Kommentar: Die Sexismus-Debatte beginnt zu nerven

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Kevin Spacey ist wegen seiner Übergriffe massiv unter Druck geraten (Foto: Matt Sayles/Invision/AP Images)

Kompliment, Flirt oder Übergriff? Darüber diskutiert die Nation. Echt jetzt?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Kevin Spacey soll meinetwegen Weinbauer in Kalifornien werden, eine ökologische Schafszucht in den Highlands aufziehen oder bei einer alternativen Off-Bühne anheuern und Büßerstücke spielen – dass seine Schauspielkarriere bergab stürzt, hat nicht zu tun mit Political Correctness, Pogromstimmung, Mediengeilheit oder etwa Neid, sondern schlicht damit, dass er dachte, anderen Männern Gewalt antun zu können, weil er, nun, DER Kevin Spacey ist. Und es hat mit den Strukturen zu tun, die es ihm jahrelang erlaubten, und damit sind wir beim Problem.

Eine historische Chance eröffnet sich. Jemand wie Spacey hätte noch vor zehn Jahren über öffentliche Vorwürfe der sexuellen Belästigung nur gelächelt, nichts wäre passiert. Heute sind wir weiter. Heute sammeln sich Frauen, bündeln ihre Erfahrungen, blasen sie ins Netz, wehren sich.

Drei Typen, die nerven

Und was machen Männer? Nicht wenige reagieren entlang von drei Kategorien: entweder verunsichert, amüsiert oder oberlehrerhaft. Die der ersten Kategorie fragen jetzt, ob sie noch flirten dürfen, ob sie Komplimente verteilen können, denn: Es sei ja nun kompliziert geworden. Tatsächlich? Wer sich sowas fragt, sollte zuerst darüber nachdenken, ob er flirten oder Komplimente überhaupt machen kann.

Das Einfache wird verklausuliert und dadurch ein Ausweichmanöver: Verdammt, ein Kompliment ist ein Kompliment, ein Flirt ein Flirt. Und sexistisch wird es, wenn Macht hinzukommt, denn Macht kennt keine Komplimente und ist entgegen traditionellen Überlieferungen auch nicht sexy. Sexismus will nicht jemanden ins Bett kriegen um Sex zu haben, Sexismus will Hierarchien klarmachen. Darum geht es, liebe Verunsicherten.

Da muss man jetzt auch nicht auf betroffen machen, es reicht sich an den Fakten zu orientieren, halt ein bisschen Licht auf sie zu werfen – was nicht mit Teufelsaustreibung getan ist; dass der Regisseur Ridley Scott nun seinen Schauspieler Spacey aus dem aktuellen Filmdreh rausschneiden und die Rolle neu besetzen lässt, ist Quatsch. Die Kunst bleibt bestehen, auch neben dem Verbrechen.

Filme mit Spacey nun in den Giftschrank zu stellen ist auch nur ein Ablenkungsmanöver und ein typisches Entsühnungsverhalten: Die Masse opfert einen Einzelnen, der alle Sünden der Masse damit auf sich zieht und von der Masse sein Opfer beklagen lässt. Dieses Prinzip hatte in der Geschichte großen Erfolg, die monotheistischen Klage-Religionen fußen auf ihm, es hilft aber nicht weiter, um Probleme echt anzugehen.

Sexuelle Belästigung betrachten manche Männer immer noch als “Unerfreulichkeit”, die frau im Alltag eben hinnehmen müsse (Symbolbild: ddp images)

Kommen wir zu den Amüsierten. Der Vorwurf der sexuellen Belästigung, das ist für sie eine übertriebene Reaktion nach dem Motto: Da gingen ihr wohl die Nerven durch. Oder man beklagt, es herrsche nun eine McCarthy-Stimmung, Männer würden verleumdet, um sie zu vernichten, als sei eine Hochzeit der Spaßbremsen angebrochen.

Die dritte Kategorie der Oberlehrer weiß natürlich alles besser. Auch sie sieht übertriebenen Aufschrei am Werk, da fabuliert ein “Welt”-Autor von Hexenverfolgungen und doziert ein “Zeit”-Autor, “wer Vergewaltigungsfälle dazu nutzt, kleine Alltagsrechnungen zu begleichen, verharmlost schwere Straftaten”. Er redet von “Unerfreulichkeiten” die „einem im tagtäglichen Umgang mit Stars und deutlich weniger bekannten Männern begegnen können“, von “Ärgernissen” und warnt natürlich vor “Epidemien” – und spätestens bei diesem Absatz fragte ich mich, ob der Autor weiß, wovon er schreibt.

Es ist zum Brechen. Die Oberlehrer sind mir noch die nervigsten von diesen drei Typen. Sie tun schlau und ignorieren bewusst, dass all diese Ärgernisse und Unerfreulichkeiten den Nährboden im System bilden, dass sie das Klima herstellen, in dem dann die schweren Straftaten geschehen, welche die Oberlehrer dann verdammen, als fielen sie wie Aliens aus dem All.

