Kommentar: Der fesche André und die Lack- und Ledersippe

André Poggenburgs Domina-Metaphern lassen tief blicken (Symbolbild: Getty Images)

Eine volle Halle, feuchtfröhliches Beisammensein, Auftritt André Poggenburg. Der hält eine lupenreine Demokratenrede.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ich finde, der André Poggenburg hat die beste von allen Reden gehalten, die der politische Aschermittwoch in Deutschland zu bieten hatte. Nach seinem Beitrag bin ich jetzt im Bilde. Ganz im Ernst. Da weiß man, was man hat.

Der AfD-Landesparteichef von Sachsen-Anhalt trat zwar in keinem Sportpalast auf, aber er wurde wie ein Fußballspieler im Stadion angekündigt. Mit Bedacht stieg er auf die Bühne und ließ die “Kameraden”, die er mitunter begrüßte, an seinem Seelenleben teilhaben.

Um es vorweg zu verraten: Ein wenig unentspannt ist der Poggenburg schon. Der lässt sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen. Und er denkt ziemlich viel an Sex. Dass er über alles Bescheid weiß, versteht sich von selbst.

Kanzlerin Angela Merkel: Eine “alte schwarze Glucke”, deren Eier “stinkend faulig” seien. Wer will denn sowas im Stall haben? Poggenburg aber drängt es ins Schlafgemach, denn die CDU ist ihm eine “ganz versaute Lack- und Ledersippe, die ihre Domina an der Spitze braucht”. Eiderdaus, der Poggenburg hat interessante Sexualphantasien. Politik ist für ihn also ungefähr wie, nun, jedenfalls wird er in diesem Moment ganz erregt, seine Stimme überschlägt sich und ein Ruck geht durch den Saal, halt eine Erinnerung an frühere Zeiten.

Vielleicht dachte auch Poggenburg daran, als er den Sozialdemokraten zurief, “jedem das  was ihm gebührt”, rund zwei Autostunden vom Veranstaltungsort liegt das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, an dessen Tor stand auf der Innenseite, also den Häftlingen zugewandt, “Jedem das seine”; das wird damals mancher Sozialdemokrat gelesen haben.

Echtes Detailwissen

Dem Poggenburg wird zu übel mitgespielt, da herrscht eine Missgunst im Land. Ständig diese Verweise auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Was kann der Poggenburg dafür, wenn er so viel weiß? Dass SPD-Politiker Martin Schulz in seiner Jugend beim Fußballspiel keinen Erfolg gehabt habe – in den Datenbanken steht eher das Gegenteil, aber Poggenburg wird schon seine Quellen haben. Auch für die info, dass Schulzens Nase “dauerrot glänzt”, wird Poggenburg sicherlich intimes Wissen besitzen. Zwar lebt Schulz, früher alkoholkrank, seit 1980, also seit 37 Jahren, abstinent – aber Poggenburg lässt sich so schnell nichts vormachen, vor allem nicht in einem Festsaal, dem er ein “feuchtfröhliches Beisammensein, gern bis zum Blausein” wünscht.

Klar, dass Nörgler von der linken Seite diese Art von Humor falsch deuten. Überhaupt zum Beispiel die Linkspartei in Berlin, die es wagte, ein geplantes Heimatministerium zu kritisieren: “Linksspackos, heimatlos, arbeitsscheues Lumpenproletariat”. Genau. Dieser Begriff wurde von den Nazis zuweilen als Synonym für “Asoziale” benutzt, für die stand Buchenwald weit offen. Poggenburg ist eben ein ehrlicher Arbeiter, der wacker rackert. Dass Aktivisten der Berliner Linkspartei es nicht so mit dem Arbeiten haben, wird man dem Sachsen-Anhaltiner exklusiv berichtet haben.

André Poggenburg präsentierte sich beim Politischen Aschermittwoch bestens informiert und lupenrein demokratisch (Bild: dpa)

Aber nicht nur in Deutschland, auch in Europa und darüber hinaus kennt er sich aus. Den Türken an und für sich hat er genau studiert. Von Beruf: “Kameltreiber”. Und die sollen zurück, denn “hier haben sie nichts zu melden”. Wie, die sind doch alle gemeldet, und deutsche Staatsbürger sind sie auch, aber ich vergaß: Laut Poggenburg bringt die doppelte Staatsbürgerschaft nur “Gesindel” hervor. Im KZ Buchenwald landeten anfangs vornehmlich deutsche Reichsbürger, die nannte man auch Gesindel, und dann können die ja auch woandershin.

Wohin? “Weit, weit hinter den Bosporus, zu ihren Lehmhütten und Vielweibern.” Poggenburg offenbart intime Landeskenntnisse. Lehmhütten habe ich in der Türkei nur selten gesehen, hab wohl nicht richtig hingeguckt. Und von der Polygamie in der Türkei bin ich bisher als Randerscheinung ausgegangen, aber der Poggenburg scheint nicht nur Technischer Betriebswirt zu sein, sondern auch Turkologe. Da kann er sicher bald in einem Reiseführer verraten, wo es die Kamele gibt, die ich in der Türkei bisher vergeblich suchte.

Ein Gruß ans antike Erbe

Poggenburg erwähnte in seiner Aschermittwochsrede Türken insbesondere, weil eine türkische Gruppe den Aufbau eines Heimatministeriums kritisiert hatte, unter anderem mit Verweis auf die deutsche Geschichte. Wenn es aber um die Nazi-Geschichte geht, lässt sich Poggenburg nicht einfach reinreden. “Diese Kümmelhändler haben selbst einen Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern am Arsch. Und die wollen uns irgendetwas über Geschichte und Heimat erzählen?”

An diesem Punkt der Rede schlichen sich bei mir doch ein paar Fragezeichen ein. Was meint Poggenburg mit dem “selbst”? Sicher doch den eigenen Völkermord, den wir Deutsche an Juden verübten. In seiner Sprache hat er also den “am Arsch”. Ist auch wirklich lästig. Kann das nicht einer mal wegwischen? Vielleicht jemand von der Lack- und Ledersippe der CDU?

Wieder nett war der Poggenburg-André, zu den Türken, als er sie Kümmelhändler nannte. Das ist nun wirklich ein anderer Beruf als Rübenbauer oder Lumpenproletarier, schließlich weisen früheste Funde von Kümmel bei Ausgrabungen von Pfahlbauten in den Mittelmeerländern auf 3000 vor Christus; damals wird es in Sachsen-Anhalt noch nicht weit gewesen sein, weder mit Kümmel noch mit anderem. Und auch der römische Gelehrte Plinius der Ältere erwähnte den Kümmelanbau. Daher wird Poggenburg den Kümmelhandel als Respektbezeichnung für die türkischen Bürger verwandt haben, sozusagen aus Dank für das römische und griechische Erbe der Antike als Grundlage des Abendlandes, welches er ja ständig retten muss.

So warb Poggenburg am Ende auch für Applaus für die Leute von Pegida, ja, das waren die Jungs mit der Abendlandsrettung. Bevor er abging, zuckte der linke Arm hervor und ging steil halbhoch nach vorn. Tolle Rede, Poggy. Gut einstudiert. Erzählst Du uns nächstes Mal von Gruppensex bei den Grünen, über die Teppichindustrie im Iran und ob es geklappt hat mit der Sache am Po?

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