Kommentar: Dieter Wedel und unsere Allergie gegen #MeToo

Dieter Wedel könnte als der deutsche Harvey Weinstein in die Geschichte eingehen (Bild: AP Photo)

Die Vorwürfe gegen den Filmregisseur werden immer mehr. Dieter Wedel jedoch zieht sich zurück. Wenn er auf die übliche Vergessenheit in Deutschland setzt, hat er dafür gute Gründe.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Sollte Dieter Wedel unschuldig sein, ist seine Weinerlichkeit zu verstehen. Es gilt ja die Unschuldsvermutung, trotz der erdrückenden Berichte, die penibel und sauber recherchiert wirken. Doch was er bisher von sich gibt, ist erbärmlich.

Sollte Wedel unschuldig sein, könnte er sich hinstellen und sein Vertrauen in die Aufklärungsarbeit von Medien und Justiz aussprechen. Warum aber lehnte er ein Gespräch mit der „Zeit“, welche die Recherche betrieb, ab? Was würde ihn davon abhalten – wenn er doch, wie er sagt, zu Unrecht beschuldigt wurde?

Sollte Wedel indes schuldig sein, und dafür spricht gerade Vieles, ist seine bisherige Reaktion von einer Jammerlappigkeit, welche präzise illustriert, warum diese von den Filmindustrien ausgestrahlte komische Potenz in Wirklichkeit einem Häufchen Elende nahekommt.

Was wissen wir von Wedel? Es gibt eine schriftliche Stellungnahme. „Die Vorwürfe liegen teilweise über 20 Jahre und mehr zurück, für mich wichtige Zeugen, die zu meiner Entlastung beitragen könnten, sind tot. Wer die Verjährung abwartet, dem muss doch klar sein, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit vieles im Ungefähren bleibt und erhebliche Erinnerungslücken nicht auszuschließen sind.“

Tja. Es werden noch genügend Zeitgenossen am Leben sein, die zu den Vorwürfen profund aussagen können. Warum schmeißt Wedel im vornherein die Flinte ins Korn, beklagt Tod und Vergessen?

Tut mir leid, aber, bei aller Unschuldsvermutung, so argumentieren Täter. Schuldige werfen die Nebelmaschine der Erinnerungslücken an, reißen Vorwürfe ins Ungefähre. Und Wedels Kritik, die Schauspielerinnen hätten „die Verjährung“ abgewartet, läuft nicht nur ins Leere, sie entlarvt ein Stück weit. Warum eigentlich „die“ Verjährung? Hat Wedel, bevor überhaupt die Vorwürfe bekannt wurden, Jahr für Jahr in seinen Kalender geschaut und nachgerechnet? „Eine“ Verjährung wäre eine clevere Formulierung gewesen.

Die Kraft der Worte

Und überhaupt hat sich Wedels Jammern erledigt, denn nun ist mittlerweile herausgekommen, dass sich Schauspielerinnen damals sehr wohl gemeldet haben, alles aktenkundig beim Saarländischen Rundfunk; nur legte dieses Redakteurskartell, das sich womöglich ähnlich komisch potent vorkam, die Aussagen zu den Akten.

Im Stil treffsicher ungefähr setzt Wedel fort. „Ich höre von Menschen, denen fünfstellige Beträge für Aussagen gegen mich angeboten wurden. (…) Andere vermeintliche Zeuginnen haben in den letzten Tagen versucht, mich zu erpressen. Wenn ich ihnen nicht eine noch höhere Summe anböte als Verlage oder Zeitungen, von denen sie angesprochen wurden, würden sie mich sofort – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – belasten.“

Nun, da kann man nur zurufen: Dann aber bitte Butter bei die Fische. Welche Medien haben Geld geboten? Solches Verhalten von Medien ist nicht auszuschließen, wäre schändlich und müsste sofort angegangen werden. Wedel sollte Ross und Reiter nennen. Und wer sind die anderen „vermeintlichen Zeuginnen“, geht es Wedel darum, die zitierten Schauspielerinnen zu diskreditieren? Sie in ihrem Ruf anzugreifen, einen Tiefschlag zu setzen? Genau gelesen deutet Wedels Äußerung übrigens nicht darauf hin, dass die ihn erpressenden Zeuginnen eine Wahrheit berichten könnten, die über Wedel nur Schändliches sagte.

Dann redet Wedel in einem Gespräch mit der „Bild“ noch von „Horror“, und dass man die Zahnpasta nicht mehr in die Tube kriegte. Da drängt sich die Frage auf, warum sich Wedel Imagefragen stellt, angesichts der horrenden Ausmaße der Vorwürfe gegen ihn; sollte er, um in der Chronologie zu bleiben, nicht erst einmal seine Erschrockenheit und dann seinen Willen zur Aufklärung ausdrücken?

Wie sich die Hinweise verdichten, wäre Wedel der deutsche Weinstein. Was bilden sich eigentlich diese Filmleute ein? Dass ihr künstlerisches und bewundernswertes Wirken ihnen einen Freischein zur Bosheit ausstellt? Dass sie so stark und mächtig seien wie die Charaktere, die sie entwerfen? Stärke und Macht sind Fragen der Persönlichkeit, und nicht der Kulisse – abgesehen davon, dass eine Wedelsche Stärke und Macht nicht im Geringsten wünschenswert sind.

Das System muss auf den Tisch

Bei #MeToo geht es nicht um Rufmord oder Verleumdung, auch nicht um Flirtabdrehbemühungen. Dieser Aufschrei von Frauen dient der Aufklärung. Wedel stehen die bekannten Mittel der Verteidigung zur Verfügung, und am Ende werden wir alle Bescheid wissen.

Vielleicht wird es das größte Verdienst von #MeToo sein, wenn wir diesen Skandal nicht gewohntermaßen ins Hinterhirn schicken. Als die ersten Vorwürfe gegen Wedel laut wurden, wurde es merklich still im Blätterwalt – und dies nicht wegen der klaren Unschuldsvermutung. Wedel ist ja ein Promi, ein Halbgott, einer, dessen gockelhafter Auftritt zur allgemeinen Unterhaltung gehörte. Über Schweinereien spricht man ungern, weil sie struktureller Natur sind.

Was Wedel vorgeworfen wird, diente und dient männlicher Machtstellung, eben typischen Mustern. Zu Wedel gehörte ein System an Unterstützern und Duldern. Die Causa Wedel sollte jetzt erst richtig losgehen, zuerst dieses vermaledeite Filmwesen ausleuchten und dann überall.

Video: Saarländischer Rundfunk will Vorwürfe gegen Wedel aufarbeiten