Verbale Poklatschen

Da ist es kein Zufall, dass die aktuelle Ausgabe der “Zeit” ein weiteres Schmankerl bereithält, nämlich einen Artikel vom Regisseur Volker Schlöndorff. Er verteidigt seinen Buddy Dustin Hoffmann, der sich mit Vorwürfen konfrontiert sieht, er habe während der Dreharbeiten zu einem Schlöndorff-Film eine 17-jährige Praktikantin belästigt. Der Star habe sie um eine Massage gebeten, an den Po gegriffen und mit anzüglichen Bemerkungen bedrängt. “Er war ein Jäger, ich war ein Kind, und das war sexuelle Belästigung”, erklärte sie. Schlöndorff aber sieht darin eine “lächerliche Anklage”.

Ich war sehr gespannt auf den Artikel von Schlöndorff, der Herr war ja dabei und hat etwas zu erzählen. Nur kam die Redaktion der “Zeit” auf die Idee, den Text kostenpflichtig ins Netz zu stellen. Das macht sie nur mit wenigen Texten, was ihr gutes Recht ist. Aber mit dem Beitrag eines Gastautoren? Ich dachte immer, die Bezahlschranke gelte für besonders exklusive Informationen, an denen Journalisten lange gearbeitet haben, intensive Recherche geleistet haben. Oder für in die Tiefe gehende, exzellent elaborierte Erzählstücke, die einordnen, die abseits des hektischen Nachrichtenstreams liegen. Wenn aber die “Zeit” meint, es als zu bezahlenden Scoop verkaufen zu können, dass sie einen Promi fürs Schreiben gewonnen hat, ist das an Armseligkeit kaum zu überbieten.

Volker Schlöndorff lässt auf seinen früheren Star Dustin Hoffmann nichts kommen (Bild: AP Photo/Gero Breloer)

Ich war dann zu neugierig, immerhin hatte die “Zeit” vor Abdruck ein paar Happen aus dem Schlöndorffschen Text fallen gelassen, und die waren zum Schaudern. Hoffmann sei der Kantinenclown gewesen (Verharmlosung), fast jeder am Set habe Hoffman Fußmassagen gegeben (Verallgemeinerung), und schließlich: “Hat er sie beim Gang zum Auto auf den Po gehauen? Kann schon sein. Mehrmals? Sicher, weil sie jedes Mal zurückgehauen hat. Es war ein Spiel, auf das sie eingegangen ist, wohlgemerkt in Anwesenheit von Fahrern, Aufnahmeleitern.” Und auch hier überkommt mich die Vorstellung, ob Schlöndorff weiß, worüber er schreibt.

Für den Regisseur, in dessen Obhut eine 17-Jährige war, bleibt also eine Tat (Poklatsche) okay, wenn sie mit einer ebensolchen beantwortet wird; auf die Idee, dass dies eine Verteidigung gegen einen Angriff gewesen sein könnte, kommt er nicht, aber, hört mal her: Da waren ja noch andere dabei, deshalb war es schon in Ordnung (Verharmlosung + Verallgemeinerung).

Ich fragte mich also, ob es noch mehr zum Schaudern gebe und lieh mir die aktuelle Ausgabe der “Zeit” von der Nachbarin im zweiten Stock, Sharing kann ich nur empfehlen, denn, so viel kann ich verraten, mit Mehrwert hatte die Lektüre dann nichts mehr zu tun.

Der arme Dustin wollte nur spielen

Schlöndorff hat viel erlebt, und es scheint ihm ein Bedürfnis zu sein es mitzuteilen. Er fängt mit einem Verweis an, wie viel er von Literatur versteht, schafft gerade noch den Übergang zum Leben am Set, lässt uns wissen, dass Madonna für eine Filmrolle ihm angeboten habe, ein Jahr lang seine Wohnung zu putzen, meine Güte, welch ein Kerl. Dann jammert er über anonyme Hotels und andere Allgemeinplätze, bis er endlich bei “Dustin” angelangt ist. Dessen damaliger Regisseur erinnert sich aber nur an “geschmacklose Witze”, die Hoffmann gerissen habe. Und warum? “Um das Team zum Lachen zu bringen, die Atmosphäre zu entspannen.”

Erwähnenswert vielleicht noch die Anekdote, fast jeder am Set habe Hoffmann eine Fußmassage verpasst, der Arme stand ja so lange “auf den Beinen”. Damit will Schlöndorff offenbar die Klage der Praktikantin, Hoffmann habe eine Fußmassage von ihr verlangt, in ein anderes Licht rücken und vergisst geflissentlich, dass eine Fußmassage, sagen wir zwischen zwei Zwillingsbrüdern auf dem Fußballplatz möglicherweise einen anderen Kontext herstellt als es zwischen Hoffmann und der Praktikantin gewesen ist oder, in der Hoffnung, dass Schlöndorff Filmsprache versteht: anders als die Fußmassage bei “Pulp Fiction”, die Berichten zufolge mit einem Wurf aus dem Fenster endete.

Das war’s. Schlöndorff schafft es in vielen Worten auf die Quintessenz: Verharmlosung. Verallgemeinerung. Ich denke, das Geld in den Kauf dieses Artikels wäre schlecht angelegt gewesen.

Fakt ist: Das System ist in Gefahr. Das merken wir alle. Hierarchien wanken, ein kleines bisschen. Machtfragen werden lauter gestellt. Zweifel kommen auf. Da geht was los.