Kommentar: In eigener Sache

Tobias Huch
Freier Journalist
Der Autor an der Front während des Krieges gegen den IS im Irak (Bild: Tobias Huch)

Sehr geehrte Leser,

seit nunmehr über fünf Jahren bin ich als Journalist tätig. Anfangs war es vor allem investigative Hintergrundrecherche im Verbraucher- und Datenschutz, der mein Hauptaugenmerk galt. Bald schon aber verlagerte sich der thematische Schwerpunkt meiner Arbeit in die Bereiche Innere Sicherheit und Außenpolitik, hier vor allem den Mittleren Osten.

Meine ehrenamtliche Tätigkeit als Flüchtlingshelfer im Irak und Syrien, vor allem in den kurdischen Gebieten, verhalfen mir zu öffentlicher Beachtung und einer gewissen Bekanntheit, die meiner journalistischen Arbeit sehr zugute kam, da ich so nützliche Netzwerke knüpfen und an Informationen gelangen konnte. Außerdem konnte ich so für zahlreiche Kolleginnen und Kollegen als “Türöffner” fungieren und Kontakte herstellen. Auch Grenzübertritte, die Journalisten normalerweise verwehrt sind, etwa vom Irak nach Syrien, waren für mich dank meiner Verbindungen relativ einfach zu bewerkstelligen.

Als Journalist in Krisengebieten, im Zugriffsbereich von autoritären Staaten, hat man es nicht leicht. Anders als in westlichen Ländern werden Reporter und andere Medienvertreter nicht willkommen geheißen und unterstützt, sondern beargwöhnt und nicht selten gar bekämpft, weil ihre Arbeit als Bedrohung wahrgenommen wird. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen haben einen hohen Preis für ihre Arbeit bezahlt; mache kamen ums Leben, andere sitzen in Haft, so beispielsweise Deniz Yücel von der “Welt”.

Despoten wie der türkische Staatspräsident Erdogan fürchten nichts mehr als die Verbreitung der Wahrheit durch unabhängige Beobachter. Ich selbst musste dies mehr als einmal am eigenen Leib erfahren. Seit Jahren erhalte ich regelmäßige Morddrohungen wegen meiner journalistischen Arbeit. Daran habe ich mich beinahe schon “gewöhnt”, obwohl ich mich nie damit abfinden werde. Zwar entwickelt man Routinen, irgendwann empfindet man es gewissermaßen als “normal”, wenn die Polizei zum Schutz vor der Haustür steht oder wenn regelmäßig Streifenwagen in meiner Wohngegend patrouillieren. Aber es ist eine permanente Bedrohungslage, deren ich mir stets bewusst bin.

Viele Menschen rieten mir in Gesprächen, ich solle mich doch lieber zurückhalten, dann würde ich nicht anecken und bräuchte auch nicht um meine Gesundheit zu fürchten. Auch wenn solche Ratschläge aus ehrlicher Sorge um meine Sicherheit ergehen und die Betreffenden es gewiss gut meinen: Dies ist eine Haltung, für die ich nur Verachtung übrig habe. Wer zu bestehendem Unrecht schweigt, wo immer es geschieht, der macht sich der Billigung dieses Unrechts mitschuldig. Wegducken und Stillhalten waren für mich noch nie eine Option, und niemals habe ich mich feige verhalten – weder politisch noch journalistisch; selbst wenn es mit Nachteilen und Belastungen einherging.

Als ich aus Sicherheitsgründen an einen geheimen Ort zog, nachdem ich drei Mal Opfer körperlicher Übergriffe geworden war und nachdem türkische Rechtsradikale wie auch Salafisten meine Privatadresse öffentlich verbreitet hatten, tat ich dies, um auch weiterhin nicht zu schweigen.

Auszug aus der “schwarzen Liste” der türkischen Justizbehörden

Gestern nun wurde mir mitgeteilt, dass die türkische Regierung veranlasst hat, meine Seite bei Twitter (@TobiasHuch) im türkischen Internet zu sperren. Begründung: Die Erdogan-Administration erkennt in meiner journalistischen Tätigkeit “Terrorunterstützung” und “Anstachelung zu Hass und Gewalt”. Die Sperrung traf nicht mich alleine; auch andere Kollegen sind von ähnlichen Zensurmaßnahmen betroffen.

Ich sehe diesen Versuch der Mundtotmachung keineswegs als Rückschlag an; für mich kommt er vielmehr einer Art Ritterschlag gleich. Die Twitter-Sperre ist mir Ansporn und Bestätigung zugleich, beweist sie doch, dass meine Arbeit quantitativ und qualitativ – also inhaltlich und von der Reichweite her – mindestens soviel Wirkung entfaltet, dass sie für Erdogan und seine korrupte Regierung unangenehm wird. Ich werte dies als persönliche Auszeichnung, die ich stolz vor mir hertragen werde – in Verbundenheit und Solidarität mit den vielen Kollegen, die ebenfalls vom türkischen Staat zensiert, drangsaliert oder gar inhaftiert werden.

Die Sperre motiviert mich in meiner Arbeit, sie gibt einen geradezu unglaublichen Antrieb. Für mich heißt die Devise der Stunde: Jetzt erst recht! Deshalb ist zum ersten Mal der Zeitpunkt gekommen, dass ich Erdogan und seiner Regierung danken muss. Ich hoffe auf weitere Sperren, Einreiseverbote, Haftbefehle und Schmähungen. Je stärker der Despot aus seinem milliardenschweren Prunkpalast in Ankara heraus versucht, Presse und freie Meinungsäußerung an die Kandare zu nehmen, desto lauter werden die Stimmen der Wahrheit zu hören sein. Die freie Presse!

An Tagen wie heute wird mir bewusst: Es war die richtige Entscheidung, in den Journalismus zu gehen. Ich bleibe unbequem!

Herzlichst, Ihr

Tobias Huch