Kommentar: Der Golden Globe für Fatih Akın ist ein Dammbruch

Fatih Akın und seine Hauptdarstellerin Diane Kruger bei der Golden-Globe-Verleihung (Bild: Paul Drinkwater/Courtesy of NBC/Handout via REUTERS)

Jetzt geht die schmutzige Wäsche auch noch auf große Tournee: Der Film „Aus dem Nichts“ räumt international ab. Dass wir die NSU-Terrorserie nun vergessen, können wir vergessen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Immer diese verdammten Pädagogen. Die an uns glauben und die Hand reichen – auf dass wir es besser machen. Fatih Akın ist solch ein gütiger Lehrer, der es gut meint. Der Regisseur kam, sah und machte einen Film, der eine einzige Ermutigung ist: „Aus dem Nichts“, welches nun bei den Golden Globes den Preis für den besten fremdsprachigen Film gewann, appelliert an unser Gedächtnis und an unser Herz – das Drama thematisiert unausgesprochen den deutschen Umgang mit einem deutschen Phänomen, mit der faschistischen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Seitdem heißt der Film zuweilen „NSU-Drama“.

Sehr viel Drama wollte man anfangs aber nicht um den Film machen. Ein erster Blick auf die Medienberichterstattung über die Preisverleihung in Amerika offenbart: Ob „FAZ“, „Stuttgarter Zeitung“ oder „Nordbayeren.de“ – kein Wort in den Artikeln darüber, dass Akıns Film den NSU behandelt; die österreichische Zeitung „Der Standard“ dagegen erklärt ausführlich die Bezüge. Überhaupt berichteten die Medien über „Aus dem Nichts“ seit dem Kinostart eher verhalten, besprachen ihn brav und blieben dabei wohl temperiert. Bloß nicht aus dem Konzept bringen lassen, welches heißt: Wir wollen diese blöde Geschichte mit dem NSU vergessen, oder als Randepisode in die Annalen schicken. Und nun macht uns Akın einen Strich durch diese Rechnung.

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Alles, was den Stempel „NSU“ trägt, schieben wir erstmal weg. Ins Vorderhirn lassen wir diese deutsche Geschichte nicht, in der ein Trio über Jahre hinweg Jagd auf Türken machte und sie ermordete, weil sie Türken waren – und das Trio aus Nazis bestand, die aus rassistischen Motiven handelten und sicherlich nicht nur ein Trio waren, sondern aus einem Netzwerk heraus agierten, oder wie es eine Freundin jüngst formulierte: Dass die drei allein und isoliert gehandelt hätten, jahrelang aus dem Untergrund heraus, kann allein aus einem Grund nicht stimmen: Dafür waren sie zu dumm.

Was wir alles nicht wissen wollen

Es gibt auch andere Gründe. Aber diese werden beim gefühlte hundert Jahre währenden Gerichtsprozess in München gegen die einzige Überlebende des Trios, Beate Zschäpe, nicht verhandelt. Die Bundesanwaltschaft hat sich festgelegt, nicht im braunen Sumpf des Trios zu forschen, der allzu schnell bis in Behörden hinein reichen würde; im Umfeld des NSU agierten so viele V-Leute verschiedener deutscher Sicherheitsbehörden, dass sie zusammen eine Fußballmannschaft hätten gründen können.

Was wäre passiert, wenn sich Türken zusammen getan hätten, um Deutsche zu ermorden, jahrelang, aus dem Untergrund heraus? Was wäre passiert, hätte sich eine linksextremistische Bande aufgemacht, um Nazis zu töten? Die Hölle wäre los in Deutschland. Wir hätten besorgte Bürger und aufmerksame Politiker, die immer wieder die Gefahrenlage erörtern, die Dimensionen abstecken und Szenarien entwerfen würden.

Die NSU-Aufklärung beschränkt sich weitgehend auf die Person Beate Zschäpe (Bild: Reuters)

Weil es aber ein paar Jungs von den „Gastarbeitern“ traf, hat die Polizei zuerst nicht daran denken wollen, dass die Morde aus politischen Motiven heraus geschahen, und zweitens die Opfer kriminalisiert, die Hinterbliebenen mit Verdächtigungen schikaniert, die Mordgründe seien in „ausländischen Milieus“ zu suchen. Unser Umgang mit dem NSU folgt einer strukturellen Unterschätzung, einer Geringschätzung und einem kalten Herz.

Und dann kam Akın, sah und siegte.

Schon sein Film „The Cut“ hatte erzieherische Wirkung. Darin erzählte Akın vom Völkermord an den Armeniern in den Wirren des Ersten Weltkriegs, der in der Türkei beschwiegen wird. Dieser Film legte Zeugnis ab, stellte sich sanft gegen das Vergessen, eine Art Therapie. Ähnliches wird uns nun mit „Aus dem Nichts“ geschehen.

Das Ausland schaut genauer hin

Es erscheint wie Ironie, dass der letzte deutschsprachige Film vor Akın, der einen Glolden Globe 2010 gewann, „Das weiße Band“ von Michael Haneke war: Im schwarz-weiß gedrehten Werk offenbaren sich unter der sittlichen Ordnung eines Dorfes vor Beginn des Ersten Weltkriegs Tragödien, welche von der Dorfgemeinschaft verdrängt und vergessen werden – ein Film über die deutsche evangelische Kultur, wie sie Radikalismus wie den Nationalsozialismus ermöglichte. Nun hält uns Akın den Spiegel vor, keine Keule. Er wird uns zum Nachdenken bringen.

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Bei der Preisverleihung der Golden Globes sagte die amerikanische Star-Moderatorin Oprah Winfrey in ihrer Rede zu sexuellen Übergriffen gegen Frauen und die nun entstehende öffentliche Debatte darüber: „Die Wahrheit zu sagen, ist das mächtigste Werkzeug, das ihr alle habt.“ Das gleiche gilt für den NSU.

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