Kommentar: Der Echo und der Zynismus der Branche

Moritz Piehler
Freier Autor
Kalkulierter Eklat? Farid Bang (l.) und Kollegah treten bei den Echos auf (Bild: Axel Schmidt/Pool via Reuters)

Nach dem Skandal um Farid Bang und Kollegah muss sich die Musikbranche fragen lassen: Welche Mittel zum Erfolg sind legitim. Es ist eine schwierige Diskussion um Kunstfreiheit, Toleranz und Zensur.

Das große Thema am Tag nach der Echo-Verleihung ist die Debatte um die Rapper Farid Bang und Kollegah, die dort nicht nur einen Auftritt hatten, sondern sogar einen Echo in der Kategorie Hip-Hop/Urban National gewannen. Die beiden Düsseldorfer waren wegen antisemitischer Liedtexte in die Kritik geraten. Das Internationale Auschwitz-Komitee hatte sich kurz vor der Echo-Verleihung noch dahingehend geäußert, dass eine Teilnahme der beiden Rapper “für alle Überlebenden des Holocaust ein Schlag ins Gesicht und ein für Deutschland beschämender Vorgang” sei.

Es ist schon bemerkenswert, dass sich eine solche Kommission zu diesem Thema positioniert. Das zeigt, dass die hitzige Diskussion um Farid Bang und Kollegah eher eine Stellvertreterdebatte ist, die sich um den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland dreht. Nicht umsonst hat die Bundesregierung gerade zum ersten Mal mit dem Diplomaten Felix Klein einen Antisemitismusbeauftragten ernannt. Die Liedzeile, die vor allem für Kritik sorgte, stammt aus dem Song “0815” und lautet: “Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen”. Nach einer vorherigen Prüfung durch die Ethikkommission des Echos wurde den Rappern die Teilnahme gestattet. Bei ihrem Echo-Auftritt sparten die Rapper die Zeile dann aus.

Frei.Wild-Kontroverse lässt grüßen

Eine vergleichbare Debatte hatte es vor einigen Jahren um die Rockgruppe Frei.Wild gegeben, die immer wieder wegen rechtslastiger Texte umstritten ist. Die Südtiroler Band war 2013 in der Kategorie “Rock/Alternative National” nominiert. Daraufhin sagten mehrere Mitnominierte ihre Teilnahme ab, darunter die Ärzte und Kraftklub. Dem öffentlichen Druck hielten die Echo-Verantwortlichen nicht stand und zogen die Nominierung von Frei.Wild zurück. Es dauerte aber nur eine Anstandspause von drei Jahren, bevor die Band den Preis dann doch noch erhielt. Rechtfertigt also der Erfolg jede Mittel? Ist die Branche so skrupellos, dass sie jegliche ernstzunehmende Stellungnahme verweigert?

Auch 2018 blieb es dann an einzelnen, sich zum Thema zu positionieren. Campino jedenfalls fand deutliche Worte: “Ich bin nicht die Ethikkomission (…) und Verbote und Zensur sind nicht die Lösung”, sagte der Sänger der Toten Hosen in seiner Rede. Aber man müsse dies zum Anlass nehmen, zu diskutieren “was als Provokation erträglich ist und was nicht.” Diese müsse auch im Rap ihre Grenzen haben. Kollegah wich zunächst mit den Worten aus: “Ich will hier keine Politikdebatte draus machen.” Dann attackierte er den Altpunk aber doch in seiner Dankesrede, ließ ihn wissen, sich als “Moralinstanz aufzuspielen” gebühre einem Künstler wie Campino nicht und erntete dafür Pfiffe des Publikums. Dabei hatte Campino durchaus einen empfindlichen Punkt in der Debatte angesprochen.

Wo beginnt Zensur?

Zensur ist im Kulturbereich ein heikles Thema. Schnell befindet man sich in einer Diskussion um die Freiheit der Kunst und Einschränkung der Meinungsfreiheit. Dahinter verstecken sich vermutlich auch die Echo-Verantwortlichen in ihrer Entscheidung für den Auftritt. Nur: Es ist ein Unterschied, einen Liedtext als Staat oder Institution zu zensieren, oder seinen Urhebern auf einer der größten Bühnen einen öffentliche Plattform zu geben.

Wie schon im Falle von Frei.Wild hätte der Echo ein Zeichen setzen können, dass Kunst neben der Meinungsvielfalt auch ein Raum ist, in dem Minderheiten geschützt werden. Und intolerante oder hetzerische Aussagen eben keinen Platz finden. Diese Chance wurde nicht zum ersten Mal kläglich verpasst. Stattdessen steht wieder einmal der Beweis für die zynische Logik der Eklatverwertung. Es ist der Mechanismus der Branche und natürlich erst recht einer relativ trägen Veranstaltung wie dem Echo, dass ein Skandal nun mal für Quote und Medienaufmerksamkeit sorgt.

Es gibt noch eine andere Seite der Debatte, die etwas schwerer zu fassen ist. Da geht es darum, wer bestimmt, was Kunst ist, was sie darf und was sich gehört. Dieses Seite wird nach wie vor definiert und dominiert von einer bestimmten Bildungsschicht, die Sprache und Themen aus anderen Gesellschaftsgruppen nur dann wahrnimmt und sichtbar macht, wenn sie sich als profitabel erweisen.

Wichtige Debatte wird dem Eklat geopfert

So gibt es für die Schelte gegen die Rapper durchaus Gegenkritik. Das Argument: HipHop bilde ab, wie die Jugendlichen auf der Straße eben sprechen und sie damit auch das Sprachrohr oft marginalisierter Gruppen. Das mag stimmen, nur bedeutet dies eben, dass sich Kunst und Gesellschaft damit auseinander setzen müssen, woher diese Sprache kommt, was dahinter steckt und wie man ihr begegnet. Was ist tatsächlich Antisemitismus, was dumm nachgeplapperte Provokation?

Es ist eine Debatte, die wichtig ist und die unter dem clever ausgeschlachteten Echo-Eklat schnell generalisiert und verfälscht wird. Klar ist aber, eine Veranstaltung wie der Echo als relativ kritikfreie Bühne, auf der die Profiteure dieser Sprache ihren Erfolg abfeiern können, setzt sicherlich das falsche Zeichen.