Kommentar: So könnten die Grünen die nächste Bundesregierung anführen

Mit der Realo-Doppelspitze Baerbock und Habeck könnte für die Grünen eine neue Ära anbrachen (Bild: REUTERS/Hannibal Hanschke)

Der Parteitag wählt eine neue Doppelspitze – so gewohnt wie immer. Und dann auch noch Realos. Und dennoch könnten die neuen Chefs einen Sturm entfesseln.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Grünen brauchen eine neue Story. Nichts bedrückt derzeit die deutsche Seele mehr als das Gefühl der Stagnation, und bei diesem Gedanken machen sich die Grünen nicht aus dem Staube, im Gegenteil: Die Öko-Partei ist Inbegriff des im Latte Macchiato rührenden Wohlfühlgewissens, echtes Retro. Nur noch die Stammwähler können die Grünen mobilisieren, zu einem matten Kreuz auf dem Wahlzettel, und dann zurück ins Wochenendhäuschen.

Der Stagnation könnte man etwas entgegensetzen, und seit dem jüngsten Parteitag am vergangenen Wochenende hat die Grünen-Spitze damit begonnen. Es ist auch ihr Job: Die neuen Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck sind die mitreißendsten Persönlichkeiten in den Parteireihen; dass sie gewählt wurden, zeigt von großer Sehnsucht und Vernunft zugleich.

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Baerbock und Habeck sind Instinktpolitiker. Sie können überall auftreten, im Bierzelt wie auf einer Studierendendemo. Sie können Gefühle zeigen und wirbeln, dass dem Wohlstandsgrünen der Kaffeelöffel entgleiten könnte.

Furcht vor der neuen Kraft

Solch ein Ruck ist bitter notwendig, dies illustriert die heimliche Furcht der Linkspartei am besten: Mit der neuen Spitze würden sich die Grünen von Ideen und linkem Denken endgültig verabschieden, unkte der Linken-Bundesgeschäftsführer, weil Baerbock und Habeck beide dem rechten Realoflügel zuzuordnen sind und damit die traditionelle Vereinigung des linken und des rechten Flügels in der Parteispitze ignorierten. Doch damit offenbart die Linkspartei nur Wunschdenken.

Die Linke unter Sahra Wagenknecht träumt davon, den neuen linken Aufbruch in Deutschland hinzulegen, die Sehnsucht der jungen Generation nach einer gewissen Art von Rebellion zu kanalisieren, das Unwohlsein mit der Marktwirtschaft und ihrer Unfähigkeit drängende Probleme anzugehen für sich zu nutzen. Wagenknecht wäre gern wie Bernie Sanders in den USA und Jeremy Corbyn in Großbritannien, welche in Wahlen überzeugten und ihren traditionellen Arbeiterparteien neues Leben einhauchten.

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Der deutschen Linkspartei indes mag dieser Aufbruch nicht recht gelingen. Zu sehr ist sie noch in der alten DDR-Geschichte verankert, und Wagenknechts Nationalismen schrecken den jungen Rebell mit der Matelimonade in der Hand ab.

Bleiben die Grünen. Es ist ihre Chance, nicht nur zum Überleben. Seit Jahren ist ihre Stimme der sozialen Gerechtigkeit verstummt, ist die Partei beim Marsch in die Mitte zum Jasagerhaufen gegenüber der Wirtschaft mutiert. Baerbock und Habeck scheinen erkannt zu haben, dass eine Kurskorrektur vonnöten ist: Nicht umsonst nahm Habeck beim Parteitag das Wort von der „Umverteilung“ in den Mund. Sollte die SPD weiterhin versagen und es nicht schaffen, die junge Generation hinter sich zu versammeln – sind es nur die Grünen, die in dieses Vakuum stoßen könnten.

Bürgerlich genug sind die Grünen eh

Die Grünen wären dann nicht nur Bürgerpartei mit einem klaren Votum für Umweltschutz. Dies bliebe. Sie würden aber die Wütenden und Verunsicherten unter den jungen Wählern abholen, sie würden Leuten mit Hartz IV, Mindestlohn und vor allem Prekariat von der Putzfirma bis zur Universität eine Heimat anbieten. Entweder die Grünen entdecken die soziale Gerechtigkeit, oder sie reduzieren sich zur Kirchentagspartei. Die Grünen könnten Sprachrohr der Veränderungswilligen werden. Gelingt ihnen dies nicht, bleiben sie die Partei von Bürgerlichen, denen es gut geht und von denen deshalb jeder Veränderungsgeist längst geflohen ist.

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Für solch eine Unternehmung bräuchte es einen Schwung, echtes Teamwork. Die bisherige Spitze aus Cem Özdemir und Simone Peter harmonierte nicht wirklich. Dass die heutigen Zeiten nach Bauchpolitikern schreien, die vor allem gut reden, ist tatsächlich zu beklagen. Schein statt sein ist eine Erfolgsparole geworden. Doch strahlen können Baerbock und Habeck. Nun müssen sie den richtigen Ton treffen. Dann entwickelten sich die Grünen zum wichtigsten Kontrahenten der CDU, zu echten Gegenspielern, die eine Alternative anbieten – und damit weit kommen könnten, bis hin zum Kanzleramt.