Kommentar: Merkel und Gauland rauben uns den Schlaf

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Mit völlig unterschiedlichen Aussagen rauben die beiden Politiker unserem Autor den Schlaf. (Bild: dpa/ddp)

Herbst kommt auf – das merkt man auch an den raueren Tönen im Wahlkampf. Oder läuft doch etwas gewaltig schief?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Fernsehabende sind derzeit nicht zu empfehlen, entweder gehen sie an die Nieren oder rauben den letzten Nerv. Jedenfalls schreibe ich als Wrack nach einer nahezu schlaflosen Nacht. Schuld sind, natürlich, wie immer, die Politiker. Ist ja auch ihr Job, nicht nur Verantwortung zu übernehmen und den Sündenbock zu spielen als “die da oben”, aber für meine fehlende Erholung forderte ich am liebsten Schadensersatz.

Es ging los mit der Kanzlerin, sie plauderte sich beim ZDF elegant am Titel der Sendung (“Klartext”) vorbei, bis sie unvermittelt eine harte Pointe setzte. Ein afghanischer Asylbewerber hatte sie angesprochen, ein abgelehnter, obwohl er als Journalist Verfolgungen in seinem Land ausgesetzt sei – er kritisierte die jüngsten Abschiebungen nach Afghanistan. Angela Merkel wich zuerst aus, meinte, er müsse halt abgewogen werden. Und meinte dann Verständnis zu wecken mit der Aussage: nur verurteilte Straftäter seien nach Afghanistan abgeschoben worden.

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Aha. Ich dachte immer, jedes Menschenleben sei gleich wert. Selbst Adolf Hitler, um jetzt mal ein gänzlich bescheuertes Beispiel zu nennen (Schlafmangel), hätte ein Recht darauf. Zumal manche der abgeschobenen “Sex-Täter”, wie “Bild” schrieb, in Wirklichkeit wegen räuberischen Diebstahls verurteilt wurden. Ein Abschiebungsgrund? Meines Wissens handelt es sich bei Afghanistan um ein Land, welches unsere Politiker nur in einem Armeekonvoi betreten, beschützt von Panzern und Hubschraubern. Weite Teile sind in der Hand von Terrormilizen, von Soldaten des Westens jahrelang hart und nahezu erfolglos bekämpft; woraus zu folgern ist, dass eine Abschiebung, von wem auch immer, eine akute Lebensgefahr bedeutet. Was meinte also Merkel mit diesem merkelwürdigen “nur”?

Wehrmacht geht immer

Es erstaunte mich. Letzte Mode scheint zu werden sich irgendjemand zu greifen, der weniger wert zu sein scheint. Nebenbei schaute ich Nachrichtenwebsites durch und stieß auf den neusten Appetithappen, den Alexander Gauland von der AfD unters Volk warf, oder was er für das Volk hält.

Den hatte er schon Anfang September bei einem “Kyffhäuser-Treffen” der AfD in Thüringen serviert, nur wurde es erst jetzt bekannt – ein echter Klassiker, es ging um die paar Jahre zwischen 1933 und 1945. Gauland meinte, kein anderes Volk habe “so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche”. Und: “Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Und das sprechen wir auch aus. Deshalb haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.”

Da fragte ich mich schon, was Gauland mit der zurückgeholten Vergangenheit anstellen möge, vielleicht hat er ja eine schöne Glasvitrine im Wohnzimmer, da machten sich leere Patronen, ein paar Wundverbände oder ein Stück geschmolzenen Asphalts sicher gut. Und überhaupt verstand ich den Widerspruch nicht, der sich auftut: Einerseits will Gauland einen Schlussstrich ziehen, redet aber andererseits ständig darüber. Und was ist eine “falsche Vergangenheit”, gibt es auch eine richtige? Da ließ der Spitzenkandidat die Katze aus dem Sack, nämlich – von wegen Schlussstrich – eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen. Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill seien, “haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen”.

Wir haben nicht einmal mehr Kaiser’s

Das saß. Welchen Kaiser Franzosen oder Briten hätten haben können (meinte Gauland Napoleon?), überlegte ich schon nicht mehr lang; zu schnell wurde meine Phantasie angeregt bei den Überlegungen, auf welche Leistungen deutscher Soldaten ich denn nun stolz sein könnte. Ich gebe zu: Mir fiel nichts ein.

Wenn Politiker der AfD auf Fehler in ihrer Argumentation, bei welchem Thema auch immer, angesprochen werden, antworten sie stets mit dem Verweis auf “Einzelfälle” und “Ausnahmen”. Sie wollen das Große und Ganze sehen. Nun, sollte Herr Gauland nicht der Meinung sein, dass der Zweite Weltkrieg ein von Deutschland aus niedrigsten Motiven angezettelter verbrecherischer Angriffskrieg gewesen ist, der noch größere Verbrechen an der Menschlichkeit durch deutsche Soldaten sah, dann liegt Herr Gauland, ganz diplomatisch ausgedrückt, falsch.

Undiplomatisch ausgedrückt, fand ich die Äußerungen dieses Typen derart widerwärtig, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Es wird gerade Herbst. Rauer klingen die Töne in diesem Wahlkampf. Und anderes bleibt auf der Strecke. Etwas, das uns sehr teuer sein sollte.

Mehr zu Gaulands fragwürdigen Äußerungen im Video: