasangriffe, aber auch an den späteren Waffenstillstand und das Ende dieses schrecklichen Krieges. Begangen wird der  Remembrance Day im Zeichen der Mohnblume, die in England als ein Symbol der Trauer und der mahnenden Erinnerung gilt. Sie ist seit fast 100 Jahren fester Bestandteil der britischen Seele.

Ist ein Trauersymbol politisch?

Aus diesem Grund hat die englische Nationalmannschaft beantragt – nur ausnahmsweise und aufgrund der besonderen Konstellation – anlässlich des Länderspiels gegen Deutschland mit einer schwarzen Trauerarmbinde mit Mohnblume auflaufen zu dürfen. Die FIFA jedoch erteilte bisher dem Ansinnen eine brüske Abfuhr. Sie will die Mohnblume nicht zulassen, weil diese ein “politisches Symbol” sei, was nach den Statuten in einem Freundschaftsspiel nichts verloren habe.

Die Zurückweisung des englischen Antrags durch die FIFA wäre absurd. Sie beleidigt das gesamte britische Volk. Wie kann ein Symbol, mit dem eines der opferreichsten Konflikte der Menschheitsgeschichte gedacht wird, in einem internationalen Sportereignis keinen Platz haben?

FIFA kann auch großzügiger sein

Geht es um tagespolitische Ereignisse, agiert die FIFA ungleich großzügiger: Schweigeminuten für Terroropfer werden in den Stadien zugelassen; das ist richtig und gut. Schweigeminuten für Opfer von Naturkatastrophen werden zugelassen; das ist richtig und gut. Auch Aktionen gegen Rassismus werden im Umfeld von bedeutenden Fußballspielen aktiv betrieben, und auch das ist richtig und gut.

Mit diesen Aktionen, die in den Zeitgeist passen und medienwirksam ausgeschlachtet werden können, scheint man also seitens der FIFA keine Probleme zu haben. Wenn aber die gemeinsame Erinnerung an ein schmerzhaftes Kapitel deutsch-britischer Geschichte bei der sportlichen Begegnung beider Länder subtil gewürdigt werden soll, stellen sich die Fußballfunktionäre stur.

Das Verbot eines mahnenden Friedenssymbols am Vorabend eines der bedeutenden britischen Gedenktage ist eine Schande. Es enttarnt die FIFA als populistische Kommerzvereinigung, die den eigentlichen Sinn von Sport – Menschen zusammenzubringen und damit auch einen Beitrag zur (Völker-)Verständigung zu leisten – nicht begriffen hat.

Wie der DFB reagieren sollte

Die angemessene Reaktion der deutschen Seite sollte darin bestehen, dass der Deutsche Fußball-Bund ebenfalls das Tragen der Poppy-Binde beantragt und beide Nationalmannschaften gemeinsam damit auflaufen, und zwar unabhängig von der Entscheidung der FIFA. Außerdem sollten beide Teams beim Spielen der Nationalhymnen nicht getrennt stehen, sondern untereinander vermischt, Arm in Arm.

Knapp ein Jahrhundert nach Ende des Ersten Weltkriegs (und rund ein dreiviertel Jahrhundert nach Ende des Zweiten) begreift dann vielleicht selbst der letzte Ignorant bei der FIFA, dass die Mohnblume ein starkes Symbol der Versöhnung ist und sie auch dafür steht, dass einstige Feindschaften im Sport überwunden werden. So gesehen empfiehlt sich die Poppy-Binde als eine Bereicherung für den Fußball insgesamt.