Kommentar: Was Donald Trump und Christian Lindner gemeinsam haben

Donald Trump und Christian Lindner haben in den letzten Tagen Migranten als Zielscheibe ausgemacht (Bild: AP Photo/Evan Vucci/Michael Sohm)

Der US-Präsident und der FDP-Vorsitzende lästern über „Illegale“. Damit offenbaren sie ein zweifelhaftes Menschenbild.

Ein Kommentar von Jan Rübel

FDP-Parteichef Christian Lindner fühlte sich falsch verstanden. US-Präsident Donald Trump dagegen sorgt in der Klarheit der ihm eigenen Sprache dafür, dass jeder mitkriegt, wie er tickt. Was beide aber miteinander teilen, ist die Herabwürdigung anderer Menschen. Das soll wohl Wählerstimmen herankarren, unterminiert aber auch den Frieden in der Gesellschaft; vielen Dank.

Der US-Präsident sprach am vergangenen Mittwoch über eines seiner Lieblingsthemen, nämlich die Migration, die findet er „ganz schrecklich“. So sad. Um es in seiner Gänze zu verstehen, sagte er: „Es gibt Leute, die ins Land kommen oder versuchen, ins Land zu kommen, und wir bringen die Leute wieder außer Landes“, verlautbarte Trump bei einem Treffen mit Republikanern im Weißen Haus. „Man kann gar nicht glauben, wie schlimm diese Menschen sind, das sind keine Menschen, das sind Tiere, und wir bringen sie wieder außer Landes.“

Trump entmenschlicht Menschen. Dies ist der plumpste Versuch einer Herabsetzung. Er adressiert damit Menschen, die in ihrer überwältigenden Mehrheit nach Amerika kommen, um zu arbeiten. Sie stärken das Wirtschaftswachstum, übernehmen jene Jobs, für die sich Amerikaner zu schade sind; da sie kaum Chancen auf eine legale Einreise haben, gelangen die Mittel- und Südamerikaner über die grüne Grenze in die USA. Sie arbeiten hart. Sie sind eine Minderheit. Und damit ein gefundenes Fressen für diesen Mann im Weißen Haus mit einem großen Ego und einer kleinen Persönlichkeit.

Bloß nicht zum Bäcker gehen

So weit geht Christian Lindner nicht, er dehumanisiert nicht Leute, die sich illegal im Land aufhalten. Aber auch er spricht ihnen etwas ab, und zwar einen hohen Wert. Er sagte am vergangenen Samstag: „Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer. Damit die Gesellschaft befriedet ist, müssen die anderen, die in der Reihe stehen, damit sie nicht diesen einen schief anschauen und Angst vor ihm haben, müssen sich alle sicher sein, dass jeder, der sich bei uns aufhält, sich legal bei uns aufhält. Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und noch nur gebrochen deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt. Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen, rechtsstaatlichen Einwanderungspolitik.“

Über den vielen Quatsch, den Lindner mit diesen Zeilen zusammenfasste, ist schon viel geschrieben worden, eigentlich liegt diese missratene Rede schon wieder in der Schublade. Aber im Kontext der jüngsten Trumpschen Worte schimmert jener Gehalt durch, der in den vielen Kritiken an Lindners Worten fehlte. In der Quintessenz sagte Lindner: Illegale sind nicht rechtschaffen.

Ich habe im Duden nachgeschaut. Unter „rechtschaffen“ liefert das Wörterbuch Synonyme wie Anstand, Beständigkeit, Ehrlichkeit, Lauterkeit, Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit. Das sind recht viele Werte, die Lindner jenen Menschen abspricht, weil sie zum Betreten unseres Landes gelogen oder alleine durch die Einreise gegen ein Gesetz verstoßen haben.

In jedem wohlhabenden Land gibt es Illegale. Denn es gibt mehr Länder, die nicht wohlhabend sind. Unternehmerische Menschen machen sich auf, in der Natur des Menschen ist das Wandern angelegt. Und natürlich gibt es Menschen, die sich in den USA und in Deutschland illegalerweise aufhalten, und die sind anständig oder nicht – aber dies wird nicht dadurch begründet, ob sie gültige Papiere in der Tasche mit sich herumtragen oder nicht. Ich kenne welche, die seit vielen Jahren illegal in Deutschland leben.

Sie arbeiten hart und fallen kaum auf, sie dürfen nicht auffallen; das ist eine enorme psychische Belastung für sie. Sie haben immer einen Fahrschein dabei, denn jede Kontrolle könnte mit der Katastrophe enden. Sie wären die letzten, die in einer Bäckerei Ärger machen würden, wollte man ihnen die Brötchen von vorgestern andrehen. Sie dürfen nicht krank werden, denn eine Versicherung haben sie in der Regel nicht. Diese Leute sind per se nicht rechtschaffen?

Was Lindner in seiner Parteitagsrede lieferte, war eine Aussage à la Trump light.

Wer Beifall klatscht

Kein Wunder, dass die AfD für die Worte des FDP-Politikers Verständnis zeigte. Schließlich machte jüngst deren Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel, klar: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.”

Auch Alice Weidel teilte im Bundestag gegen Zuwanderer aus (Bild: Reuters)

In Weidels Worten steckt eine Menge Herabwürdigendes, da können Trump und Lindner noch bei ihr in die Schule gehen. Woher bezieht Weidel eigentlich ihre intimen Kenntnisse, dass Frauen mit Kopftuch nicht das Wirtschaftswachstum sichern? Okay, auf dem Arbeitsmarkt haben sie es wegen der rassistischen Vorbehalte gegenüber dem Kopftuch schwieriger bei der Jobsuche, aber sonst? Weidels Politik führt dazu, dass diese Menschen Schwierigkeiten kriegen – und dann wird ihnen das zum Vorwurf gemacht; ich bin mir sicher, dass Weidel daheim eine Katze hat, die sich ständig in den eigenen Schwanz beißt.

Trump und Weidel sind verlorene Fälle. Lindner aber sollte sich seine Wortwahl noch einmal genau anschauen. Und sich endlich entschuldigen.