Kommentar: Eine Brennpunktzeitung namens "Bild" und ihr kleiner schwarzer Lord

Gewalt an Schulen ist ein ernstes Thema – das man allerdings mit Fingerspitzengefühl anpacken muss (Symbolbild: Getty Images)

Gewalt und Mobbing an Schulen sind wichtige Themen – nur wenn ein Boulevardblatt diese anfasst, wird es brenzlig. Eine Handlungsanweisung für das Scheitern.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Der Lehrerverband wird sich beim nächsten Mal gut überlegen, ob er der “Bild”-Zeitung noch einmal ein Interview gibt, das letzte jedenfalls ging gründlich daneben. Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger musste als unfreiwilliger Kronzeuge für pfeffrige Schlagzeilen herhalten, für die berühmte Schere zwischen Inhalt und Aufmachung.

Was war passiert? “Bild” titelte: “Unsere Schulen sind außer Kontrolle”, darüber kleiner: “Lehrerverband warnt”. Außer Kontrolle, das klingt nach einem Fall für Rambo, der muss da mal aufräumen gehen. Was sagte also Herr Meidinger im Interview?

“Manche Schulen werden inzwischen von privaten Wachdiensten beschützt. Sie sollen in den Gebäuden, auf den Schulhöfen und an den Eingängen für Sicherheit sorgen. Das ist zwar gleichbedeutend mit einer Kapitulation der Pädagogik, aber zum Teil auch nachvollziehbar, denn immer wieder bringen Schüler Messer oder Reizgas-Sprays mit in die Schule. Wenn wir bei der Integration in diesen Problembezirken keine Fortschritte machen, drohen amerikanische Verhältnisse. Und an einigen Brennpunkt-Schulen in Problembezirken laufen wir Gefahr, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Das dürfen wir nicht zulassen.”

Richtiges falsch bringen: eine Meisterleistung

Meidinger beschreibt hier Faktisches. Ich selbst berichtete vor zwei Wochen für die “Zeit” über eine Grundschule, welche Wachschutz engagiert hatte; eine überaus pragmatische Maßnahme, für die Schüler übrigens auch pädagogisch, die Pausensituationen deeskaliert und Lehrer entlastet. Denn es stimmt: Das Klima an einigen Schulen ist gewaltvoll, vor allem in Stätten mit einem hohen Anteil an Kindern aus Familien mit einer Einwanderungsgeschichte; oft sind es Schulen, bei denen die Mehrheit dieser Familien Leistungen zur Grundsicherung beziehen, also auch von Armut und Ausgrenzung betroffen sind.

Pädagogen berichten auch, dass in dieser Gemengelage die Religion als Vehikel benutzt wird, um selbst auszugrenzen, einzuschüchtern, sich größer zu machen. In diesem Fall sind die Leidtragenden besonders Juden, weil sie zur Zielscheibe eines kultivierten Antisemitismus werden, den die Kinder von ihren Eltern erlernten und als Oberfläche ihrer Aggressionen benutzen.

Man muss und kann gegensteuern. Diese Kinder sind niemals unbelehrbar, die Praxis zeigt oft das Gegenteil. Aber leider werden antisemitische und rassistische Vorfälle von den Schulleitungen in der Regel weggebürstet, sie schaden ja dem Ansehen, und selten wird erst einmal und zuvorderst Partei für die Opfer ergriffen. Da gibt es noch viel zu tun.

Aber zurück zu “Bild”, die Alarm geschlagen hat. Die Beobachtungsplattform “Bildblog” hat dankenswerterweise dokumentiert, wie das Blatt mit Meidinger umsprang. Er sagte genau: Wir laufen Gefahr, “dass die Situation außer Kontrolle gerät”, “an einigen Brennpunkt-Schulen in Problembezirken”. Sie ist laut Meidinger noch nicht “außer Kontrolle”. Vor allem nicht flächendeckend an “unseren Schulen”. Meidinger mahnt also Fortschritte an und warnt bei deren Ausbleiben vor “amerikanischen Verhältnissen”. Was macht “Bild” daraus?

