Kommentar: Die schönsten Minuten waren vor dem Spiel

Tobias Huch
Freier Journalist
Britische und deutsche Soldaten gedenken vor dem Spiel der Weltkriegstoten (Bild: Reuters)

England gegen Deutschland im Wembley-Stadion – ein Spiel von historischer Tragweite. Das Datum der Begegnung: Der Vorabend des 11. Novembers, jenes Tages, an dem in Großbritannien aller Opfer der Schlachten zwischen Deutschland und England im Ersten Weltkrieg gedacht wird. Das gestrige Sportereignis trug über alle Erwartungen hinaus dazu bei, dass aus dem Freundschaftsspiel ein wahrhaftiges Spiel zwischen Freunden wurde.

Im Vorfeld der Partie hatte es heftige Diskussionen gegeben. Die FIFA wollte der englischen Nationalmannschaft ursprünglich verbieten, schwarze Trauerarmbinden mit der symbolischen Mohnblume (“Poppy”) während des Spiels zu tragen; die lapidare Begründung lautete, man wünsche keine politische Symbolik während eines Länderspiels; offenkundig vermochte die FIFA nicht zwischen Politik und unverfänglicher Friedenssymbolik zu unterscheiden. Dagegen hagelte es Kritik von allen Seiten; auch ich hatte an dieser Stelle einen entsprechenden kritischen Kommentar zum Thema verfasst.

Beide Teams trugen die “Poppy”-Armbinde (Bild: Reuters)

Mein Wunsch – und alles, was ich zu hoffen wagte – war, dass demonstrativ nicht nur das englische, sondern auch das deutsche Team mit der Mohnblume am Arm auflaufen würde. Doch was dann geschah, beeindruckte mich tief: Beide Mannschaften trugen nicht nur die Mohnblume am Ärmel, sondern darüber hinaus fand vor dem Spiel eine stilvolle, bewegende Zeremonie statt.

Eine unerwartete große Geste

Abordnungen aller Waffengattungen der Streitkräfte beider Länder, der British Army und der Bundeswehr, marschierten mit drei Poppy-Trauerkränzen gemeinsam auf das Spielfeld. Der Stadionsprecher gedachte der Opfer aller Kriege. Beide Mannschaften standen andächtig um den Mittelkreis, während die Soldatinnen und Soldaten die Kränze niederlegten und während der nachfolgenden Schweigeminute zu Trompetenklang salutierten. Diese große, gemeinschaftliche Geste hätte ich niemals erwartet.

Jeder Soldat, jede Soldatin und jeder der – wie ich – Krieg hautnah erlebt hat und jeder, der Angehörige verloren hat, ja eigentlich jeder Mensch mit Empathie konnte gestern die Würde dieses Augenblicks und seine tiefe Symbolik spüren. Ich gebe ehrlich zu, dass mich die Andacht sehr ergriffen hat, als ich sie mit einem dicken Kloß im Hals und Tränen in den Augen verfolgte.

Es mag pathetisch klingen, doch ich war erfüllt von Dankbarkeit für diesen Moment wahrhaftigen Friedens. Der gestrige Abend zeigte eindrucksvoll, in welch hohem Maße Sport, insbesondere Fußball, zur Völkerverständigung und zur Überwindung einstiger Gegensätze beizutragen vermag.

Thank you! Danke!

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