Kommentar: Kurden demonstrieren – und der deutsche Michel regt sich auf

Tobias Huch
Journalist und Englandkorrespondent
Auch in Berlin sind am Sonntag Kurden und ihre Unterstützer gegen die türkischen Angriffe auf die Straße gegangen (Bild: dpa)

Lautstarke Proteste am Flughafen Düsseldorf. Hunderte Menschen stehen in der Vorhalle; sie rufen “Terrorist Erdogan! Terrorist Erdogan!” und “Kindermörder Erdogan!” Das gleiche Bild am Hamburger Hauptbahnhof: Einige Demonstranten haben die Gleise besetzt. Auch in Berlin waren in der Nacht hunderte auf den Straßen, ebenso wie in Frankfurt, vor dem türkischen Generalkonsulat in der Kennedy-Allee. Land auf, Land ab das gleiche Bild: Kurdische Demonstrationen.

Gemeinsam mit anderen Demokraten demonstrieren sie gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der Türkei gegen die zuvor friedliche und sichere syrische Enklave Afrîn. Dort, im Norden Syriens, droht ein weiterer Völkermord – leider nichts Neues in der türkischen Geschichte; manch einer spricht schon gar nicht mehr von “türkischer Geschichte”, sondern eher von einem Vorstrafenregister.

Und doch fragt so mancher hierzulande sich: “Was sollen solche Demos in Deutschland?” Die Kommentarspalten auf großen Nachrichtenportalen sind voll mit deutschen Empörungsspitzen. “Alle abschieben!”, “Die sollen in ihrem Land demonstrieren!”, sind da noch die harmloseren Äußerungen im verbalen Repertoire des einfach gestrickten Wutbürgers. Auf den ersten Blick mag die Frage berechtigt klingen: Warum demonstriert man für kurdische Interessen in Deutschland? Doch wenn man die Hintergründe betrachtet, ergeben sich die Antworten ganz von selbst.

Proteste sind in der Türkei nicht möglich

Zum einen können diese Menschen nicht in der Türkei demonstrieren; dort würden sie direkt von der Straße weg verhaftet und in eines der zahllosen berüchtigten Foltergefängnisse verfrachtet werden. Nach brutalen Verhören, Misshandlungen und sogar Vergewaltigungen würde ihnen ein Scheinprozess und eine Verurteilung wegen “Unterstützung einer Terrororganisation” drohen – alleine deswegen, weil sie sich öffentlich gegen Krieg und Terror wandten. Das, und nichts anderes, ist die heutige Türkei!

Zum anderen gibt es noch ein ganz konkretes Argument für derartige Demonstrationen hier bei uns – denn Deutschland ist der richtige Adressat für solche Demos. Es hofiert den türkischen Terrorstaat in beschämend devoter Art und Weise. Es ist noch nicht lange her, da spielte der scheidende Außenminister Sigmar Gabriel sogar “Teejunge” für seinen türkischen Amtskollegen, während in seiner Gegenwart üble Waffengeschäfte eingefädelt wurden.

Wie der Weltöffentlichkeit inzwischen “eindrucksvoll” vorgeführt wurde, sind es auch und vor allem deutsche Waffen, mit denen Frauen, Kinder, bekennende Demokraten, Kurden, Christen, Jesiden, Schiiten oder einfach nur unschuldige Zivilisten in Afrîn beschossen werden – oder die Türkei reicht die Waffen gar an einen ihrer berüchtigten Verbündeten (al-Qaida, ISIS-Terroristen und anderer dschihadistischer Bodensatz) weiter.

Deutsche Geheimdienstberichte sprechen diesbezüglich schon seit 2016 eine klare Sprache. Insofern trägt Deutschland eine faktische Mitschuld am gegenwärtigen Sterben in Afrîn; deshalb erfolgen die Demonstrationen hier gegen diesen völkerrechtswidrigen Krieg auch gerade am rechten Ort.

Bundesregierung interessiert der mitverschuldete Genozid nicht

Bisher hat sich die deutsche Bundesregierung reichlich desinteressiert gezeigt, was ihre Beihilfe zu diesen Verbrechen anlangt. Syrien und Kurdistan sind schließlich weit weg; wen interessieren schon das Leid oder der Tod von ein paar Tausend, Zehntausend oder Hunderttausend Zivilisten? Das wird, so denkt man im Berliner Kanzler- und Außenamt wohl zynisch, die Sau in Syrien auch nicht mehr fett machen. Als nächstes soll übrigens ein sattes Panzergeschäft über die Bühne gehen. Diese Panzer werden dann – so hat es Erdogan angekündigt – auch den Rest von Nordsyrien ethnisch “säubern”. Danke, Deutschland!

Die Kurden haben uns gerettet

Vielleicht begreift der “deutsche Michel” ja angesichts solcher ungeheuerlicher Vorgänge, weshalb die Kurden hier in Deutschland demonstrieren. Und selbst wenn manch einem hier die eigene Haut näher sein sollte als die der Menschen im Mittleren Osten – eines sollte man nicht vergessen: Es waren die Kurden, die die bestialischste Terrorgruppe der Welt, den IS, militärisch zerschlagen haben. Ohne Einsatz und Opfer der Kurden hätten wir in Europa heute viel größere Probleme, von täglichem Terror bis hin zu militärischen Abenteuern mit ungewissem Ausgang. Es waren die Kurden, die uns gerettet haben.

Allein schon dieses Verdienstes wegen sollten wir uns mit voreiliger Empörung über legitime Demonstrationen zurückhalten, und nicht über daraus eventuell resultierende Unannehmlichkeiten jammern. Anständige deutsche Demokraten täten gut daran, sich einzureihen in den nächsten kurdischen Demonstrationszug, und laut jene Parole auszurufen, die heute leider aktueller ist als jemals zuvor: “Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt!”

Mehr von Tobias Huch: