Kommentar: Macht die Kirchen zu Ostern zu!

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 3 Min.
Sollen die Kirchen zu Ostern Gottesdienste abhalten? (Bild: REUTERS/Paul Carrel)
Sollen die Kirchen zu Ostern Gottesdienste abhalten? (Bild: REUTERS/Paul Carrel)

Die Kirchen sträuben sich dagegen, ihre Gottesdienste zu Ostern nicht in Präsenz abzuhalten. Das ist verwegen und vermessen zu gleich. Die Gotteshäuser brauchen dringend einen Realitätscheck.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Zu all dem Mittelmaß, das wir uns seit Corona einschenken, gehören nun auch diese - nun schon wieder gekippten - Ruhetage. Das klingt ziemlich verdruckst, eben wie ein Lockdown Lightlight oder wie eine zu Wasser reduzierte Cola. Das Signal, welches die Regierenden wohl damit aussenden wollten, ohne einem allzu sehr auf die Pelle zu rücken: Bleibt bitte, womöglich, über die Ostertage zuhause.

Das Kalkül ist klar. Es geht um eine Senkung der Infektionen mit dem Coronavirus. Indem wir uns ein Stück weit aus dem Weg gehen, tun wir dies auch dem Virus. Angesichts des Wettlaufs mit den Impfungen ein logischer Schritt.

Aber wir sind ja unglaublich individuell. Freiheitsliebend auch, allesamt Robin Hoods und Wilhelm Tells. Da muss man uns schon höflich fragen, wie es die Regierung tat, indem sie die Kirchen bat, zu Ostern auf Präsenzgottesdienste zu verzichten.

Okay, für Gotteshäuser ist sowas harter Tobak. Immerhin gilt Ostern als das wichtigste christliche Fest und die Abstandsregeln bei den aktuellen Gottesdiensten scheinen bisher gut funktioniert zu haben. Aber, Entschuldigung, ein Lockdown ist ein Lockdown. Wenn bei dieser Pandemie endlich einmal etwas durchgezogen werden soll, ein bisschen – dann können die Kirchen kaum mit ihren Kirchen kommen.

Das richtige Maß

Denn was ihnen auch auferlegt ist, ist der Dienst am Menschen. Da ist Verantwortung angesagt, Solidarität. Es gibt sicher Leute, für die ist ein Gottesdienst, zumal an Ostern, eine unheimlich wichtige Angelegenheit. Aber die Kirchen, die sich nun „überrascht“ zeigten und diese Bitte brüsk zurückwiesen - ein Gottesdienst sei doch kein „Beiwerk“ - sie sollten anerkennen, dass ihre Rolle und ihre Relevanz nicht mehr das sind, was sie früher einmal waren. Religiosität schwindet nicht. Aber das Zutrauen zu den Kirchen, das Gefühl, bei ihnen aufgehoben zu sein und sie zum Teil des eigenen Alltags zu machen – all dies ist allgemein spürbar zurückgegangen.

Keiner agiert im luftleeren Raum

Das mag man beklagen. Aber nicht, indem auf althergebrachte Traditionen verwiesen wird, wonach man mehr Rechte und Privilegien hätte als andere. Diese Zeiten sind vorbei. Sobald die Kirchen zu Ostern ihre Türen öffnen, stoßen sie auch ein Portal für die blöden Neiddebatten auf, welche wir hierzulande recht gut beherrschen: Warum darf der das, während ich dieses nicht? Kirche muss sich ganz anders einbringen, in die Gesellschaft. Weil sie sich mit Überirdischem beschäftigt, steht sie nicht über den Dingen.

An den Kirchen ist es also, dieses Jahr Ostern anders zu feiern. Das Wetter gestaltet sich auch besser als zu Weihnachten, da wird doch draußen etwas möglich sein. Jedenfalls sollten sich die Kirchen nicht größer machen, als sie sind. In der Bibel gibt es bestimmt eine Stelle, die das richtige Augenmaß einfordert – für andere, aber auch für sich selbst.

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