Kommentar: Die Pfunde-Debatte um Adele zeigt einen schrägen Blick

Ein Bildschirm mit Sängerin Adele bei den BRIT Awards 2017 (Bild: Getty Images)

Die Supersängerin hat ihr Körpergewicht reduziert. Nun kriegen sich viele nicht mehr ein. Was ist hier los?

Ein Kommentar von Jan Rübel

“Soul-Queen postet Foto: Alle aus dem Häuschen” – so könnte eine Boulevard-Schlagzeile lauten, aber die “Bild”-Zeitung entschied sich für “Irre dünn” im Titel. Was hat die Redakteure um den Verstand gebracht?

Sängerin Adele hat abgenommen, 45 Kilogramm binnen zwei Jahren. Man erfährt ja nicht so viel, warum sie das tat, aber ihre Gründe wird Adele gehabt haben. Geht einen auch nichts an. Scheint ziemlich normal zu sein, man liest: Mehr Sport, weniger Alkohol, kein Rauchen – ist doch super.

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Bei “Bild” indes überschlägt man sich gleich. Eine “zauberhafte Wandlung” hat die Redaktion ausgemacht, “selbstbewusst und gelöst wie lange nicht” – dabei schaut sie auf Fotos seit Jahren ähnlich gleich sympathisch drein.

Doch in Boulevard und Sozialen Medien streicht man sich die Butter dick aufs Brot. Und so wird Adele beschrieben, als habe sie vor zwei Jahren ein Raumschiff entführt und nun wieder mit neun Augen und Titanhaut zur Erde zurückgeschickt.

Kein Top oder Flop

Zwei komische Sichtweisen offenbaren sich. Die eine mustert sie wie einen Rekruten auf dem Exerzierplatz und beschreibt sie in Worten, als habe es da früher ein Problem gegeben. Und die andere Sichtweise kritisiert die Wandlung. Adele macht es eben nicht recht – wenn man die Schublade mehr liebt als das Menschliche.

“Es ist traurig... Sorry...”, “Du hast meinen Respekt verloren!” oder “Du bist nicht die Adele, die wir kannten, du siehst ihr noch nicht einmal mehr ähnlich!”, zitiert “web.de” einige Stimmen. Immerhin wird Adele gemeinhin als Galionsfigur der “Body Positivity”-Bewegung beschrieben: Sie zeigte sich öffentlich unbeeindruckt vom Hass, der ihr seit Jahren entgegenschlug, weil sie gewissen “Schönheitsidealen” (Achtung, Schublade) nicht entsprach und tatsächlich die Frechheit besaß, nicht auf ihr Äußeres reduziert werden zu wollen. Sie lieferte ein anderes Bild als der Hochglanzillus.

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Wer Adele nun kritisiert, dass sie wegen ihrer “Verwandlung” keine Inspiration für kurvige Frauen sein könne, dass sie jemanden verraten habe, der hat nix verstanden. Und handelt genauso wie die Barbiepropheten mit ihren aberwitzigen Idealen, die dieses Wort nicht wert sind.

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Wie kann ein Mensch dafür kritisiert werden, dass er mal Kilos zu viel oder mal zu wenig hat? Abgesehen davon, wie höchst subjektiv eine “Festlegung” ist: Von Relevanz ist die Anzahl von Kilogramm nur für die eigene Gesundheit. Jeder kritische Kommentar über Adeles Gewichtsveränderung ist also lediglich frauenfeindlich. Einem Mann würde man jedenfalls nicht vorwerfen, er würde durch Gewichtverlust die “Body Positivity”-Bewegung verraten – ebenso wie es komisch ist, dass es angeblich nicht normal ist, wenn eine Frau mit einem jüngeren Mann zusammen ist, andersherum aber schon. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.

Natürlich kann Adele Vorbild der “Body-Positivity”-Bewegung bleiben; es wäre allzu schade, wenn der Frage nach ihrem Körper zu viel Gewicht beigemessen würde. Dieser lange Blick, der abschätzende, ist daneben. Er geschieht, weil er die Macht der Männer sichert, je länger er dauert.

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