Kommentar: Jerusalem kann Hauptstadt für alle sein

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Jerusalem ist allen drei Buchreligionen heilig (Bild: AP Photo/Oded Balilty)

Die US-Regierung erkennt Jerusalem als Israels Hauptstadt an. Nun wird eine Welle der Gewalt befürchtet. Doch wie wäre es, mal nach vorn zu schauen?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es wäre leicht gesagt, dass die Toten des morgigen Freitagmittags Donald Trumps Tote sein werden. Nach dem Gebet, dem wichtigsten für Muslime, wird es in mehreren Ländern zu Protesten kommen: Aus Solidarität mit den Palästinensern, die mal wieder ausgebootet werden, aus religiöser Hingabe für die Stadt Jerusalem mit ihrer großen islamischen Geschichte, und manchmal auch aus blankem Antisemitismus.

US-Präsident Trump hat diese Proteste bewusst provoziert. Er hat Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt und angekündigt, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem umsiedeln zu lassen. Das werden viele nicht hinnehmen.

Und Trumps Entscheidung ist auch, mal wieder, grundfalsch. Jerusalem ist ein Sehnsuchtsort für viele Religionen und Völker. Die Stadt blickt auf eine lange jüdische, christliche und muslimische Historie. Sie eignet sich bestens als Zankapfel – aber auch als Friedensstifterin.

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Auf den ersten Blick lässt sich fragen, was denn an Trumps Beschluss verwerflich sein soll. Seit Jahrzehnten beherbergt Jerusalem Parlament und Regierung Israels. Da liegt es nahe, die Stadt als offizielle Kapitale zu benennen, und Israels Bürger in einem souveränen Staat werden ja wohl sagen können, ob sie von Jerusalem, von Tel Aviv oder von sonstwo regiert werden wollen.

Das Problem fängt nicht damit an, was man will. Sondern damit, was man anderen vorenthält.

Da ist Platz

Gegen Jerusalem als israelische Hauptstadt spricht absolut nichts. 1000 vor Christus bestimmte König David Jerusalem zur Hauptstadt seines Reiches, dieser Ort war stets im Herzen der Juden, wo und wann immer sie lebten. Allerdings wurzelt die Aussage mancher Israelis, Jerusalem sei seit 3000 Jahren die Hauptstadt des jüdischen Volkes, bestenfalls in historischer Ignoranz. Jerusalem war immer mehr, und dies tut ihr keinen Schaden an: Länger als eine jüdische sah sie eine islamische Herrschaft – und welche Legitimität bedingt eigentlich Herrschaft?

Fakt ist, dass der Westteil Jerusalem von Israels Truppen 1948 erobert wurde. Dass Palästinenser vertrieben wurden. Dass die Altstadt im Ostteil unter jordanische Hoheit geriet und somit den Palästinensern eine gewisse Autonomie in ihrer eigenen Heimat sicherte. Dass Juden aus dem Ostteil vertrieben wurden.

Wenn Jerusalem Hauptstadt des Staates Israels ist, hat es damit nicht sein ganzes Potenzial ausgespielt, es kann mehr: Auch Hauptstadt des Staates Palästina werden.

In der Jerusalemer Altstadt leben orthodoxe Juden und Palästinenser auf engem Raum zusammen (Bild: AP Photo/Oded Balilty)

Und hier sind wir beim Problem der Vorenthaltung: 1980 bestimmte ein israelisches Gesetz, die ganze unteilbare Stadt gehöre zu Israel; der Ostteil wurde annektiert. Die dort lebenden Palästinenser, oft seit unzähligen Generationen in dieser Stadt ansässig, die kaum jemanden loslässt, der sie betritt, werden seitdem schikaniert.

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Palästinensische Jerusalemer gelten als staatenlose „Wohnberechtigte“. Sie haben das Recht, in Israel zu leben und zu arbeiten, aber nur auf ihre Stadt begrenzte Dokumente. Seit Jahrzehnten drangsalieren die israelischen Regierungen die Jerusalemer, wollen ihre Anzahl reduzieren. Sie werden vertrieben, wenn sie keine astreinen Eigentumsnachweise vorlegen, wenn Baugenehmigungen angezweifelt werden oder sie mehrere Jahre im Ausland leben; für Israelis gelten diese Regelungen nicht.

Hat Trump auch für die palästinensischen Jerusalemer gesprochen? Stellt er sich eine Zukunft für sie vor?

Spaltung einfach mal gedanklich überwinden

Der Status von Jerusalem, so stellen es internationale Abkommen fest, soll nach einem Friedensschluss zwischen Israelis und Palästinensern geregelt werden. Dazu ist es bisher nicht gekommen; währenddessen schafft der israelische Staat aus der Position der Stärke heraus Fakten nach dem Motto: Was du jetzt nimmst, gibst du künftig nicht mehr her.

Das kann funktionieren. Birgt aber ob der Ungerechtigkeit und des daraus resultierenden Frusts nur neuen Unfrieden. Und es ist kurzsichtig: Jerusalem hat Platz für zwei Regierungen; eine enge Nachbarschaft könnte den Beziehungen nur nutzen. Diese Stadt hat eine Kraft, die nicht ausgeschöpft wird und auch verbinden kann – in jüngerer Vergangenheit hat aber ihr anderes Gesicht dominiert, es steht für Spaltung.

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Trumps Beschluss ist nun mal in der Welt. Nur wenige Regierungen werden nachziehen. Aber das Votum des Weißen Hauses könnte zum Anlass genommen werden, auch zu wollen: Nach vorn zu schauen und nicht etwas nicht zu wollen, beim enttäuschenden Status quo zu verharren und Lähmung zum Prinzip zu erklären – Jerusalem ist ein verkanntes Füllhorn. Die Menschen dort könnten sich und anderen mehr gönnen. In solcher Sicht liegt eine immense Naivität. Aber vielleicht hilft sie mehr als alles andere.

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