Die Zeitung zückt den Stiftanspitzer und bastelt eine Dachzeile: “Lehrerverband warnt: ‘US-Zustände an Schulen’ nach Flüchtlingskrise”. Oha, plötzlich kommen die Geflüchteten ins Spiel, also jene, die “Bild” einst mit “Refugees Welcome”-Stickern begrüßte, aber das ist lange her. Was sagte nun Meidinger tatsächlich? “Es gab schon vorher massive Integrationsprobleme in einer Reihe von Brennpunkt-Regionen. Durch den Zustrom nach 2015 hat sich aber der Problemdruck noch einmal verschärft.”

“Bild” riss also die “amerikanischen Verhältnisse” aus dem Kontext und jubelte sie dem Lehrer an anderer Stelle unter, denn der “Zustrom nach 2015” wie er sagt, bringt er nicht mit “US-Verhältnissen” in Zusammenhang, sondern damit, dass sich “der Problemdruck noch einmal verschärft” – was eine Binsenweisheit ist, denn es wäre eine Überraschung, wenn dieser Druck durch weitere Einwanderung im Gegenteil abließe.

Stricken für Fortgeschrittene

“Bild” hat also ein Drehbuch für Rambo entworfen, das verkauft sich gut, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Das wissen die Redakteure, und stricken um ihr komisches Knäuel ein paar Fakten herum, indem sie einen Experten finden, der wahres sagt, und einen Politiker, der bekanntlich dummes sagt.

Als ersteren hat die Zeitung, um die Geschichte, die so toll lief, weiter zu stricken, Ahmad Mansour schreiben lassen. Der Psychologe kennt sich in der Jugendarbeit bestens aus und benennt konsequent antisemitische Strukturen in islamischen Milieus. Für “Bild” hat er womöglich auf Copy Paste gedrückt und an die Zeitung das geschickt, was er, richtigerweise, seit Jahren schreibt. “Bild” sei an dieser Stelle gedankt, dass es den Platz dafür einräumte, auch wenn die Zeitung dies womöglich nur in der Manier von “Dr. Jekyll und Mr. Hyde” tat, denn als Haudrauf präsentiert “Bild” in Fortsetzung des Dramas den armen Alexander Dobrindt von der CSU, der verzweifelt Chancen sucht, sich irgendwie rechts oder zumindest als harten Hund zu geben.

“Bild” hielt also das Stöckchen hin, und Dobrindt lief. Vorhang auf für das klassische Politikerstatement: Wenn Schulen zum Austragungsort für religiöse Konflikte würden, sei dies “nicht im Ansatz” zu akzeptieren, sagte er. Gut, dass wir das festgestellt haben! Und weiter: Es müsse “mit maximaler Konsequenz bei Religionsmobbing bis hin zum Schulverweis” dagegen vorgegangen werden, kurz, Dobrindt fordert eine “Null-Toleranz-Strategie”. Klingt schick und bedeutet nichts Konkretes, außer vielleicht der Forderung, zur Bekämpfung von Judenhass an deutschen Schulen überdies zusätzlichen Kräfte zur Unterstützung der Lehrer einzusetzen.

Da hätte ich eine tolle Idee, von islamischen Verbänden wird sie sicher aufgegriffen: Wie wäre es, wenn muslimische Imame in die Schulen gehen und den Kids dort die Leviten lesen, vielleicht gemeinsam mit Rabbis und Pastoren? Aber halt, das geht ja nicht: Dobrindts Boss Horst Seehofer hat letztens postuliert, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, und was kein Teil des Landes ist, kann auch nicht in deutschen Schulen herumlaufen. So kann man ein Problem auch lösen.

“Bild” jedenfalls hat ein Lehrstück in Sachen Desinformation abgeliefert. Häuft sich das bei dem Blatt? Langsam habe ich den Eindruck, der neue Alleinchef Julian Reichelt reißt gerade am Ruder: weg vom warmherzigen Boulevard und hin zum populistischen Kalten Krieg. Reichelt muss ja jetzt ernst genommen werden. Womöglich eine typisch männliche Reaktion.