Kommentar: Eine Zugfahrt, die ist lustig

Im Bahnverkehr kommt bisweilen des Menschen innerste Natur zum Vorschein (Bild: AP Photo/Michael Probst)

Manchmal kommt es zu Nagelproben: Schwein sein oder nicht Schwein sein. Dabei ist Solidarität wichtiger denn je – Erkenntnisse aus einer Zugfahrt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Reisen bildet. Gestern Abend erzählte mir ein Freund, was er am Ostermontag in der Bahn erlebt hatte, ein wahres Sinnbild dafür, was unsere Gesellschaft zusammenhält und was sie teilt.

Er war unterwegs mit seiner Familie, Frau und Kindern, eine längere Fahrt. Plötzlich war der Wagen voll, es hatte auf anderer Strecke einen Zugausfall gegeben. Neben ihm stand dann ein Pärchen, beide Anfang 20, sie alternativ gekleidet und er mit langem Rauschebart wie einst Karl Marx. Dann kam es zu einer Lautsprecherdurchsage.

“Der Zug ist überfüllt und kann so nicht weiterfahren. Wir bitten Studierende mit einem Semesterticket und ohne Platzreservierung auszusteigen und einen Folgezug zu nehmen, er fährt in 22 Minuten ab.”

Nicht ohne mein Recht

Diese Aussage musste der Schaffner öfters wiederholen, denn zumindest im Wagen meines Freundes rührte sich niemand. “Ich habe 400 Euro fürs Semesterticket gezahlt, wie lange muss ich dafür arbeiten?”, lächelte der Bartträger. Seine Freundin sagte die ganze Zeit nichts. Meinem Freund wurde langsam mulmig, denn der Zug fuhr nicht los, und er bangte um seinen Anschluss.

Schließlich fragte er Barty: “Wo willst du denn hin?” Es stellte sich heraus, dass er nur ein paar Bahnhöfe weiter wollte. Mein Freund fragte: “Warum steigst du nicht aus? Das würde anderen helfen.”

Barty antwortete: “Weil ich die gleichen Rechte habe wie du. Ich habe für das Ticket gezahlt.”

Mein Freund fand dies etwas komisch, schließlich blieb der Zug für alle stehen, eine Lösung musste also her, und er, mit den Kindern, einer Platzreservierung und der Aussicht, einen Anschlusszug zu verpassen, sah sich weniger dazu aufgerufen nun den Zug zu verlassen, als der Student. “Ich weiß, es ist komisch”, sagte er, “dass ich sitzen bleiben will und von dir etwas will, aber die Kinder…”

“Ach”, sagte der Student, “denen geht es doch gerade ganz gut.”

Das fand mein Freund recht doof. Was sollte eine Bewertung anderer, wenn Barty eher etwas über sich sagen sollte?

Er fragte: “Bist du politisch links?”

Barty nickte.

“Du verhältst dich aber nicht so. So bleibt Solidarität nur ein Wort.”

Barty zuckte, es war ihm irgendwie peinlich, sagte dazu nichts. Irgendwann fuhr der Zug weiter, aber nur bis zum nächsten Bahnhof, wo der Schaffner per Lautsprecher klarmachte, dass wegen der Überfüllung alle Besitzer eines Semestertickets nun den Zug zu verlassen hätten, weil es jetzt seine Gültigkeit für diesen Zug verloren habe. Brav machte sich Barty mit seiner Freundin davon und stieg aus.

Wo bleibt der Grundwert?

Mein Freund fragte sich, ob er als Student vor 25 Jahren tatsächlich auch erstmal den Ausstieg verweigert hätte. Ihm war offensichtlich: Ihm wäre es leichter gewesen als einer Familie, länger unterwegs zu sein. Das Opfer wäre geringer gewesen. Und es wäre eine Gelegenheit gewesen, etwas für ANDERE zu tun, eben ein kleiner Akt der Solidarität, ein gegenseitiges auf sich Schauen. Und es wurmte ihn, dass ein politisch links stehender junger Mann, der eigentlich gewisse Ideale mit seinem Bart herumtragen sollte, ein Linker, für den Solidarität sicherlich ein Grundwert ist, diesen Test nicht bestand.

Was mein Freund als Augenzeuge erlebte, war ein gesellschaftlicher Lackmustest. Barty hatte versagt. Es brauchte höhere Gewalt, damit er das tat, was er hätte freiwillig tun können.

Unser Land steht gerade vor einigen Herausforderungen. Neuerungen und Veränderungen werden nicht weniger, einige stellen die Frage nach Identität und Heimat, eben Zusammenhalt. Eine Art von Gemeinschaft kam in diesem Zug nicht zustande, weil Barty und mit ihm viele andere Studierende meinten, dem eigenen kleinen Vorteil Priorität gegenüber dem größeren von anderen Mitreisenden einräumen zu wollen. Es war ein Triumph des Individualismus und die moralische Bankrotterklärung eines Linken.

Eine Frage der Gewalt

Eine weitere Erkenntnis über den Einsatz von Gewalt brachte dann die fortgesetzte Zugfahrt. Eine ältere Dame in Öko-Kleidung und knallrot gefärbten Haaren, durch und durch von sich überzeugt und mit dem Drang, dies auch den anderen Passagieren durch endlose Kommentare und Bewertungen mitzuteilen, wurde plötzlich von einem Teenager, seiner Mutter und einer Schaffnerin zur Rede gestellt. Offenbar hatte sie ihm beim Einstigen hart in den Nacken gegriffen.

“Du hast gedrängelt und bist nicht zurückgegangen, ich habe dir vorher gesagt, dass man sich so nicht benimmt”, rechtfertigte sich die Dame.

Die Mutter des Jungen hatte vom Drängeln ihres Filius offenbar nichts gewusst und setzte sogleich auf Rückzug. Der Junge, recht clever, reichte der Öko-Dame die Hand und sagte: “Dann entschuldige ich mich fürs Drängeln und Sie sich, dass Sie mich angefasst haben, oder?” Majestätisch antwortete sie: “Deine Entschuldigung nehme ich an, aber ich habe nichts zu entschuldigen”, ergriff seine Hand und ließ ihn dann gedemütigt abziehen. Den Rest der Fahrt echauffierte sie sich über die Untugenden der Jugend von heute.

Mein Freund war konsterniert. Die Dame war übergriffig geworden, gegenüber einem Kind. Dessen Drängeln kann keine Rechtfertigung dafür gewesen sein. Doch die Frechheit dieser Dame obsiegte; eine Frau, die wie eine klassische Wählerin der Grünen aussah, die sich womöglich für Menschenrechte und eine bessere Welt vorbehaltlos aussprach.

Während die Bahn es bei der Überfüllung des Zuges zuerst mit Appellen versuchte und dann zum Zwangsmittel der Gewalt griff, beanspruchte die Dame selbstherrlich die Gewalt von Beginn an für sich.

Der junge Barty und die alte Pippi Langstrumpf versagten an diesem Tag beide und auf ihre unterschiedliche Art – es war ein trauriger Ostermontag für den Gedanken der Solidarität.