Kommentar: Die Essener Tafel ist ein Eldorado für Fake News

Kunden warten vor der Essener Tafel (Bild: dpa)

Über die Speisung von Bedürftigen sollte es keinen Streit geben. Eigentlich. Es sei denn, man will ein bisschen lügen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ich kann das Gerede über die Tafel in Essen nicht mehr hören. Viel zu viel Gewese wird über den Umstand gemacht, dass ehrenamtliche Helfer, die nur Gutes tun wollen, sich entschlossen haben vorerst nur Deutsche mit kostenlosem Essen aus der Überflussgesellschaft zu bedenken.

Über das Für und wider ist genug geschrieben worden. Ich persönlich halte die Entscheidung der Helfer für falsch. Das macht sie aber noch nicht zu Rassisten oder gar Nazis. Vielmehr glaube ich, dass durch eine gute Organisation, viel Zureden sowie das Aufstellen strikter Regeln und strenger Kontrolle, dass diese auch befolgt werden, alle Probleme aus dem Weg gefegt werden könnten – wie es übrigens bei den anderen Tafeln in Deutschland auch funktioniert. Da meckert keiner.

Fakt ist: In Essen kam es nicht zu einer Lage, in der alleinerziehende Frauen oder Alte nichts mehr zu essen bekamen, weil Geflüchtete in Massen kamen. Sie entschieden sich, fernzubleiben, fühlten sich offenbar nicht mehr wohl – und da sollten die Essener Helfer ansetzen, dafür sorgen, dass sich alle willkommen genug fühlen, um diese Hilfe anzunehmen.

Einfach an der Schraube drehen

Fakt ist leider auch, dass diese Lage von manchen verzerrt wiedergegeben wird, dass gelogen wird und die Debatte zum Anlass genommen wird zu zeigen, dass viele von uns es toll finden, dem Nächsten nicht das Schwarze unterm Fingernagel zu gönnen. Wir Überflussgesellschaft, wir verdammte.

Das schreibe ich bewusst, obwohl es natürlich viele Menschen in Deutschland gibt, die arm sind, ohne Aufstiegschancen, die wegen ihres sozialen Status, den sie oft geerbt haben, diskriminiert werden. Nur hat diese Ungerechtigkeit nichts mit den Geflüchteten zu tun, die ins Land kamen. Kein einzelner von ihnen hat auch nur einem Deutschpassinhaber etwas weggenommen. Punkt.

Weil diese Binsenweisheit indes gern geleugnet wird, Stichwort: Schwarzes unterm Fingernagel, wird die Wirklichkeit leicht verbogen – immer wieder lese ich in Sozialen Medien über die Essener Tafel: Geflüchtete würden gegenüber der “deutschen Oma”, die wohl so etwas wie der “deutsche Michel” vergangener Jahrhunderte sein soll, bevorzugt behandelt. “Entzwei und gebiete! Tüchtig Wort”, schrieb einmal Johann Wolfgang von Goethe, nur um eine Alternative hinzuzufügen: “Verein und leite! Bessrer Hort!”

In den Sozialen Medien scheint man sich leider oft nur auf den ersten Satz zu besinnen, es wird eine Teilung erfunden, und zwar zwischen “Deutschen” und “Flüchtlingen”, weil die ja eh ein Problem an sich darstellen, Stichwort – ihr wisst schon.

Neues aus der Klamottenkiste

Hier zwei Beispiele für Gruseljournalismus bester Güte. Da gibt es die Seite “Halle-Leaks”, die Lesern einzureden versucht, sie sei ein Portal für Whistleblower. Leider steht dort nur Unsinn neben Propaganda: Zum Beispiel wird die neue Wissenschaftsministerin Anja Karliczek in der Schlagzeile als neue Wirtschaftsministerin angegangen (ist ja alles das gleiche), und weil der Zentralrat der Muslime sich Imame für in der Bundeswehr dienende Muslime wünscht, sieht “Halle-Leaks” gleich das Ziel, aus der Bundeswehr einen islamischen Kampfverband zu machen. Sollte ich dieser Logik folgen, ließe sich auch sagen: Weil sich in Halle ein paar Idioten im Internet austoben, sind alle Hallenser…

Zur Essener Tafel hatten sich die Kameraden folgendes ausgedacht: “Laut Merkel ist Flüchtlingen bei den Tafeln unbedingter Vorrang zu geben”, lügen sie auf ihrer Seite. Richtig ist: Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich tatsächlich zur Essener Tafel und sagte, sie lehne Kategorisierungen ab und sei für Gleichbehandlung.

Nun kann es sein, dass es sich bei “Halle-Leaks” um ein Satireportal handelt, aber das sollten diese Pappnasen dann kenntlich machen, es versteht nämlich sonst keiner. Jedenfalls kommen die tausenden von Klicks, welche diese “Meldung” verzeichnet, vermutlich nicht von Liebhabern des Satire-Magazins “Titanic”.

Ich verstehe Rechte nicht, die so viel Wert auf Heimatliebe, Anstand und Respekt legen, aber dann für ihre Ziele nicht mit offenem Visier, sondern mit Lügen kämpfen. Wie erbärmlich ist das denn?

Vorrangsgequatsche auch bei Sat.1

Ein Pappkamerad ganz anderer Kategorie ist der Fernsehjournalist Claus Strunz. Die Fake-Whistleblower aus Halle verbreiten schlicht Fake News, während sich Strunz jüngst in einem Kommentar verstolperte.

“Stets bemüht sie sich um Flüchtlinge und Asylbewerber, vergisst dabei aber die Einheimischen und ihre Sorgen”, faselte der Sat.1-Moderator mit Blick auf die Geschehnisse rund um die Essener Tafel. Auch hier: Vorrangsgequatsche. Die “Huffington Post” hat nachgezählt, wie oft Geflüchtete im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD vorkommen: zwölfmal. “Meist geht es allerdings um die Begrenzung der Flüchtlingszuwanderung, die Aufteilung von Flüchtlingen in Europa und die Fluchtursachenbekämpfung.”

Strunz gipfelt dann in der Abarbeitung: “Merkel ist zur doppelten Mutti geworden. Zur strengen, gefühllosen und ungerechten Stiefmutter für die aufmüpfigen Deutschen und zur fürsorglichen, nachsichtigen und gütigen Mama für die Flüchtlinge.” Hat er vielleicht “Halle-Leaks” gelesen? Ich könnte nun die Frage stellen, ob Strunz einmal ein Elternproblem hatte, so sehr hat er es mit “Mutti”, aber ich bin nicht sein Therapeut.

Andere Fragen, die nichts mit Strunz zu tun haben, sind wichtiger: Warum haben einige Rechte ein Problem mit den Medien? Warum zeihen sie diese öfters als Linke der Lüge (“Lügenpresse”), agieren aber selbst auch öfters mit Lügen? Geht es etwa um den Kampf gegen etwas, das man nicht kontrollieren kann? Darüber mehr in der morgigen Kolumne – über das Für und Wider des Öffentlichen Rundfunks und unsere Gebühren.

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