Kommentar: Ellwangen und die schnelllebige Welle der Empörung

Polizisten führen einen Geflüchteten aus der Unterkunft in Ellwangen ab (Bild: dpa)

Glaubt man Politikern und manchen Medien, schrammte Deutschland knapp an einem Bürgerkrieg vorbei. Also, diese Asylbewerber!

Ein Kommentar von Jan Rübel

Langsam lichtet sich der Nebel über Ellwangen, einem beschaulichen Städtchen im östlichen Württemberg. Ganz aufgeregt war man über diesen Ort, hatte es doch dort erstens in der Nacht zum Montag einen vereitelten Abschiebeversuch und zweitens am Donnerstag in der Früh einen Großeinsatz von Spezialeinheiten gegeben, um jenen jungen Togoer, der sich am Montag der Abschiebung nach Italien entziehen wollte, nun doch noch in Gewahrsam zu nehmen.

Die zunächst vereitelte Abschiebung war laut Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) “ein Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung”; ein Satz, der es gewiss nicht in die Geschichtsbücher schaffen wird. Zum einen ist schwer vorstellbar, wie eine Bevölkerung, also viele Menschen, gemeinsam ein Gesicht bilden können. Zum anderen war diese Bevölkerung in Ellwangen weder bei den Geschehnissen dabei, noch irgendwie davon betroffen. Der Bundesminister lieferte ein prägnantes Beispiel kontrollierter Schnappatmung.

Jetzt aber dalli

Da lief indes die Empörungswelle, auf der Seehofer ritt, schon längst. Der notorische Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft meinte, ein Flüchtling, der einen Polizisten angreife, “dürfe keine Stunde mehr in Freiheit sein, bis er zurück in seinem Herkunftsland ist” – das war schmissig, Respekt, Herr Wendt. Vielleicht könnte er so in Konflikt mit der rechtstreuen Bevölkerung geraten, denn 60 Minuten sind recht wenig zum Durchdeklinieren der Grundrechte, aber Wendt schafft dies sicherlich im Schlaf.

Handelte es sich denn in Ellwangen um einen Angriff, als 150 Geflüchtete in der Erstunterkunft den Abschiebeversuch unterbanden?

Sicherlich war die Lage für die Polizisten, die dieser Menge gegenüber standen, bedrohlich. Es war weise, sich vorerst zurückzuziehen und später dem Recht Geltung zu verschaffen. Begriffe wie Angriff oder Gewalt indes klingen anders als das, was wirklich geschah. Die “taz” fragte bei der Polizei an, was es mit den berichteten Faustschlägen auf einen dadurch “beschädigten” Streifenwagen auf sich gehabt habe. Den Schaden konnten die Beamten nicht beziffern, die Zeitung zitiert die Polizei, die Beschädigung sei “jetzt nicht so immens” gewesen, es habe eine “Eindellung” gegeben. Eiderdaus, das nenne ich schwäbischen Bürgerkrieg.

Über den Großeinsatz der Polizei schrieben dann Medien, es seien Beamte “leicht verletzt” worden, die Massivität der Mission war auch mit der Suche nach Waffen begründet worden. Ergebnis der “taz”-Recherche, nachdem sich der Ellwanger Nebel gelichtet hat: Ein Polizist hatte sich verletzt, nach Angaben eines Sprechers “nicht durch Dritte, ohne Fremdeinwirkung”. Und die Waffen? Gefunden worden seien “keine Waffen im technischen und nicht-technischen Sinne”. Es scheint, als sei die Welle der Empörung auf Seiten der “rechtstreuen Bevölkerung” größer als jene am Montagmorgen unter den Bewohner dieser Erstunterkunft.

Eine Frage der Perspektive

Die Vorgänge von Ellwangen dokumentieren, wie genau wir hingucken, wenn es um “Ausländer” geht, da ist rasch der Alarmknopf gedrückt. Und um dies zu rechtfertigen, wird der Spieß umgedreht und beklagt, Medien würden über kriminelle Machenschaften von Ausländern aus Gutmenschenmanier weniger berichten, als sie sollten. Ellwangen zeigt: Das Gegenteil ist wahr.

Ähnlich spießartig argumentiert übrigens Seehofer. Er fordert jene Zustände ein, welche die Randale von Ellwangen erst ermöglichten, nämlich Ankerzentren, in denen Geflüchtete kaserniert werden. Er übersieht, dass kleine Einrichtungen viel besser steuerbar sind und auch das Zusammenleben mit der rechtstreuen Bevölkerung erleichtern, wenn es denn von Seehofer gewollt ist. Morgen jedenfalls haben wir kollektiv vergessen, was dieses Ellwangen einmal war. Eine besondere Gesichtsform?